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Die Höhle – aus dem 5. Kapitel

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Buch-Leseproben, Die Höhle

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Aus der Tiefe gurgelten die verzerrten Echos. Keine Antwort. Vorsichtig trat er einige Schritte hinein. Es roch eigenartig metallisch, und das Schimmern vor ihm wurde deutlicher. Es füllte den gesamten Felsengang aus. Eine ebene Fläche, eine Wand aus spiegelndem Material. Die Kerzenflamme und sein eigenes, verstörtes Gesicht kamen ihm entgegen. Verzerrt wie in einem alten, verzogenen Spiegel. Wo die Flächen auf den Fels trafen, waren sie fleckig; rostige Streifen liefen hinunter. Die Oberfläche war von knopfgroßen stumpfsilbernen Nieten durchbrochen. Das Ding wirkte genauso seltsam wie die gigantischen Felsquader in der Halle – hier konnte Silvia nicht durchgekommen sein. Er war im Begriff, sich wieder umzudrehen, als er, halb aus dem Augenwinkel, eine Bewegung im Spiegel wahrnahm. Sein Spiegelbild hatte sich bewegt – oder vielmehr nicht bewegt – es stand noch genauso da, die Kerze mit der Hand abgeschirmt, das Gesicht von unten angestrahlt. Es schaute ihn an. Manuel spürte, wie sein Gesicht sich mit dem Ausdruck von Furcht füllte, aber sein Spiegelbild schaute ihm unverändert aus der glänzenden Fläche entgegen. Der Ausdruck seines Gesichts schien kalt und berechnend. Manuel hob die Kerze ein wenig und senkte sie wieder. Die Kerze im Spiegel folgte der Bewegung nicht. Mehrere Herzschläge verstrichen, dann hob sein Spiegelbild die Kerze mit einer kurzen, schnellen Bewegung, um sie sofort wieder zu senken – eine höhnische Parodie. Das Spiegelbild lächelte ein kaltes, unangenehmes Lächeln.
Das Gefühl, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit zu hängen, wurde so stark, dass Manuel schwindelte. Sein Spiegelbild machte einen Schritt auf ihn zu, stützte die Hand gegen die glatte Fläche, lehnte sich dagegen und legte den Kopf schief. Es weidete sich an Manuels Schrecken, beobachtete mit Genuss, wie das Entsetzen in ihm hoch kroch – ein Entsetzen, das grausamer war als ein sich selbstständig machendes Spiegelbild, unheimlicher als das Gefühl, dass der eigenen Wahrnehmung jetzt überhaupt nicht mehr zu trauen war. Es war nicht die Angst, dass ihn dieser Mann dort vernichten wollte und sich dafür in einer Anwandlung grotesken Humors seine Gestalt geliehen hatte.
Er kannte ihn über die Vertrautheit hinaus, die das eigene Spiegelbild hat. Die Ähnlichkeit war auch weniger die eines Spiegelbildes, sondern eher die zwischen Zwillingen. Der Spiegel hatte ein kaltes, hartes Gesicht und Augen, aus denen Berechnung sprach. Und eine subtile Grausamkeit. Er grinste, als er Manuels Erkennen sah. Er öffnete den Mund, und für Manuels Wirklichkeitsempfinden war es wie ein Schlag in die Magengrube, als seine eigene Stimme dumpf durch den Spiegel drang. „Sie ist hier durch gekommen“, sagte er. „Aber dir werde ich es bestimmt nicht so leicht machen.“ Sein Lachen war leise und gemein. „Ich sehe gar nicht ein, warum ich einem so selbstgerechten Arschloch wie dir eine Chance geben sollte.“
„Wer bist du?“ Manuels Stimme war leise und heiser.
„Ich glaube nicht, dass ich dir das erklären muss.“
„Bist du mein dunkles Selbst?“
Der andere begann zu lachen. Die Frage schien ihn ungemein zu amüsieren. „Wir sind hier nicht in irgend einem pseudo-psychologischen Fantasy-Roman, mein Lieber. Ich bin kein dunkles Selbst, mit dem du dich versöhnen musst, um die Einheit deiner Seele wiederzuerlangen. Ich bin bloß dein beschissenes Spiegelbild – ungefiltert, sozusagen.“
Manuel wusste nichts zu entgegen. Es gab zu viele Momente in seiner Erinnerung, in denen er ihn schon gesehen hatte. Momente, die ihn wie kaum etwas anderes verunsicherten. In denen seine Selbstwahrnehmung plötzlich gekippt war und ihn sich selbst als Arschloch zeigten: Egozentrisch, selbstgerecht und mit Lust verletzend.
„Gut erkannt“, erklärte das Spiegelbild, lässig gegen die andere Seite der Scheibe gelehnt. „Du bist eine schlecht konstruierte Lüge. Dein ganzes Wesen ist ein Flickwerk aus Selbstbetrug. Deine Erinnerung Schönfärberei.“ Er fixierte Manuel durch den Spiegel hindurch, beobachtete mit kaltem Lächeln, wie seine Worte einschlugen. „Die Menschen, die du Freunde nennst, sie dulden dich nur und ertragen deine Klugscheißereien und Bevormundungen nur aus Pflichtgefühl und Nachsicht. Wirklich mögen tun sie dich nur so lange sie noch nicht gemerkt haben, wie du wirklich bist. Weil du sie getäuscht hast mit deinem gebildeten Gelaber und den Lügen über dich selbst, an die du sogar selber glaubst.“
„Halt die Schnauze!“, kreischte Manuel.
„Aber warum denn?“ Das Spiegelbild zeigte sich unbeeindruckt. Es entblößte nur noch mehr Zähne beim Grinsen. Spitze Zähne. Manuel suchte nach Worten, die er ihm entgegen schreien konnte, aber er fand keine. Seine Brust schien bersten zu wollen von einer wütenden Angst; er wollte gegen diesen Spiegel anrennen und ihn zertrümmern. „Ich werde mir bestimmt nicht von einem wie dir das Maul verbieten lassen. Einem, der den Menschen, die ihn lieben, unendlichen Schmerz zufügt. Du Pseudo-Psychologe hast deine beschissenen pubertären Ängste vor der übermächtigen Frau auf liebenswert-arglose Mädel projiziert und sie zu dunklen, intriganten Göttinnen gemacht in deinem verkorksten Hirnkasten – und deine komische Weibsspinne in ihnen bekämpft. Hast ihnen mit deinen Vorwürfen und Unterstellungen das Herz zerrissen und ihre Gefühle mit Füßen getreten. Böse Absichten, Marionettenspielerinnen, Intrigenspinnerinnen, Psychovampire, schöne Müllerinnen, die hinter ihrer hübschen Larve bösartige, hinterlistige Monstren verstecken.“
„Hör auf, hör endlich auf!“, kreischte Manuel in einem fort. Seine Stimme überschlug sich, und er hatte die Hände auf die Ohren gepresst. Aber es half nichts: weder die Hände auf den Ohren noch sein Geschrei konnten auch nur ein Wort des Spiegelbildes ersticken. Lässig gegen seine Seite der Scheibe gelehnt sprach es ruhig und ohne die Stimme auch nur zu heben: „Schau dich doch an. Du benimmst dich wie ein verzogener Sechsjähriger, wenn er seinen Wutausbruch bekommt. Willst du nicht noch ein bisschen mit den Füßen stampfen? Du weißt, dass ich Recht habe! Nur getroffene Hunde bellen. Ich kann dir noch mehr sagen, Brüderchen.“ Das Spiegelbild brachte sein Gesicht ganz nah an die Scheibe. Vor dem unendlich kalten Lächeln beschlug die Oberfläche, aus den Augen blickte eine Verachtung, ein Belächeln, die die Wut in Manuel ins Maßlose steigerte; eine Wut, die seltsam ungerichtet kochte und tobte und seine Brust sprengen wollte und keinen Ausgang, kein Ventil fand. Sie wollte nichts als das Spiegelbild zum Schweigen bringen. Denn jedes Wort war wie eine glühende Nadel, die bis hinab ins Innerste stach und Dinge weckte, Dinge, die Manuel von innen her zerbissen und zerkratzten. Das Spiegelgrinsen wurde noch ein wenig breiter. Das Amüsement trat in den Vordergrund, ein so herablassend-verächtliches Amüsement, dass die Wut noch ein wenig mehr hoch kochte und Manuel den Atem nahm. Die Linien um den Mund des Spiegelbildes verzogen sich zu einem breiten Grinsen – und darüber hinaus. Das Grinsen verzerrte das Gesicht – es erinnerte an die Metamorphosen des Müllerin-Gesichtes auf dem Spinnenleib, nur subtiler: die Nase bekam einen leichten Knick, als wäre sie einmal gebrochen gewesen; um die Augen vertiefte sich das Netz aus Fältchen, der Haaransatz wich zurück. Manuel starrte ihn an. Hätte der Spiegel ihn gespiegelt, hätte er die seltsam widersprüchliche Mischung von Gefühlen auf seinem Gesicht gesehen. Die Unterwürfigkeit eines geprügelten Hundes, der Stolz des Märtyrers, die Bewunderung des kleinen Jungen, der Hass des Wehrlosen. Am stärksten vielleicht die Spuren eines Jahrzehnte dauernden Ringens um Anerkennung, die auf Spott, Ablehnung und ewiges Herumnörgeln stößt. „Du!“, stieß Manuel tonlos hervor. Seine entgleisten Gesichtzüge waren nur ein schwaches Abbild der Kämpfe in seinem Inneren. Das Gesicht vor ihm, kalt lächelnd mit Augen, die sich kühl distanziert in seine Seele bohrten, stießen eine Tür auf, rissen eine Mauer ein, und eine Flut aus Bildern, Szenen und Gefühlen brach hervor. Manuel war fünf, und er war zehn. Er war zwölf und er war junger Erwachsener. Und alles, was er tat, fühlte und sprach, alles was ihm wichtig war und was er liebte, alles, worauf er stolz war, was er hoffte und wünschte, alles wurde mit harten Worten in den Dreck getreten. Immer wieder, immer aufs Neue. Er war ein Stück stinkende Scheiße, unwürdig, dumm und unfähig. Ein Dilettant und Versager, ein hässlicher Kretin. Die unbändige Liebe und Bewunderung, die er tief in sich trug, durchlief ein ständiges Wechselbad zwischen brutaler Verletzung und Momenten der Seligkeit. Er hörte die Stimme tief in seinem Innersten. Sie war immer da gewesen, die ganze Zeit, all die Jahre. Und er hörte, was sie sprach. Wie sie ihn auseinander nahm, demontierte und jedes Teil für schlecht befand. Dass nur noch Zweifel in ihm war, nein, Gewissheit, dass alles, was ihn ausmachte, alles, was er zu können glaubte, alles, was er tat, nichts wert war. Weniger als nichts. Und wenn irgendjemand meinte, dass es gut sei, dann log er entweder, versuchte, sich einzuschleimen oder war schlicht zu blöd, um zu sehen, wie scheiße es in Wirklichkeit war.
„Du!“, sagte Manuel ein zweites Mal. Er hob den Blick und schaute das Spiegelbild an. Er fühlte, dass sein Blick jetzt ebenfalls bohrend war. Sein Rückgrat straffte sich, die Hände ballten sich zu Fäusten. Wie gut kannte er dieses Gesicht! Auch wenn er es seit Jahren nicht gesehen hatte. Und er begriff, dass es nichts genutzt hatte, seinen Träger aus seinem Leben heraus zu sezieren – er trug ihn mit sich herum. Und selbst wenn er seine inneren Ohren für seine Stimme verschlossen hatte – sie sprach dennoch weiter, und sie tarnte sich als seine eigene.
Er machte einen Schritt auf den Spiegel zu und zu seinem Erstaunen sah er, dass das überhebliche Lächeln ihm gegenüber zerbröckelte und in die so wohl bekannten Augen etwas kroch, das wie Furcht wirkte. Das Durcheinander von Wut und Angst in Manuel – wirr und wild überkochend, wie ein tollwütiges Tier kreischend in seiner Brust – wurde ruhig und kühl. Klar. Gerichtet. Noch ein Schritt. Manuel stand jetzt direkt vor dem Spiegel. Der andere versuchte, die Maske seiner Lässigkeit aufrechtzuerhalten, aber es gelang ihm nicht. Als Manuel direkt vor dem Spiegel stand, wich er einen Schritt zurück. Widerwillig, fast ein wenig ungläubig.
„Du hast keine Macht mehr über mich“, sagte Manuel. „Ich habe dich erkannt.“ Er rief sich das Gefühl ins Gedächtnis, wie seine Hand in die Wunde des Kristalls getaucht war und geheilt hatte, streckte den Arm aus und legte die Finger auf das Glas des Spiegels. Sie tauchten in das polierte Metall, als wäre es aus Spinnweben. Das Spiegelbild stolperte einen weiteren Schritt zurück. Und sein Gesicht verzerrte sich in einer Mischung aus Angst und Hass. Manuel zerriss den Spiegel wie ein Spinnennetz. Mit jedem Griff in die spiegelnde Oberfläche, jeder ausgreifenden Armbewegung zerrte er einen halben Meter herunter. Unzählige schwarze Witwen, diesmal in natürlicher Größe, krochen über die Höhlenwand davon und verschwanden in Ritzen und Spalten. Und mit dem Gesicht des Spiegelbildes geschah Unheimliches. Es war, als fetzte eine unsichtbare Klaue eine Maske von seinem Schädel. Jeder spiegelzerreißende Hieb Manuels zerriss auch das Gesicht vor ihm. Und darunter bewegte es sich. Eine schwarze, wimmelnde Masse. Und wo der Mund war – Zähne. Lang, spitz, wie aus Glas. Ein Maul mit Hunderten von Zähnen; die Lippen zuckende Wülste.
„Was dachtest du?“, krächzte die Stimme des Spiegelbildes. Ein Gurgeln und Röcheln wie das Echo in den Gängen des Bergs. Es lachte. „Dass du irgendwelche verdrehten Komplexe in dir entdeckst und ich mich – kaum, dass du sie sehen kannst – in Wohlgefallen auflöse? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du dich nicht in einem pseudo-psychologischen Selbstfindungsroman befindest.“ Er trat einen Schritt auf Manuel zu und zerriss mit einem Hieb seiner Hand den letzten Rest des Spiegels. Zugleich fiel das letzte Menschliche von seinem Gesicht ab. Und von seinem Körper. Im Gang stand eine mannshohe Gestalt, die Glieder in ständiger Verwandlung. Schwarzes Wimmeln, dass sich in immer neuen Formen zusammenfand. Millionen Schwarzer Witwen, vielleicht. Oder Käfer. Manuel konnte es im flackernden, schwachen Licht nicht erkennen. Nur die glitzernden Zähne aus Glas und das Maul blieben. „Hat die Spiegelwand deinen Weg versperrt, Manuel? Oder hat sie dich vor mir beschützt? Das ist sicherlich eine Frage, die dich im Moment beschäftigt, vermute ich.“ Das Spiegelbild machte einen Sprung, der nichts menschliches mehr an sich hatte: Es schwärmte, floss, quoll und nur das zahngefüllte Maul bewahrte seine Form. Es prallte nicht gegen Manuel – ein Strom unzähliger vielbeiniger, schwarz glänzender Körper traf seine Brust und hüllte ihn ein. Sie waren überall. Krochen über Beine, Bauch und Arme, über Hals und Rücken – bedeckten Kinn, Wangen, Lippen, Augen. Drangen durch Ärmel, Kragen und Hosenbeine; waren überall auf seiner nackten Haut. Und in seinem Nacken bildeten sie einen Klumpen. Das Maul. Manuel konnte es nicht sehen, aber er spürte es. Fühlte die nadelspitzen Glas-Zähne. Sie drangen in seine Haut. Er schrie, und die Dinger strömten in seinen Mund. Tausend nadelfeine Bisse flammten überall an seinem Körper auf, vereinigten sich, flossen zu einem allumfassenden, brennenden Schmerz zusammen. Manuel schlug um sich, warf sich auf den Boden, wälzte sich über den Fels. Sie klebten an ihm, krallten, bissen, drängten in jede Spalte; ihre Körper saßen in den Achseln, auf den Augenlidern, Lippen. Manuel sprang auf und rannte – rannte schreiend, um sich schlagend, den Felsengang hinunter, schlug auf seinen Körper ein, zermalmte mit jedem Schlag ein Dutzend der schwarzglänzenden Körper – aber genauso viele strömten nach. Sein Blick flackerte, die Felswände flimmerten in wilden Farben, er roch verwesendes Fleisch, dann Erdbeeren in wilden Wechsel; das Parfüm einer längst vergessenen Geliebten. Und tief in seinem Nacken saßen die Zähne aus Glas. Es war, als krallte sich ein Vampir auf seinen Rücken und zugleich, als wäre er in ein riesiges Wespennest gefallen.
Aus dem Fels der Höhlenwand pressten sich steinerne Gesichter und glotzten ihm entgegen. Wurzelhände ragten und griffen nach ihm. Ein Schlauch aus Gesichtern und Händen. Erdmünder öffneten sich, Stimmen wie knirschender Kies schrien. Er kannte sie, unter Wurzelhaaren und rissiger Felshaut erkannte er sie. Hunderte bekannte Gesichter aus Stein. Er hörte die kiesel-knirschenden Stimmen. Alle seine Quälgeister waren hier, zu einer Masse aus Gesichtern und Händen verbacken. Manuel rannte, die schreienden Stein-Fratzen rasten vorbei. Sie schrien Vorwürfe, Anklagen. Sie schrien Forderungen. Sie schrien ihm entgegen und hinterher. Ein Spießrutenlauf. Manuel wurde schwarz vor Augen, alles schwankte; er rannte weiter. Er wusste: wenn er fiele, kämen sie über ihn. Zerrissen ihn mit Wurzelfingern, fräßen ihn mit Steinenmäulern. Der Schlauch aus Fratzen und Händen wurde immer enger, zog sich zusammen. Voraus glomm ein blau-türkisener Schimmer – ihn musste er erreichen … er würde ihn nicht erreichen: der Gang schrumpfte, schon spürte er die Wurzelhände von allen Seiten. Die Steingesichter mit toten Kieselaugen rückten zusammen, starrten ihm entgegen, schrien, forderten, kreischten Vorwürfe. Der Gang schloss sich. Vor ihm eine kompakte Wand aus grabschenden, schreienden Steinwesen. Sein Körper bedeckt mit beißenden Spinnen. In der Schulter der tiefe Biss des Spiegeldämons. Sein Körper versagte: er sackte in die Knie, sein flackernder Blick verwirrte sich in Dutzenden schreiender Gesichter aus Stein. Die Zeit lief langsamer, die krallenden Wurzelhände fuhren in Zeitlupe durch die klamme Luft der Felsenganges, tasteten nach ihm, versuchten ihn zu fassen.



[Norman Liebold, 29.10.2011
Buch-Leseproben, Die Höhle
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Die Höhle – 3. Kapitel “Höhlentor”

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Buch-Leseproben, Die Höhle

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

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Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Manuel wusste vom ersten Augenblick an, dass es ein Traum war. Er hatte Erfahrung darin. Seitdem er die Traumdeutung gelesen hatte, führte er Buch über seine Träume, und Freuds Versprechen hatte sich erfüllt. Er träumte immer bewusster und konnte sich nicht nur immer besser daran erinnern, sondern oft schon im Traum selbst die Traumbilder erkennen. Und während er träumte, spürte er, dass dieser Traum anders war. Klarer, deutlicher – und von einem eigenartigen unheimlichen Gefühl getragen.
Er war eine Art Forschungsreisender. Und er wanderte – daran konnte kein Zweifel bestehen – im Siebengebirge umher. Was genau sein Forschungsgebiet war, wußte er nicht. Irgendetwas mit Sprache und Kultur. In seiner Umhängetasche trug er ein Buch bei sich, wo er alles hineinschrieb. Geschichten vor allem, die ihm erzählt wurden. Eine Art Grimm, kam ihm träumend in den Sinn. Ein Grimm, der Geschichten von Spuk und Geistern sammelte. Es gab keine Straßen in seinem Traum, keine Autos, kein Telefon. Seine Kleidung, die Tasche und das Buch schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Goethe-Zeit vielleicht. Oder die Zeit, da die Gebrüder Grimm gewandert waren, um ihre Märchen zu sammeln. Typisch für einen Traum wunderte er sich nicht darüber. Untypisch für einen Traum wunderte er sich, dass er sich nicht darüber wunderte.
Im Wald öffnete sich eine Lichtung. Das war sein Ziel, er wusste es. Hier gab es Geschichten von Spuk und Geistern. Am klappernden Bach – er dachte wirklich klappernder Bach – stand eine Mühle. Wie im Märchen. Und tatsächlich schaute auch die schöne Müllerin heraus. Der Himmel war blau, Schwalben schossen tschilpend umher, es roch nach Heu und Ernte. Natürlich hatte die Müllerin oder vielmehr Müllerstochter grüne Augen, und der träumende Manuel registrierte allerlei Symbole und Hinweise, dass die Traumarbeit ihm hier ein Bild von Silvia hinstellte. Der Traum folgte ganz der eichendorffschen Wanderromantik. Einladung der Müllerin, zärtliche Blicke, dann die Aufforderung, doch über Nacht zu bleiben. Die junge Frau im Nachthemd, die mit Kerze in der Tür zu seiner Kammer steht, wirre Haarsträhnen im Gesicht. Halb Scham, halb Wildheit. Gerötete Wangen, leicht geöffnete Lippen, schneller Atem.
Dann kippte der Traum. Manuel spürte es. Es war wie ein Strudel, während die schöne Müllerin ihn ritt und er röchelnd kam. Er fühlte sich plötzlich schlaff und ausgelaugt, und als er am Morgen erwachte, war zwar der Himmel blau und die Schwalben schwirrten, aber er schaffte es kaum, aus den Federn zu kommen. Die Müllerin umsorgte ihn mit zärtlichen Gesten, tischte ihm auf und sprach von der langen Wanderschaft und seiner Erschöpfung und dass er doch hier ein wenig ausruhen könne. Und er ruhte aus. Am Abend kam die Müllerin in seine Kammer, Tag um Tag. Und er wurde müder und müder. Setzte Fett an, schleppte sich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Weiterzuziehen kam ihm nicht in den Sinn. An seinen Forschungen zu arbeiten war ihm schon in der Vorstellung zu anstrengend. Er schlief bis in den Mittag, erwachte ausgelaugt, aß, und am Abend kam sie in seine Kammer. Sie veränderte sich, oder es schien ihm so. Sie wurde nicht vertrauter, sie wurde ihm seltsam unheimlich. Schon begann er sich zu fürchten, wenn sie in seine Kammer kam und ihn bestieg. Ihm war, als zehrte sie ihn aus. Es gab keinen Spiegel in der Mühle, aber an einem Morgen, als er all seinen übrig gebliebenen Willen zusammen raffte und zum Mühlteich ging, um sich zu waschen – schrak er zurück. Hohlwangig mit tief liegenden Augen glotzte ihn ein Schreckgespenst aus dem Wasserspiegel an. Sein Haar war grau geworden, sein Gesicht von wirrem Bart zugewuchert.
Er stolperte zur Mühle. „Was geschieht mit mir?“ Die Müllerin lächelte und stellte ihm einen Teller hin. „Iss, mein Schatz, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Ihm grauste. Hinter ihrem sanften Lächeln schien ihm etwas zu lauern. Er musste an eine Spinne denken, die ihr Opfer langsam einspann und Stück um Stück aussaugte. Und wie oft in seinen Träumen nahm das Bild Gestalt an. Mit jeder Nacht wurde die schöne Müllerin spinnenartiger. Ihre Augen, zuerst grün, wurden schwarz und insektenhaft. Ihre Leib wölbte sich, wurde zum weich-pulsierenden Körpersack. Schwarze, dicke Borsten wuchsen aus ihrer Haut. Ihre Bewegungen bekamen etwas mehr und mehr fremdartiges. Er sah die Veränderungen, aber er konnte nichts tun. Wie in den Träumen, in denen man rennt und rennt und nicht vom Fleck kommt, lag er im Bett, schleppte sich zum Tisch und ins Bett zurück und beobachtete, als stünde er neben sich, wie sie nachts in seine Kammer kam und sich zu ihm legte. Mit jeder Nacht weniger Frau und mehr groteskes Mischwesen mit pulsierendem, aufgedunsenen Leib. Bald hatte sie acht Beine, jedes mit mehreren Gelenken und dicht mit schwarzen Borsten bewachsen. Von der Frau waren nur die Brüste und das Gesicht geblieben und die nasse Spalte zwischen den hintersten Beinen. Die Spinndrüse. Vielleicht verwandelte sie sich auch nicht, sondern hörte nur auf, die Illusion aufrecht zu erhalten. Weil es nicht mehr notwendig war: er hatte keine Kraft mehr, um zu fliehen oder sich zu wehren. Nur noch Haut und Knochen, war er angefüllt mit ihrem lähmenden Gift. Und wenn auch das Grauen ins Unendliche wuchs, während die Illusion ringsum immer mehr zerbröckelte – gelähmt und seltsam teilnahmslos versuchte er noch nicht einmal, zu entkommen. Das Auflösen des Trugbildes gehörte vielleicht sogar dazu: sie berauschte sich an dem namenlosen Grauen, das ihn erfüllte. Er sah es daran, wie sie ihn aus kalten Spinnenaugen anschaute und sich vor ihm im Raum spreizte, die Wände empor lief, die Decke entlang. Wie sie hereinkam, gerade so, wie eine Spinne mit vor den Kopf gestreckten Beinen aus ihrer Höhle kriecht. Die Mühle war schon längst keine Mühle am klappernden Bach mehr. Eine schwarze Ruine, über und über mit riesigen Spinnweben überzogen. Und dann, irgendwann, begann sein Unterleib sich aufzublähen. Tag für Tag, bis er eine grotesk angeschwollene Blase war, so gespannt, dass die Haut fast durchsichtig wurde. Und darin bewegte es sich. Faustgroßen Wesen mit vielen Beinen krochen als Schemen an der Innenseite entlang. Dutzende kriechender Schatten.
Und das halb zerflossene Gesichter der Müllerin, wie aufgeklebt auf dem borstigen Körpersack der Spinne, lächelte süßlich in Mutterstolz.

***

Manuel fuhr schreiend aus dem Schlaf. Sein Herz raste, als wollte es den Brustkorb sprengen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem kam stoßweise, er war mit Schweiß bedeckt und zitterte am ganzen Körper. Der Traum war vorbei, das Gefühl aber blieb. Ihm saß die Angst in der Brust und drückte ihm die Luft ab. Er wusste plötzlich, warum man Albdruck zu so etwas sagte. Ihm war, als lauerte das Ding aus seinem Traum hier irgendwo. Der geduckte Schatten dort hinter dem Baum. Im gähnenden Rachen der Höhle. Oder – sein Herz drohte auszusetzen – direkt unter ihm, in einem schwarzen Netz über dem Schacht, die Beine gegen die Betondecke gelegt. Alle Haare stellten sich ihm auf, er wurde das Bild einfach nicht los. Und die Angst nicht. Sie war unerträglich, nicht auszuhalten, drückte ihm die Kehle zu. Er fühlte sich, als würde er ersticken.
„Silvia …“, seine Stimme war ein Krächzen. „Silvia!“ Seine Hand tastete neben ihm unter die Decken. Sie waren leer. Panik schlug in ihm hoch. Er schrie laut ihrem Namen, lauschte in die Nacht, die silberdurchzogen unter dem Mond stand. Einem knochenbleichen Mond, einem Totenschädel-Mond. Rascheln von Laub. Der Schrei eines Käuzchens, das leise Fauchen des eingesperrten Windes unter ihm im Höhlenlabyrinth.
Dann, von oben, vom aufgesperrten Rachen des Höhleneingangs: „Hier oben, brüll‘ doch nicht so rum – du hast mich voll erschreckt!“ Jetzt bemerkte er ganz schwach flackernden Schein im Höhlenmaul, eine Kerze vielleicht. Manuel hockte unter den Schlafsäcken, gelähmt vor Angst. Er wollte, dass Silvia ihn in den Arm nahm. Wollte, dass die Angst wegging. Aber nur bei dem Gedanken, von der Betonplatte herunter zu treten, würgte es ihn, dass ihm übel wurde. Etwas würde nach ihm greifen und ihn am Knöchel packen. Ihn mit einem Ruck unter die Platte in den Schacht zerren. Das Traumbild der Spinnenfrau quoll in seinen Geist, fett und pulsierend direkt unter der Platte in einem Nest aus Spinnweben und ausgesaugten Leichen mit aufgeblähten Bäuchen, in denen es sich bewegte. Er rief sich zur Vernunft, drängte die Bilder weg, atmete kontrolliert, schlug sich ins Gesicht, stand auf und sprang mit einem weiten Satz von der Betonplatte. Er knickte um, als er aufkam. Eine Wurzel unter dem Laub. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Fußgelenk, er stürzte und rollte den steilen Hang zurück. Die Stämme wirbelten vorbei, dann stieß er gegen Stein. Mit Schrecken erkannte er die Säulen direkt unter der Platte. Eiskalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Kaminwirkung, schrie er sich innerlich zu. Nur die Kaminwirkung der Höhle! Seine entfesselte Fantasie ließ Spinnenbeine aus der Finsternis schießen. Suchende, tastende, grabschende Insektenglieder mit scharfen Klauen. Keuchend warf er sich zurück, krabbelte wie ein durchgeknallter Käfer auf allen Vieren den Hang hoch. Erst ein Dutzend Meter weiter hielt er an. Seine Knie schmerzten höllisch, die Hände waren aufgerissen. Er warf einen Blick zurück, erwartete, wild zuckende Spinnenbeinen zu sehen oder das ganze Vieh, wie es sich aus einer der Spalten zwängte, eine Spinne von der Größe eines Ponys. Aber da war nichts. Die Betonplatte lag still unter dem Mond. Das bunte Igluzelt wirkte wie Hohn. Das Feuer glomm noch ganz schwach. Das Grauen aber wollte nicht weichen. Die Schwärze unter der Platte lauerte und starrte ihn an. Langsam, immer wieder hektisch über die Schulter schauend, stolperte er auf das schwache, flackernde Licht zu.
Das Bild, das sich seinem Auge bot, als er in das Maul der Hölle trat, verstörte ihn. Silvia kniete auf dem Boden, in der Hand eine Kerze. Sie trug nur ein Hemd. Das Licht der flackernden Flamme schien durch das dünne Leinen und zeichnete ihren Körper nach. Ihre Haare waren offen, ein Lufthauch bewegte sie. Ein Bild von seltsamer Eindringlichkeit: ihre zarten, weichen Linien vor den kantig riesenhaften der Felsen, die weichen Schatten ihrer Brüste gegen die grotesk verzerrten Riesenschatten an groben Felsabbrüchen. Die federleicht wehenden Haare im Massiv des Berges. Ihre Gestalt wurde vom flackernden Lichtkreis der Kerze aus dem Schwarz herausgeschält, klein und zerbrechlich im Felsentor. Es erinnerte an eines dieser kitschigen Fantasy-Gemälde. Bis er bemerkte, was sie tat. Neben ihren nackten Füßen torkelten die blauen Käfer in unsicherer Zielstrebigkeit ihre Straße entlang. Hier waren noch mehr als vor der anderen Höhle. Silvia schaute ihnen fasziniert zu. Mehr noch: Sie hatte ihre linke Hand mitten auf den Weg der Tiere gelegt, und sie liefen über ihren Handrücken. Sie sah nicht verängstigt aus, nur fasziniert. Sie kicherte und schaute hoch. „Das kitzelt!“ Das Licht der Kerze malte zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Es sah für Manuel aus, als veränderten sich ihre Züge, verzerrten sich zu einem Grinsen. „Was hast du?“ Silvia klang besorgt. „Du bist bleich wie eine Kalkwand.“
Das war die besorgte Stimme aus seinem Traum. Die Stimme der schönen Müllerin – und auch ihr Gesicht. Wo die Schatten auf ihm tanzten, schien sich die Haut zu bewegen. Manuel starrte auf ihre Hand. Mehrere Käfer krochen darüber, hielten inne, blieben darauf hocken …
„Hab schlecht geträumt“, brachte er hervor.
„Was denn?“
Die Frage ließ ihn noch mehr in das Gefühl des Traumes zurück fallen. Die Welt zog sich ringsum zusammen. Die Schatten krochen näher. „Unsinn. Nur Unsinn.“ Die Käfer auf Silvias Hand machten ihm Angst. Sie konnten jederzeit ihre messerscharfen Grabkiefer ausfahren und sich in das Fleisch fressen. Unter ihrer Haut entlangkriechen. Wie Beulen, die den Arm hinauf wandern. Wie die Schemen, die auf der Innenseite seines aufgeblähten Bauches herum gekrochen waren. „Nimm die Hand da weg, bitte!“, flehte er.
Silvia schaute hinunter, sah den Käfern zu. Wo war ihre Angst? Das war nicht die Silvia, die er kannte.
„Die tun doch nichts“, sagte sie. Sie hob die Hand vorsichtig. Vier oder fünf der blauen Insekten klammerten sich daran fest. Wie Geschwüre. „Ich verstehe gar nicht, warum ich solche Angst vor den Tierchen hatte. Schau mal, wie schön sie sind! Sie schillern in allen Blautönen wie Edelsteine.“
Manuel war sich nicht sicher, ob er es wirklich sah, oder ob ihm Fantasie und Angst einen Streich spielten. Einer der Käfer verschwand unter ihrer Haut. Eben saß er noch wie ein eigenartiges Schmuckstück auf dem Handrücken, dann, im zuckenden Schatten, tauchte er mit dem Kopf voran hinein und war verschwunden. Er hinterließ eine winzige, blutende Wunde. Manuel schrie. Kaltes Entsetzen rann ihm den Rücken hinunter. Er hatte es sich eingebildet. Es konnte gar nicht anders sein! Die Hand hatte im Schatten gelegen, man konnte gar nichts sehen. Der Käfer hatte den Halt verloren und war hinunter gefallen, nicht mehr. Silvia schaute ihn an, die Stirn gerunzelt. „Manuel, alles in Ordnung?“ – „Entschuldige. Für einen Moment hat es ausgesehen, als …“ – „… als …?“
Manuel war klar, wie lächerlich das war. Aber das Entsetzen ließ ihn nicht aus seinem eiskalten Griff. Etwas in ihm zeigte ihm immer wieder das Bild, wie der Skarabäus unter Silvias Haut schlüpfte. Er meinte, sogar das Geräusch zu hören. Ein nasses Kratzen und ein leises Schmatzen. „… ich weiß nicht. Als würde es dich beißen.“
„Beißen? Das kitzelt nur.“
„Mach die Scheißviecher von deiner Hand weg!“ Er hörte seine eigene Stimme: sie stand kurz vor dem Umkippen und war voller Panik. Und herrisch. „Bitte!“, fügte er flehend hinzu.
„Sag mal, was ist denn los? Ich dachte, du freust dich darüber?“
„Worüber soll ich mich freuen?“, herrschte er sie an.
„Dass meine Angst weg ist. Manuel, schau doch: ich kann sie über meine Hand laufen lassen, und ich finde es bloß lustig, weil es kitzelt …“
Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie anzuschreien, wie dumm sie sei. Kapierte sie denn nicht, dass das eine Falle war? Man verlor nicht einfach seine Angst. Irgendetwas manipulierte sie, damit sie mitten in der Nacht im Hemd in die Höhle ging und diese Viecher über sich kriechen ließ. Er musste vorsichtig sein. Wie mit einer Irren. Ihre Wahnvorstellungen waren zu verlockend, sie würde daran festhalten wollen. „Das sind Mistkäfer, Liebste“, sagte er in beruhigendem Ton, während in ihm die schreckliche Vision weiterwühlte, dass etwas Fremdes in ihren Körper eindrang. In diesen Käfern, die sich unter ihre Haut fraßen. Und er sich zugleich krampfhaft versuchte klarzumachen, dass seine eigene Angst, die Angst aus dem Traum, seine Wahrnehmung verzerrte und überhaupt nichts passierte. Dass Silvia vielleicht tatsächlich ihre Angst verloren hatte, wie er es gehofft hatte. „Sie wühlen im Kot und fressen Scheiße. Findest du es nicht … unhygienisch … sie anzufassen?“
Silvia betrachtete ihre Hand und die Käfer darauf. Auswüchse, Tumore, etwas unglaublich Fremdes auf der Haut seiner Liebsten. Er schloss die Augen, um die Vorstellung abzuschütteln, dass sich die Dinger plötzlich wie auf Befehl in sie hinein fraßen. Es gelang ihm nicht – sobald er die Lider senkte, trat die Bedrohung in voller Stärke in sein Bewußtsein. Alles ringsum lauerte. Etwas war da und hockte in den Ritzen. Mit zitternder Erwartung. Hungrig. Vor seinem inneren Auge sah er, wie sich das Verhalten der Tiere veränderte. Sie torkelten nicht mehr langsam ihre Straße entlang – sie änderten ihre Richtung, krochen zielstrebig auf Silvias nackte Füße zu. Manuel riss die Augen auf, als die Panik ihn übermannen wollte. Silvia kniete im Hemd im Rachen der Höhle, in der Hand die Kerze. Sie betrachtete die Käfer, die sich an ihrer Hand festhielten. Ihre Miene war sehr ruhig.
„Du übertreibst“, sagte sie. Sie streifte die Käfer von ihrem Handrücken, sie fielen zu Boden und krochen unbeholfen durch das Laub davon. „Du benimmst dich total seltsam.“ Sie stand auf, das warme Licht der Kerzenflamme schien durch das Hemd, als wäre es nur ein durchsichtiger Schleier. Ihre Haare umspielten ihr Haupt. Ihr ernstes Gesicht und die vom Dunkel weiten Pupillen, die vollen Lippen und das finstere Maul der Höhle, das alles rührte etwas tief in Manuel an. Er dachte an eine Priesterin, Göttin, Königin. Die Welt ringsum schien den Atem anzuhalten. Selbst die Käfer hielten inne und kratzten nicht durch das dürre Laub. „Du hast mich hierher gebracht, damit ich meine Angst besiege. Die Angst vor Insekten. Vor der Dunkelheit. Vor dem Nachtwald. Ich weiß nicht warum, aber es hat funktioniert. Ich habe keine Angst mehr. Ich ekle mich nicht vor den Käfern, und wenn sie zehnmal Scheiße fressen. Die Höhle macht mir keine Furcht. Ich habe sogar Lust, hineinzugehen und mich umzuschauen.“ – „Nein!“, entfuhr es Manuel fast schon als Schrei. Die Angst schlug über ihm zusammen, der Boden schien zu wanken.
Silvia schaute ihn mit eigenartigem Ausdruck an. „Was ist mit dir los? Du warst doch selbst schon in den Höhlen.“
„Ich will nicht, das du da rein gehst!“
„Warum nicht?“
„Weil da …“ Manuel stockte. „Es ist gefährlich da drinnen.“ Er überlegte fieberhaft. „Da gibt es durchgebrochene Ebenen, Löcher im Boden, durch die man drei Stockwerke tief stürzen kann. Und man verirrt sich da drinnen. Das ist ein riesiges Labyrinth.“ Silvia schien nachdenklich. „Da funktioniert kein Handy. Wenn du dir ein Bein brichst …“
„Ich will nur mal hinein schauen und nicht gleich Höhlenforscher spielen. Hab dich doch nicht so! Und du kennst dich doch da drinnen aus.“ Sie wandte sich von ihm ab und hob die Kerze, um tiefer in die Höhlenöffnung hinein zuschauen. Manuel sah im hinteren Teil eine Öffnung, mannshoch und wie ein Tor geformt. Da dürfte kein Durchgang sein. Er war oft hier gewesen, und er konnte sich an keinen erinnern. Narrten ihn die flackernden Schatten? Hatte sich der Berg geöffnet, um sie hinein zu locken? Ihm wurde schwindlig, die Panik grub sich noch tiefer in seine Eingeweide. Er fühlte, wie etwas ihn anstarrte, versuchte, in seinen Geist einzudringen. Etwas kaltes, uraltes, unsagbar fremdes. Der Luftzug bewegte Silvias Hemd. Ein durchsichtiger Schleier, durch den ihre nackte Haut schimmerte. Ihre Haare waren eine leuchtende Wolke. Als sie sich umdrehte und ihn anlächelte, war es nicht mehr Silvia. Sein Verstand bäumte sich zum Zerreißen gespannt, es fühlte sich an, als zerrisse das Gewebe der Wirklichkeit. Eine dünne Haut, unter der sich Riesenhaftes bewegte und sie aufplatzen ließ. Und darunter, darunter … Manuel wankte. Der Wald war lebendig. Der Fels atmete. Atmete pulsierend, schaute ihn aus unzähligen Augen an. Der Boden unter ihm spürte seine Füße. Alles war ineinander verwoben, war Organismus. Er spürte das Bewusstsein darin. Uralt. Fremd. Lauernd. Und diese Frau dort, dieses wunderschöne Weib mit den grünen Augen, war Teil davon. Es blickte aus ihren Augen, es pulsierte unter ihrer Haut, wisperte in ihren Haaren.
„Komm mit mir“, sagte es. Das Lächeln lockte, die Augen waren ein Sog. Er spürte, wie Verlangen in ihn strömte und sein Begehren über ihren Körper strich, nackt unter dem Schleier des Hemdes. Und zugleich erfüllte ihn Entsetzen. Die Gefühle schienen von außen in ihn einzudringen. Ihr Blick wanderte an ihm herunter. Er trug nur seine Shorts, sie sah seine Erregung und ihr Lächeln wurde lüstern. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich will dich auch!“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Manuel erstarrte. Silvia knöpfte ihr Hemd auf. Ihre Hand glitt über Brüste, Bauch und Beine. „Ich will dich so sehr.“ Etwas in Manuel machte einen weiteren Ruck, er konnte es spüren. Die Haut der Wirklichkeit rutschte in schleimigen Fetzen von dem Unfassbaren herunter, das darunter lag. Er stolperte zwei Schritte von ihr zurück. In Silvias Augen glomm Ärger und Enttäuschung auf. Nicht der Ärger und Enttäuschung einer Frau, die zurückgewiesen wird, sondern vor etwas unheimlich Fremdem. Ihr Bild schien zu wabern. Eine Projektion, durchfuhr es Manuel, ein Trugbild. Das war nicht Silvia, das war das Etwas, das ihn umschlingen und verzehren wollte. Mit Entsetzen und seltsamer Erregung sah er, wie das Weib sich zu winden begann. Es wiegte sich in den Hüften, fuhr mit den Händen über den Leib, stöhnte und leckte sich die Lippen. Es ließ sich zu Boden gleiten, wand sich im toten Laub, bäumte sich auf der nassen, schlammigen Erde zwischen den Käfern. Es spreizte die Schenkel, hob Manuel den Schoss entgegen, griff sich zwischen die Beine. „Nimm mich!“, keuchte es mit fremder, kehliger Stimme. „Nimm mich hier!“
Manuel stolperte zurück, starrte Silvia an. Von ihren Augen war nur noch das Weiße zu sehen, ihr Körper wand sich im Schlamm, ihre Finger krallten und glitten zwischen ihren Schenkeln, ihr Atem war spitz-kehliges Stöhnen, ihre Haut schlammverschmiert. Manuel sah einen Käfer, der auf ihrem zuckenden Bauch herum kroch. Nein, nicht einen. Überall krochen die Tiere auf ihrer Haut. Kletterten ihre Seiten hoch, wühlten sich durch ihr Haar, wanderten die Schultern hinauf. Von allen Seiten kamen sie, magisch angezogen. Erklommen mit ihren langsamen, torkelnden Bewegungen Silvias Körper. Saßen auf den Brüsten, auf dem Bauch, den Wangen.
Manuel schrie auf, als ein Käfer in ihren Mund kroch. Schrie noch lauter, als ein weiterer sich in ihren Bauchnabel senkte und verschwand. Sein Verstand wollte aussetzen, während er gelähmt dastand und zuschauen musste, wie die Viecher sich in Silvias Haut bohrten, in Mund und Nasenlöcher krochen – und Silvia vor Lust keuchte und bei jedem Käfer einen wollüstigen Seufzer ausstieß. Sie lag in einem blau schillernden Bett aus sich bewegenden Insekten, suhlte sich in ihnen, spannte den Rücken, um ihre Scham in die Käferflut zu pressen, spreizte ihre Schenkel zum Zerbrechen …
Manuel fühlte einen Schlag ins Gesicht. Und noch einen. Jemand schrie seinen Namen. Wieder ruckte es in seinem Geist. Die Welt kippte, er fiel in einen schwarzen Schlund aus Schwindel und Übelkeit. Immer wieder hörte er, wie man seinen Namen rief. Er öffnete die Augen. Silvias Gesicht schaute voller Sorge. „Was ist los mit dir?“ Manuel stammelte irgendetwas, ohne zu wissen, was. Er starrte sie an. Ihr Hemd war geschlossen, ihre Haut sauber. Keine Wunden, wo Käfer sich in ihr Fleisch gefressen hatten. Im Laub krochen die Insekten unbeirrt ihrem Ziel entgegen. „Du bist ohnmächtig geworden. Hast wie im Alptraum gezuckt und wie am Spiess geschrien“, sagte Silvia. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Bilder kochten bei der Berührung in Manuel hoch. Er kroch mehrere Schritte von ihr weg. „Fass mich nicht an!“, keuchte er.
„Was?“
Manuel starrte sie an. „Ich weiss nicht, wer du bist! Ich weiß nicht, was du bist!“, stieß er hervor.
„Manuel, was …“
„Was geht hier vor? Was willst du?“
Silvia schaute ihn an, schaute ihn einfach nur an. Die Kerze flackerte in einem Windhauch, für einen Moment lag Silvias Gesicht im Schatten. Manuel sah schwarz glänzende Insektenaugen zwischen ihren Lidern und unter Ihrer Haut bewegte es sich. „Du Scheusal!“, schrie er. „Geh weg! Lass mich in Ruhe!“
Als die Kerzenflamme wieder ruhig brannte, beschien sie ein Gesicht, das zutiefst verletzt war und traurig. Angst und Sorge spiegelten sich in grünen Augen. Langsam stand Silvia auf, drehte sich um und ging auf die Öffnung im hinteren Teil der Höhle zu. Sie ging hinein, der flackernde Schein erhellte einen sauber aus dem Stein gehauenen Tunnel. Der Schein wanderte mit der jungen Frau. Immer tiefer in den Berg. Eine Biegung, und sie war dem Blick entschwunden. Der Schein wurde schnell schwächer und erlosch mit einem letzten Zucken.
Manuel lag im nassen Laub und starrte auf die Öffnung. Er bewegte sich nicht, zitterte nur am ganzen Körper. Als der letzte Widerschein verschwunden war, kam ein dunkles, verzweifeltes Gefühl über ihn. Und mit dem Gefühl so etwas wie Klarheit. Vernunft sickerte in seinen Geist und schwemmte die seltsamen Bilder fort. Die Stimme, die er über Jahre in sich herangezüchtet hatte, meldete sich zu Wort und fragte ihn, was hier geschehen war. Er kannte den Unterton in der Stimme, der ihm deutlich signalisierte, dass er wieder einmal Opfer seiner irrationalen Ängste geworden war. Ihm wurde klar, dass er sich völlig kindisch benahm. Er verstand, dass er – warum auch immer – halluziniert hatte. Ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch begehrte gegen die Stimme auf und wollte die Frage stellen, wer oder was ihm die Bilder in den Kopf gepflanzt hatte, aber die Stimme drängte es zurück. Ihre Argumente waren klar und präzise, ihre Version des Geschehens realistisch. Nichts weiter war geschehen. Silvia hatte auf die Desensibilisierung wunderbar angesprochen und ihre Angst überwunden. Ihre innere Befreiung hatte auch ihre Leidenschaft befreit. Und er kam nicht auf die angstfreie Silvia klar, auf Willensstärke und ungehemmte Lust, auf Selbstsicherheit. Er beruhigte sich. Auch wenn er verunsichert war, wie dünn die Haut der Ratio über dem brodelnden Kessel seiner Ängste war. Langsam stand er auf. Was er auch immer halluziniert haben sollte – die Öffnung im hinteren Teil der Höhle war keine Einbildung. Der Mond gab spärlich, aber genügend Licht. Kein Zweifel, an der Wand öffnete sich ein Gang. Er war künstlich angelegt wie das ganze Höhlensystem unter dem Petersberg. Er war nie wirklich in dieser Höhle hier gewesen, erinnerte er sich. Nur in der anderen Großen weiter vorn, wo sie früher durch die Lüftungsschächte gekrochen waren. Das bleiche Mondlicht reichte nicht in den Gang hinein, aber die Öffnung konnte er deutlich sehen. Eine Tür aus verrostetem Stahl stand offen, ihre Vorderseite war mit Tafeln aus Stein bedeckt, so geschickt, dass kein Unterschied zur Felswand bestehen würde, wenn sie geschlossen war. Vielleicht ein getarnter Zugang aus der Zeit, als hier die Fabrik und die Bunkeranlage betrieben wurde? Hatte ein besonders Eifriger sie dann doch entdeckt nach all den Jahren und sie aufgebrochen? Oder waren die Riegel von selbst verrostetet zu Krümeln zerfallen? Auf jeden Fall hatte kein Geist die Flanke des Berges geöffnet, um Opfer hinein zu locken, sagte die Stimme in seinem Kopf. Aus der Öffnung wehte stetig der eiskalte Wind und griff nach der Angst in seinen Eingeweiden. „Scheiße nochmal!“, stöhnte er. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Mit schnellen Schritten eilte er zum Zelt zurück, zog sich an und holte Kerzen auf dem Seesack. Wenig später stand er wieder vor der Öffnung im Felsen und zündete eine Kerze an. Zwei Schritte machte er auf den Gang zu, der eisige Wind wehte ihm ins Gesicht. Sein Magen knotete sich zusammen, er spürte, wie seine Haare sich im Nacken aufrichteten. Er konnte keinen einzigen Schritt mehr tun, die Angst lähmte ihn. Manuel fluchte, lief vor dem Höhleneingang auf und ab, sprach laut mit sich selbst. Das war nur eine dämliche Höhle, eine Höhle, in der er schon ein Dutzend Mal gewesen war, und die erdrückende Angst war nichts als irrationale Regression. Es half nichts – sobald er am Eingang stand, konnte er nicht weiter gehen, sein Herz hämmerte, er konnte kaum atmen und Bilder drängten sich in ihm hoch, die ihn vor Entsetzen schwindeln ließen – die gigantische Müllerinnen-Spinne, die lauernd an der Decke des Ganges auf ihn wartete, war noch das Harmloseste.
Er musste eine halbe Stunde laut mit sich selber diskutierend im Höhlenmaul herum gehetzt sein, als ihn eine Stimme anrief. Er erschrak und fuhr herum. Auf einem der riesigen Felsenquader saß eine Gestalt. „Was haben wir denn da? Eine gute Nacht wünschen wir ihm!“, krächzte sie. Manuel fragte sich, ob er wieder halluzinierte: der Mann war in Felle und abgerissene Stoffreste gehüllt, sein Bart reichte ihm bis auf die Brust. Die Füße waren nackt und schwarz von Erde. Und das Gesicht, zerfurcht mit brennenden Augen, hätte einem fanatischen Wanderprediger alle Ehre gemacht. Haar und Bart waren grau mit weißen Strähnen, um den Hals trug er unzählige Lederriemen mit Beuteln daran und Amuletten aus Kristallen, Holz und Zähnen. „Ist ihm die Zunge im Hals verfault? Oder warum grüßt er uns nicht?“

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Manuel räusperte sich und brachte ein „Hallo“ zustande. Die Gestalt sprang mit fliegendem Bart vom Stein. In der Rechten hielt er einen Stab, verdreht und mit Federn behangen. Sie hüpfte auf Manuel zu, der erschrocken zurückwich. „Er riecht nach Angst und Verzweiflung!“, stellte sie mit vorgerecktem Kopf fest. Sie umrundete Manuel, beäugte ihn von allen Seiten. „Was hüpft er hier herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und lamentiert laut in der Nacht?“ Der seltsame Kauz war mit schief gelegtem Kopf vor Manuel stehen geblieben. „Na?“
„Meine Freundin ist da rein gegangen. Ich habe Angst um sie“, stammelte Manuel.
Der Kauz stieß ein jammervolles Geräusch aus, einen lang gezogenen Klagelaut. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann, wild herum zu hüpfen. „Unheil!“, rief er aus, als er wieder vor Manuel zu stehen kann. Das Echo hallte durch den Wald. „Unheil!“
So verrückt und durchgeknallt der Mensch auch war, Manuel krampfte sich alles vor Angst zusammen. „Was meinen Sie?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Der Geist!“, stieß der Sonderling hervor. „Der Geist hat sich eine neue Braut geholt!“ Er hockte sich auf den Felsquader und brabbelte Unverständliches vor sich hin. Er kramte in einem der unzähligen Beutel, die um seinen Hals hingen, förderte kleine, weiße Knöchelchen hervor und schüttelte sie in der hohlen Hand. Mit einem Klappern warf er sie vor sich auf den Stein und starrte in wirre Muster. „Der Geistermond ist voll. Der Berg sperrt seinen Rachen auf. Drei mal sieben Jahre…“
Der Kloß in Manuels Hals drückte ihm die Luft ab. Der Verrückte auf seinem Felsquader murmelte in den Bart und starrte auf seine Knöchelchen. Schließlich hob er den Kopf. „Höre er!“, sagte er mit beschwörender Stimme. „Vor drei mal sieben Jahren raubte uns der Geist unser Mädchen. Seitdem hausen wir hier und warten und beobachten. Wir kennen ihn. Wir wissen um alles!“
Manuel schauderte. Es waren keine irrationalen Ängste! Die Haut der Wirklichkeit bekam wieder Risse. „Wie ist es geschehen?“ fragte er mit tonloser Stimme.
„Wir kamen mit unserem Mädchen vor dreimal sieben Jahren. Sie hatte Ängste, und wir wollten sie heilen …“ Der Kauz gab ein erschreckend irres Lachen von sich, das gar nicht lustig klang. „… für einen Psychologen hielten wir uns – keine Ahnung hatten wir! In der Nacht nahm es Besitz von ihr. Verwandelte sie. Es kroch in sie hinein, lockte sie zu sich. In den Berg. Wir standen wie er vor dem Eingang. Der Geist ließ uns nicht hinein, lähmte uns mit schrecklichen Visionen.“
Manuel sah den Kauz jetzt mit anderen Augen. Mitleid regte sich in ihm. „Und seit dem …“
„… sind wir hier. Nähren uns von Wurzeln, kleiden uns in Felle. Wir sind der Wächter. Wir warteten, dass die Höhle sich wieder öffne.“ Er streckte die Hände gegen den Mond. „Und sie öffnete sich.“
Manuel schwankte: entweder dieser Mensch war völlig irre, oder wusste mehr als andere. Aber es war sich gleich: Manuel sah sich genauso wie diesen Ex-Psychologen hier im Wald hausen, wenn er nicht Silvia hinterher ging. Wenn es einen Geist gab, musste er irgendwie kämpfen. Und wenn es ihn nicht gab, Silvia finden und sich bei ihr entschuldigen. So oder so musste er in die Höhle, wollte er sich selbst noch in die Augen schauen können. „Ich geh hinein!“, sagte er mit leiser, aber fester Stimme.
Der Kauz starrte ihn an, dann sprang er in Kreisen herum wie ein seltsamer Vogel. „Er geht hinein!“, rief der und schüttelte seinen Stab. Er rasselte und klapperte von all den Dingen, die daran hingen. „Er geht hinein!“ Plötzlich blieb er stehen und zog sich ein Amulett nach dem anderen über den Kopf, um sie Manuel umzuhängen. Er raunte und brabbelte, Segensprüche vielleicht, Gebete, Zauberformeln. „Eile er sich! Es bleibt nur wenig Zeit! Und höre er das Ritual, mit dem er den Geist bannen kann!“ Der Kauz erklärte und führte vor. Ein Irrsinn aus Sprüngen und in den Boden geritzten Zeichen, aus Formeln und Rufen. Trotzdem saugte etwas in Manuel alles begierig auf. Es waren die einzigen Waffen gegen das, was ihn da drinnen erwartete. Und wenn es auch nur seine eigene Angst war. Zum Schluss reichte der Kauz ihm ein kopfgroßes Garnknäul. „Damit er wieder zurückfinde!“ Er schob und zerrte Manuel bis vor den Eingang. Eisiger Wind schlug ihnen entgegen. „Glück auf seinen Wegen! Wappne er sich gegen das Böse! Wir erwarten ihn hier drei Tage lang!“
Manuel stand, die Kerze in der Hand, sein Blick starrte in den Gang. Der Windhauch roch modrig wie fauliger Atem. Er fühlte sich für einen Moment wie damals als Kind, als er auf dem Fünfmeterbrett im Schwimmbad stand. Auch da war er wie gelähmt gewesen. Und war er nicht später Felsenklippen hinunter gesprungen wie heute Nachmittag? Er schloss die Augen und machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Und noch einen. Der Eiswind schmerzte auf seinen Wangen. Als er die Augen öffnete, stand er im Gang. Sein Herz schlug laut, aber die Angst war erträglich. Er wandte sich um. Das Licht der flackernden Kerze erhellte den Felsengang nur in seiner unmittelbaren Nähe, dahinter versank alles in undurchdringlichem Schwarz. Die Öffnung war ein silbriges Leuchten mit dem Schattenriss des Kauzes, Haare und struppiger Bart glühten im Mondlicht. „Der Geist wird ihn aufhalten wollen mit dunklen Visionen!“, hörte er ihn rufen. Die Stimme hallte im engen Gang. Aus der Tiefe des Berges antwortete ein vielfaches Echo aus gurgelnden Schreien. „Stärke er seinen Geist!“
Manuel nickte ihm zu, schützte die Flamme der Kerze mit der Hand und schritt in den Berg hinein.



[Norman Liebold, 29.10.2011
Buch-Leseproben, Die Höhle
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Die Höhle – aus dem 1. Kapitel “Steinbruch”

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Buch-Leseproben, Die Höhle

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament "Steinbruch" - Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament "Steinbruch" - Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Rückblickend würde Manuel sagen, dass es im Steinbruch begann. Als er mit aufgeschrammten Rippen an der Klippe hing und sich mit rasendem Herzen und keuchendem Atem in die Wurzeln des Holunderbusches krallte. In jenem Augenblick, als die Basaltsäule aus der Felswand kippte, um mit Getöse in den See zu stürzen. Während er an einer Hand über dem Wasser sieben Meter unter ihm hing und zuschaute, wie die Steinsäule in die Tiefe sank, brach irgendetwas in ihm auf. Vielleicht, weil er sich selbst in diesem Moment sah: unter dem Felsen, der ihn hinab in die kalten Fluten riss. Er erlebte, wie er verzweifelt versuchte, sich unter ihm hervorzuwinden. Der Quecksilber-Spiegel der Wasseroberfläche schwebte immer schneller von ihm fort. Ringsum kroch die Dunkelheit heran: zuerst tiefblau, dann schwarz. Ihm ging der Atem aus und seltsame Bilder krochen aus seinem Unterbewusstsein. Schleimig-kalte Tentakel, die nach ihm griffen, große, schlangenartige Körper, die in der Tiefe an ihm vorbei zogen.
Aber er war nicht von der Basaltsäule mitgerissen worden. Er hatte sich nach vorn geworfen und die Wurzel des Hollerbusches zu fassen bekommen. Und auch wenn er mit den Rippen über die scharfen Kanten des Basalts gerutscht war, mehr als ein paar unangenehme Schrammen würde er kaum davon tragen. Er atmete tief durch und suchte mit den Zehen Halt. Seine Linke tastete nach einer Kante. Langsam, unter Stöhnen, zog er sich hoch. Als er den Sims erreicht hatte, rollte er sich auf den Rücken und atmete tief durch. Über ihm ragte die Wand aus regelmäßigen, achteckigen Säulen weitere zwanzig Meter auf, gekrönt von Buchen und Birken. Das Laub begann sich bereits zu verfärben, es war Ende September. Der Himmel glänzte in jenem gläsern-blassen Blau, das Manuel so am Herbst liebte.
Er wälzte sich auf die Seite.
Unter ihm streckte sich der kleine See; das Wasser war, wo die Herbstsonne hinein schien, von einer hellen türkisenen Farbe, im Schatten unter der Felswand von sattem Blau. Auf der anderen Seite, im hellen Sonnenlicht, ragte ein verwitterter Steg in das Türkis. Auf ihm saß Silvia, seine Liebste. Er sah ihre Haut hell zu ihm herüber glänzen und dachte daran, dass ihre Augen von derselben türkisgrünen Farbe waren wie das Wasser des Steinbruchs. Die Wut in seinem Bauch war verflogen und er sehnte sich in diesem Augenblick nur noch danach, bei ihr auf dem Steg zu liegen und seinen Kopf an ihrer Brust zu bergen. Die dunklen Bilder aus der Tiefe des Sees waren noch ihm; die Furcht saß in seiner Magengrube, und so irrational sie auch sein mochte und so sehr er auch wusste, dass sie grundlos war – es änderte nichts daran, dass sie von innen her nach seinem Herzen griff. Er stand auf und befühlte seine Rippen. Die scharfen Kanten des Basalts hatten drei große Schrammen hinterlassen, die sich wie von einer riesigen Pranke geschlagen über seine Seite zogen. Sie bluteten nur an einigen Stellen ganz leicht. Oberflächliche Aufschürfungen, mehr nicht.
Trotzdem war die ganze Aktion sowohl dämlich als auch albern gewesen: wie ein Besessener war er über den See geschwommen; nicht gemütlich, sondern die knapp einhunderfünfzig Meter mit wirbelnden Armen kraulend. Aus Wut, oder vielmehr, um die Wut loszuwerden. Und warum? Weil Silvia nicht ins Wasser wollte. Er betrachtete die Situation in der Erinnerung und verstand sich selbst nicht mehr so richtig. Er hatte ihr diesen versteckten See zeigen wollen, den er selbst durch Zufall entdeckt hatte. Ein Kleinod, ein türkisener Edelstein; eingefasst in dunkelgraue, von Moos überzogene Basaltwände, die senkrecht in das kristallklare Wasser hinab fielen. Einer dieser Orte, die nur märchenhaft genannt werden konnten: die unglaubliche Farbe des Wassers; die regelmäßigen, riesigen Säulen, die wirkten wie gigantische Kristalle. Silvia liebte solche Orte, und er hatte sich gefreut, als sie von ihrer sonst so schamhaften Art abgekommen war und sich mit ihm nackt auf den Steg in die Sonne gelegt hatte. Er schmeckte noch ihre Küsse, die leidenschaftlicher und tiefer waren an diesem verwunschenen Ort. Er hatte das Gefühl gehabt, lebendiger als sonst zu sein; die Wellen glitzerten, die Sonne und die Hände Silvias liebkosten seine Haut und ihm war die Lust gekommen, in diesen türkisenen Wassern zu schwimmen. Ihm war klar gewesen, dass die paar sonnigen Tage den Steinbruch höchstens oberflächlich aufgewärmt haben würden – aber es war ihm egal, als er sich kopfüber vom Steg hinein hechtete. Und, trotzdem empfindlich kalt, war es wunderbar. Ein wenig verrückt, aber genau darum nach Freiheit und Lebenslust schmeckend. „Komm rein!“, hatte er Silvia zugerufen.
Sie hatte auf dem Steg gesessen und irgendwie erschrocken ausgesehen, mit angezogenen Knien und darum geschlungenen Armen. In ihren türkisgrünen Augen war jene dunkle Tiefe, die ihn oft genug irritierte. „Nein“, hatte sie gesagt und damit das verrückt-frohe der Situation zerbrochen. „Ich habe Angst.“
„Wovor denn? Das Wasser ist gar nicht so kalt.“ Er hatte sich rücklings treiben lassen, und hier oben war das Wasser von den frühherbstlichen Sonnenstrahlen angenehm aufgeheizt. Sie hatte geschwiegen, und dann, sehr leise, gesagt: „Ich weiß nicht recht. Der See macht mir irgendwie ein komisches Gefühl. Er ist so tief …“
Das war der Auslöser. In ihm machte sich etwas breit, dass alles mögliche an Gefühlen vermischte. Genervtheit vor allem, dass sie schon wieder mit ihren irrationalen Ängsten einen wildromantischen Moment zerstörte, der so schön hätte sein können. Was konnte es schöneres geben, als nackt im Herbst im türkisenen Wasser eines verzauberten Sees zu schwimmen? Enttäuschung, dass ihm dieses Erlebnis kaputt gemacht wurde, und – das konnte er jetzt vor sich selbst zugeben, mit zerschrammter Brust im Schatten unter der Felswand – weil sie damit etwas in ihm anrührte, vor dem er selbst Angst hatte. Der See war sehr tief. Er wusste selbst nicht, wie tief. Bei seinen Versuchen, bis zum Grund hinab zu tauchen, war ihm immer die Luft ausgegangen, ehe er den Boden auch nur sehen konnte – und er war ein sehr guter Taucher. Und manchmal, wenn er hier schwamm, wurde ihm unheimlich zumute, besonders, wenn ihn eine der kalten Strömungen traf. Er vermutete, dass es an der großen Tiefe lag und daran, dass der See immer zum Teil im Sonnenlicht und zum Teil im Schatten der Felswände lag. Jedenfalls gab es Ströme von kaltem Wasser, die einen unvermittelt trafen und erschrecken ließen. Die plötzlich Furcht weckten, dass etwas Riesenhaftes vorbei getaucht war. Etwas, das man nicht sehen konnte unter sich – von grotesken Formen und spitzen Zähnen oder mit langen, kaltschleimigen Fangarmen.
Das ging vielen so, das wusste Manuel. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er sein Psychologie-Studium begonnen hatte. Die Ängste, wenn er in einem tiefen See schwamm; vor einer dunklen Höhle oder nachts mitten im Wald. Es hatte etwas mit Kontrolle zu tun. Genauer: mit Kontrollverlust. Man wusste nicht, was unter einem war, man konnte es nicht sehen mit dem Kopf über der spiegelnden Wasseroberfläche. Genauso, wie das Auge die Finsternis nicht durchdringen kann nachts im Wald oder in der Tiefe einer Höhle. Was der Augenmensch nicht sehen kann, entzieht sich seiner Kontrolle. Alles lauert dort, jede Inkarnation sämtlicher Ängste, die man je ausgestanden hat. Sie kommt mit geiferndem Maul herangeschlichen, aus der Tiefe von See oder Höhle emporgetaucht – und man weiß es noch nicht einmal, kann weder davonlaufen oder wegschwimmen, noch sich zur Verteidigung rüsten – ausgeliefert sein, eine Kontrolle über die Situation. Ein Spalt für das Unbewusste, das Verdrängte, Verschobene. Projektionsflächen. Genau wie alles Fremdartige – zu andersartig, als dass man es verstehen könnte, seine nächste Reaktion voraussehen. Wie Insekten in ihrer unübertroffenen Andersartigkeit. Oder Spinnen.
Man konnte den irrationalen Ängsten und Projektionen nachgeben. Bis sie unüberwindbare Phobien wurden. Oder sich ihnen stellen. Hindurchgehen. Immer wieder. Bis man gelernt hat, dass da keine Riesenkraken im Steinbruchsee des Siebengebirges lauern und, während man schwimmt, ihre Tentakeln tastend nach einem ausstrecken. Dass kein Ungeheuer aus der Höhle hervor gesprungen kommt, einen zu verschlingen, und kein wildes Raubtier hinter dem Baum in der Nacht. Die Angst blieb. Nicht mehr drängend, aber als Druck in den Eingeweiden, als mulmiges Gefühl. Aber sie beherrschte einen nicht mehr so sehr. Und jedes Mal weniger.
Silvia hingegen schaffte es, sie wieder in sein Bewusstsein treten zu lassen. Ihre Angst brachte längst beherrschte Ängste in ihm wieder zum Schwingen. Manuel war zu erfahren darin, sich selbst zu reflektieren, als dass er ihr die Schuld dafür gab.
Aber etwas in ihm war ihr dennoch böse darum. Und weil er seine eigene Angst nicht zugeben wollte, verkleidete sich das Gefühl in Genervtheit.
Wie er auf dem Felsensims stand und über das Wasser zu ihr hinüber schaute, wurde ihm mehr als jemals zuvor bewusst, dass er ihr helfen konnte und helfen musste. Und er war sich sogar klar darüber, dass er das nicht zuletzt seiner selbst Willen wollte. Soviel Ehrlichkeit musste sein.
Sein Blick streifte über den etwa zwei Meter breiten Absatz in der Felswand. Früher mochte hier ein Weg gewesen sein, auf dem die Arbeiter die gebrochenen Basaltsäulen abtransportiert hatten. Jetzt war er mit Gras bewachsen, kleinen Bäumen und Büschen. An der Abbruchkante wuchs eine Wegwarte, ihre Blüten waren so blau wie der herbstliche Himmel. Halb aus Versöhnungswillen, halb aus einem plötzlich unbändig in ihm aufkeimenden romantischen Gefühl heraus, ging er hin und pflückte eine besonders schöne Blüte. Ein Lächeln sprang ihm ins Gesicht. Er war über den See geschwommen, trotz der Monstren, war unter Lebensgefahr die Felswand hinauf geklettert, fast unter tonnenschwerem Fels begraben worden, und das alles, um seiner Liebsten die Blaue Blume aus dem Reich des Schattens zu holen. Er fand es selbst romantisch, umschloss die Wegwarte fest mit den Fingern und trat an den Felsabbruch, um hinunter ins Wasser zu springen und zurück zu schwimmen.
Als er hinunter schaute, kroch ihm die Angst erneut in die Eingeweide. Der Fels unter ihm fiel fast senkrecht sieben Meter auf das dunkle Wasser hinab, spitze Vorsprünge ragten hervor und weckten Bilder, wie er beim Absprung abrutschte, fiele und auf sie aufschlüge, um mit zerschmetterter Stirn und Blauer Blume in die Tiefe zu sinken. Die sieben Meter wirkten von hier oben wie zwanzig. Und auch wenn er sie zu unterdrücken versuchte, von tief drinnen kamen schemenhafte Bilder von seltsamen, riesigen Wesen, die da unten ihre Tentakel und Kiefer streckten. Er schloss kurz die Augen, erklärte sich selbst, wie albern seine Ängste wären, hielt sich vor, dass er schon häufiger von dieser Stelle in den See gesprungen war und spürte, wie sein Herz rasend gegen die Rippen klopfte und sein Atem schnell und flach ging. Dann, mit einem inneren Schrei, sprang er. Panik kochte in ihm hoch, während er fiel. Die Wasseroberfläche raste näher, und die grauenhaften Bilder überfluteten alles. Unbeschreibliche Angst vor dem Aufschlagen und Untertauchen dehnte die Zeit; ihm war, als hinge er für Minuten in der Schwebe. Dann traf das Wasser seiner Füße wie ein harter Schlag mit einem Brett. Die Kälte nahm ihm den Atem und für einen Moment glaubte er, sein Herz würde einfach aussetzen. Wild begann er nach oben zu rudern und sein Kopf durchbrach nach gefühlter Ewigkeit die Oberfläche. Er spürte den Stängel der Kornblume in seiner Hand, sah die glitzernde Fläche des Sees und den herbstblauen Himmel darüber, und ein Lachen brach aus ihm hervor. Er lachte seine Angst aus, denn er war lebendig und auf der anderen Seite wartete seine Liebste auf ihn. Er zwang sich, gleichmäßig und ruhig zu schwimmen. Aber jedes Mal, wenn eine der eigenartigen kalten Strömungen ihn traf, begann sein Herz zu rasen. Bilder überfielen ihn von Dingen, die unter ihm schwammen und jeden Moment zupacken würden. Als er am Steg ankam, setzte er ein fröhliches Gesicht auf, aber in seinem Inneren herrschte immer noch die irrationale Angst, dass im letzten Moment ein baumstarker, glitschiger Tentakel sich um seine Beine wickeln und ihn in die Tiefe zerren würde.
Seine Liebste saß mit angezogenen Knien und darum geschlungenen Armen auf dem Steg und starrte ins Glitzern des Sees. Sie drehte sich nicht zu ihm um, als er geräuschvoll auf den Steg kletterte. Die Erleichterung, auf dem Trockenen und der Angst im Wasser entronnen zu sein, machte Enttäuschung Platz. Er hatte es sich so schön vorgestellt, wie er mit Kornblume aus dem Wasser steigt und seiner Wunden auf den Rippen nicht achtend seinem Schatz die Blaue Blume reicht. Er hatte sich ihr Lächeln ausgemalt, das freudige Glitzern ihre grün-türkisenen Augen, die Umarmungen, den Kuss. Nicht wegen der Blume, aber weil sie die Geste erkannte, sah, dass er nicht mehr böse war und sich genauso wie er wünschte, dass alles wieder in Ordnung wäre.
Er griff sich sein Handtuch und rieb sich trocken. Sie saß weiter und starrte auf das Wasser hinaus. Kein Entgegenkommen. Wie immer. Wieder musste er nachgeben, und er war es so leid, dass sie ihn auf diese Weise zwang, zu Kreuze zu kriechen.
„Hab dir was mitgebracht von drüben“, sagte er mit beiläufigem Tonfall, als er hinter sie trat. Er ließ die Kornblume auf ihre Knie fallen. Silvia fing sie nicht auf, und sie rollte über ihren Arm, fiel auf die Kante des Stegs und schwankte einen Moment wie ein Waagbalken, ehe sie kippte und im Wasser landete. Silvia hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt, und sie machte keine Anstalten, sein Geschenk aus dem See zu fischen. Ohne dass er sagen konnte, warum, fühlte er eine unendliche Verletzung. Die Blume wurde zum Sinnbild. Zum Sinnbild für seine Liebe, für alle seine Bemühungen, die genauso an ihr abglitten wie die fallende Blume. Wie viele Stunden hatte er verständnisvoll mit ihr geredet, sie im Arm gehalten, wenn sie wieder einmal hemmungslos weinte, von irgendwelchen Erinnerungen oder absurden Ängsten geschüttelt wurde oder schlicht an sich selbst verzweifelte.

Silvia. Alexander Lebedev, Grafit auf Papier 2011.

Silvia. Alexander Lebedev, Grafit auf Papier 2011.

„Es reicht! Mir reichts wirklich, Silvia!“, rief er lauter, als er gewollt hatte. Sie drehte sich langsam um. In ihren Augen schwamm eine tiefe Traurigkeit. Und auch ihre Stimme klang traurig. Traurig und ruhig. „Was reicht dir, Manuel?“, fragte sie.
Für einen Moment war er sprachlos und ihm wurde bewusst, wie lächerlich das Ganze war: Seine Wut darüber, dass sie nicht Ende September in einem kalten Steinbruch baden wollte; sein wildes Schwimmen; das gefährliche Hochklettern an der Steilwand; das Hinunterspringen in ein unbekanntes Gewässer aus sieben Metern Höhe und seine Reaktion darauf, dass die Kornblume ins Wasser gefallen war. Vielleicht war es Trotz, vielleicht Wut über sich selbst, vielleicht der Wille, einfach Recht zu behalten. Oder er fühlte sich bloßgestellt in seiner offensichtlich unangemessenen Reaktion. Jedenfalls quoll ihm im nächsten Augenblick alles mögliche über die Lippen: „Alles reicht mir, Sylvia! Deine Launen, deine absurden Ängste, dein Herumtrotzen. Mir reicht es, dass du immer schöne Momente kaputt machen musst! Ständig diskutieren wir über irgendwelche sinnlose Scheiße, du liegst stundenlang bei schönstem Wetter im Bett herum und suhlst dich in Selbstmitleid. Machst mir ständig Vorwürfe! Am laufenden Band machst du mir Vorwürfe!“ Silvia schwieg. Sie sah ihn nur traurig an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Und jetzt fang nicht wieder mit Heulen an! Ständig drückst du Tränen raus, wenn ich die Wahrheit sage! Das nennt man emotionale Erpressung, weißt du das? Du fängst an zu flennen, wenn es unbequem für dich wird, ich fühl’ mich scheiße und komm’ angekrochen und mache dir alles recht, nur damit du aufhörst mit weinen.“
Silvia sagte immer noch nichts, schaute einfach, und die Tränen rannen über ihre Wangen. Manuel fühlte eine seltsame Zwiegespaltenheit. Auf der einen Seite tat es ihm weh, sie weinen zu sehen. Er fühlte sich mies, dass er sie zum Weinen gebracht hatte, und er sah sich selbst, wie er immer weiter auf sie einredete und verbal regelrecht auf sie einschlug. Er wollte aufhören, die Zeit zurück drehen und anstatt wild über den See zu schwimmen aus dem Wasser klettern, um sie in den Arm zu nehmen. Auf der anderen Seite kamen all die Situationen der letzten Wochen in ihm hoch, all die Momente, wo ein schöner Tag, ein Besuch bei Freunden, ein Ausflug in Tränen und Streit und Schweigen geendet hatten, nur weil irgendetwas Nebensächliches dazwischen gekommen war. Eine dumme kleine Spinne, die Silvias Weg unverzeihlicher Weise gekreuzt hatte; etwas, das sie an irgend eine schlechte Sache aus der Vergangenheit erinnert hatte; ein nicht ganz geschickt gewähltes Wort. Oder eine seltsame Stimmung an irgend einem vielleicht etwas eigenartigen Ort. Wie hier im Steinbruch. „Guck dir doch an, wie das heute gelaufen ist! Es ist ein wunderschöner Tag, die Sonne scheint, und dieser Ort ist ein Traum. Wir sitzen nackt auf dem Steg, wir könnten uns küssen, zusammen schwimmen, Liebe machen – aber nein – du hockst da wie zehn Tage Regenwetter und starrst vor dich hin, keine Ahnung warum!“
„Manuel“, sagte Silvia leise. Ihre Wangen waren nass von Tränen, ihre Stimme klang verschluckt. „Bitte hör auf! Komm einfach her und nimm mich in den Arm!“
Manuels Zwiespalt brach erneut auf und schmerzte wie ein Riss in der Seele. Ihm war Galle im Herzen, und er konnte noch nicht einmal sagen, woher sie kam. Sie schmeckte nach Verbitterung, und der Analytiker in ihm wollte darauf hinweisen, dass es seine eigene Angst war, die sich hier Luft machte. Dass er ihr vorwarf, was er selbst in sich spürte. Die Angst und all die kleinen Enttäuschungen der letzten Monate. Er spürte, dass sie es ernst meinte in diesem Moment. Dass sie einfach nur in den Arm genommen werden wollte. Ohne Worte. Ohne weitere Vorwürfe und Diskussionen. Um seine Nähe zu spüren, die tiefen, feinen Verbundenheiten, die ihn und sie mehr miteinander verbanden und verstrickten, als er es je zuvor erlebt und gefühlt hatte. Sie hatten auf eigenartige Weise die Rollen gewechselt. Sonst war er es gewesen, der Vorwürfe still auf sich einregnen ließ und mit sanften, bestimmten Worten antwortete. Sonst schäumte und tobte sie, drehte sich mit ihren Gedanken im Kreis, schraubte sich in verzweifelte Ausweglosigkeiten und bohrte sich in Schmerz und Traurigkeit. Was sich in ihm drehte wie ein verrücktes Karussell, hatte nichts mehr mit einer in den See gefallen blauen Blume zu tun; nichts mit der Enttäuschung darüber, dass Silvia stumm und abweisend und traurig auf dem Steg kauerte, anstatt lachend und lebensfroh mit ihm in den See zu springen. Das Karussell in ihm drehte sich – von einer kleinen Enttäuschung angestoßen und von seinen eigenen Ängsten immer schneller vorangetrieben. Wirre Bilder rauschten vorbei, und immer zeigten sie Silvia, wie sie nörgelte, weinte, lethargisch vor sich hin starrend auf ihrem Bett saß, ihn ankeifte, forderte und seine Welt dunkel machte. Wie ein wunderschöner Tag durch eine dämliche Spinne in tragisches Leiden verwandelt wurde. In ihm kämpfte es. Eine Seite wollte trotzig sein und das Gefühl in ihm nicht herunter schlucken, wollte den Schmerz zurückgeben, wollte ein kaltes Gesicht aufsetzen und ihr klarmachen, dass sie immer alles kaputtmachen musste. Er wollte ihr sagen, dass er keine verdammte Lust hatte, sie zu umarmen, dass er ihr einige Dinge zu sagen hatte, dass er die Schnauze voll hatte. Dass er in einer hellen Welt voller Freude leben wollte, voller Lachen und mit einem Schulterzucken für die Kinderkacke, aus denen sie immer Probleme machen musste.
Der andere Teil wollte einfach die Schnauze halten und still zu ihr hingehen und sich Haut an Haut an sie schmiegen, den Wind in den Bäumen und das Plätschern des Sees hören, das Kitzeln ihres Haares und den warmen Strom ihres Atems an seiner Schulter spüren und die wunderbare Ruhe, die er nur bei ihr fand, und die sich immer einstellte, wenn er die Gedanken in seinen Kopf zum Schweigen brachte.
Der tiefe, dunkle Ausdruck im Grüntürkis ihrer Augen gab den Ausschlag. Da war Traurigkeit, ja, aber auch eine Sehnsucht, die ihn anrührte, eine Sehnsucht nach genau jenem ruhigen, vertrauten Gefühl, nach dem auch er sich sehnte, das Gefühl, in dem seine Angst schwieg. Er konnte zwar nicht anders, als kurz die Augen zu verdrehen, mit den Schultern zu zucken und ein genervt klingendes Seufzen von sich zu geben, aber Silvia war so klug, nicht wie sonst einen schrägen Kommentar abzugeben. Zuerst unsicher, ob er sich ignoriert fühlen sollte, war er auf einer anderen Ebene dankbar. Er setzte sich neben sie auf den Steg und ließ die Füße im Wasser planschen. Im kristallklaren, türkisenen Wasser tummelten sich Fische. Ganz oben die kleinen; etwas tiefer, als gäbe es unsichtbare Grenzen, etwas größere. Rotfedern. Weiße Hasen. Bleien. Barsche. Noch größere Exemplare schwammen noch etwas weiter unten, wo es schon dunkler wurde. Manuel starrte in die Tiefe. Je größer die Fische von Ebene zu Ebene wurden, umso weniger waren es. Nur noch schemenhaft konnte man einen weiteren Meter unten Tiere schwimmen sehen, nach denen die Angel auszuwerfen schon lohnenswert war. Und dann – ein seltsam atemloses Gefühl erfüllte ihn – sah er ganz tief unten einen mächtigen Schatten langsam vorbeiziehen. Ein Karpfen, bestimmt einen Meter lang, mit ruhigen, gelassenen Bewegungen. Wie der menschliche Geist, dachte er. Oben das schnelle Geplapper unwichtiger Gedanken und ganz tief, kaum ahnbar, aber sehr viel mächtiger, die großen Triebfedern.



[Norman Liebold, 29.10.2011
Buch-Leseproben, Die Höhle
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Krähe und Nachtigall: Zwei Lämmer (1996) – Hörbuch

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.12.2010 unter Ganze Geschichten, Krähe und Nachtigall, Kunstmärchen, Podcast, Volltext

15-Apr-2007 12:52


Zwei Lämmer, gelesen von Autor




[Norman Liebold, 12.12.2010
Ganze Geschichten, Krähe und Nachtigall, Kunstmärchen, Podcast, Volltext
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Der Drachenpriester (Hörbuch)

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.12.2010 unter Ganze Geschichten, Krähe und Nachtigall, Kunstmärchen, Podcast

15-Apr-2007 12:44


Der Drachenpriester aus Krähe und Nachtigall, gelesen von Autor.




[Norman Liebold, 12.12.2010
Ganze Geschichten, Krähe und Nachtigall, Kunstmärchen, Podcast
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Die Sieben Kelche – Hörbuch

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.12.2010 unter Auszug, Die Sieben Kelche, Podcast

Von Norman Liebold eingesprochene Passagen aus Liebold, Norman: Die Sieben Kelche, Siegburg 2003.

24-Apr-2007 14:39

Buch 1, Kapitel 1: Der Kelch des Gifts
Buch 1, Kapitel 5: Narrentanz
Buch 2, Kapitel 1: Nebelland
Buch 2, Kapitel 7: Der wahre Weg



[Norman Liebold, 12.12.2010
Auszug, Die Sieben Kelche, Podcast
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Leseprobe Euthanatus: 3. Die Bedrohung

Von Norman Liebold geschrieben am: 15.08.2010 unter Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches, Roman




Auszug aus Liebold, Norman: Euthanatus. Ein Siebengebirgskrimi. Königswinter 2010. ISBN 978-3-937330-33-4. S. 47-55.

Titel des Euthanatus mit Illustration von Junus Karimow.

Krause nickte lächelnd. »Sie haben begriffen. Und ich muss, das muss das Bier sein, noch einmal austreten.«
Er ging. Vor dem Riesenrad ankerten mittlerweile Dutzende hell erleuchtete Schiffe, ich konnte Paare auf dem Deck tanzen sehen.
»Hast‘e ma‘n Euro?« Kam von rechts zusammen mit dem Geruch von billigem Fusel. Ein Penner, weiß der Teufel, wie er hier hereingekommen war, stand am Tisch. Ein weißes Gestrüpp von Bart verdeckte fast das ganze Gesicht, und eine rote Nase mit tiefen Löchern ragte daraus vor. Schwarze Ränder unter gelblichen Nägeln und aus der Nachbarschaftshilfe zusammen geschnorrte Klamotten voller Löcher. Mir fiel der Aphorismus Nietzsches ein, dass Bettler einen sich immer schlecht fühlen lassen, egal, ob man ihnen etwas gibt oder nicht. Der Alte war aufdringlich, er blieb einfach mit ausgestreckt bettelnder Hand in abgeschnittenen, dreckigen Wollhandschuhen am Tisch stehen und schaute mich mit vorwurfsvoll-gequältem Blick an. »Bin ‚ne arme Sau, keen Dach überm Kopp, de Knochen ham dat Reißen«, jammerte er mit forderndem Unterton. Ich wollte ihn nur loswerden und kramte meine Börse hervor. »Sei‘n Se ma nich so knickerich«, maulte er, als ich ihm ein Ein-Euro-Stück reichen wollte.
»Und Sie seien mal nicht so unverschämt!« sagte ich, und er, mit plötzlich veränderter Stimme, erklärte: »Die Technik des Spiegelns ist die sowohl verbreiteteste wie auch gefährlichste des Nörglers.« Krause! Er gab ein kurzes Lachen von sich und ließ sich auf den Stuhl nieder. Etliche Blicke zuckten angewidert herüber, und er rief, mit lallender, grober Stimme: »Glotzen se nich‘ so blöde, feine Pinkel!«
Ich musste grinsen, durchgeknallt war er, keine Frage.
»Er erschleicht sich dein Vertrauen, es gibt da Methoden, gerade für seine offenen, vertrauensseligen Opfer. Und sie erzählen ihm ihre Ängste, ihre Selbstzweifel, ihre geheimen Wünsche. Der Nörgler hat ein Gespür dafür, in welcher Maske er Vertrauen gewinnt, welche Sehnsüchte er auf sich projizieren lassen muss, damit der Wirt ihm die Brust geöffnet.« Der Penner zog ein zerknautschtes Päckchen Aldi-Tabak aus seiner Tasche und drehte sich aus den letzten Krümeln eine schiefe Kippe. »Und wenn er es braucht, macht er nichts anderes, als die tiefsten Selbstzweifel seinem Wirt in die Seele zu rammen. Nichts ist effektiver, nichts trifft tiefer, nichts reißt das Herz so weit auf. Die gescheiterte Beziehung, die alles bedeutet hat, und wo die Frage nach Jahren noch kommt, ob man etwas falsch gemacht hat. Der Zweifel an der eigenen Schaffenskraft in der Krise. Die tiefe Angst, eine in bestimmter Hinsicht hässlicher Mensch zu sein.«
Der Kellner kam und baute sich am Tisch auf. Sein Blick war auf Krause gerichtet wie auf ein widerliches Insekt. »Ich muss Sie auffordern, unser Etablissement umgehend zu verlassen!«
»Verpiss‘ dich, Pinguin!« Krause blickte den Kellner an, und das Pennergesicht verlor seine Schlaffheit. Die kantigen, harten Züge traten hervor, der Blick wurde stechend. Der Kellner senkte die Augen. »Sie haben es nicht anders gewollt«, sagte er mit Unsicherheit in der Stimme. »Ich werde die Polizei rufen.«
»Tu ‚, was du nicht lassen kannst.«
»Wenn Sie nicht in fünf Minuten …«
»Verpiss dich und ruf die Bullen, aber lass mich mit deinem Gequake in Frieden.« Der Kellner drehte sich auf dem Absatz herum und marschierte davon. An den Tischen ringsum schüttelte man mit vorwurfsvollem Blicken die Köpfe. Krause schien es nicht im Geringsten zu stören. »Sie verstehen die Tragweite, Michael, nicht wahr? Diese Vampire quälen, saugen die Lebenskraft gerade aus den wertvollsten Menschen und zwingen sie unter ihre Macht, und sie sind nicht nur deswegen gefährlich. Die aufgesaugte Kraft macht sie nicht nur zu elenden Parasiten, sondern sie macht sie mächtig. Sie schwimmen immer oben, sie nutzen aus, missbrauchten und verfolgen ohne Gewissen und Moral von ihrem Eigennutz, Machtgeilheit und Perversionen geleiteten Ziele. Und oft sind sie so gut getarnt, dass die hohle Maske, die sie als Person angezogen haben, es noch nicht einmal selber weiß.«
Ein unheimliches Licht zuckte über die Terrasse, Krauses Gesicht, ganz struppichter Bart und wild brennende Augen, wurde zum Unheilspropheten, ein alter Eremit, aus den Wäldern getrieben von Visionen des Weltuntergangs. In den aufgerissenen Augen spiegelten sich Feuerräder. Das Feuerwerk hatte begonnen.
Mit unheimlicher Stimme fuhr er fort: »Sie müssen eliminiert werden, sie sind eine grässliche Brut, eine Geißel der Menschheit. Und ich habe meine Methode, um sie zu entlarven.« Er stieß eine Wolke Rauch aus und blies sie mir ins Gesicht. »Ich muss ganz sicher sein. Der Vampir gesteht selbst unter der ärgsten Folter nicht, und auch Wahrheitsdrogen haben keinen Zweck: seine menschliche Hülle ist voll von egozentrischer Selbstgerechtigkeit, oft glaubt sie tatsächlich noch, seinen Wirten Gutes zu tun oder sie ist überzeugt davon, ungerecht behandelt in einer schlechten Welt das einzig angemessene zu tun und im Recht zu sein.
Ich beobachte. Tage. Wochen. Ja, Monate.
Und dann, dann zeige ich mich.«
Das Feuerwerk war in vollem Gange, aus den Lautsprechern dröhnte die Konzeptmusik zum Platzen der Raketen – Also sprach Zarathustra von Strauß – und in den Augen vor mir drehten sich die Feuerräder. Eine Angst packte mich und mein Herz raste.
»Ich halte ihnen den Spiegel vor und forsche in ihren Augen. Ich spreche mit ihnen und beobachte jedes Zucken, jedes Blinzeln, jede unbewusste Regung der Hand. Ich erkläre Ihnen, wer ich bin. Wie ich gelernt habe, sie zu erkennen. Zuerst komme ich ganz unauffällig, vielleicht sogar ein wenig lächerlich. Ein Mann, zufällig im selben Abteil des Zuges, ein ungeschickter Flirtversuch an der Bar. Ein ältlicher, etwas komischer Ausflügler in einem Lokal.«
Meine Nackenhaare richteten sich auf, ich starrte Krause an. In keiner Verkleidung hätte er wahnsinniger aussehen können. »Und Stück um Stück lasse ich die Masken fallen. Wussten Sie, dass die meisten Nörgler sich selbst für Opfer von Nörglern halten, wenn ich Ihnen alles haarklein erkläre? Das ist Teil ihres Schutzmechanismus.«
In meinem Inneren stürzten Bilder übereinander. Erschreckende Bilder. Ich, wie ich von einem Wort der Liebsten verletzt verbal zurückschlug, bis sie weinte. Wie ich einen Freund immer und immer wieder bedrängte, mit seinem Eso-Scheiß endlich aufzuhören und Stunden über die Schwachsinnigkeit von Astrologie, Tarot und Homöopathie dozierte. Die Freundin, die ihre Locken glättete, wo sie mir doch mit besser gefiel, und ich mich nicht unterstehen konnte, sie immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Der abstrakte Kollege und meine Vorträge über die Lüge der ungegenständlichen Kunst. Dutzende, hunderte, tausende Bilder, Szenen, Erinnerungen. Welches Recht, welche Kompetenzen maßte ich mir an, über sie zu urteilen und mehr noch, Ihnen dieses Urteil aufzudrängen?
»Die Methode ist sicher«, hörte ich Krauses Stimme. Sie klang drängend, mit einer seltsam gierigen Heiserkeit darin. »Ich kann nicht genau sagen, warum sie effektiv funktioniert. Vielleicht habe ich den Nörgler ganz nah unter seiner Maske, seine scheinbar menschliche Hülle gelockt, der Vampir ist nicht tief drunten im Gewölbe der schwarzen Seele, er ist ganz nah unter der Haut, und ich kann ihn packen. Und in dem Moment muss er in den Spiegel schauen. Der Mythos von den Vampiren – er beschreibt nichts anderes als diese Kreaturen, und die Sache mit den Spiegeln ist genau das. Mit einem Mal sehen Sie sich, und der Spiegel lässt sie den Vampir sehen, das ekle Vieh mit Klauen und Warzen und Blutsauger-Schnauze, der Albtraum jedes Menschen. Sie sehen, wie er sich unter Ihrer Haut abzeichnet, wie er sich vor Entsetzen und Angst unter der dünnen Oberfläche bewegt. Ja.«
Mir wurde schwarz vor Augen, alles in mir drehte sich um und um, mein Bild von mir, von der Welt, es kippte in den Strudel. Die Paukenschläge Zarathustras hämmerten, die »Ah«s und »Oh«s der Leute ringsum waren die Schreie aus einem Inferno und unendlich weit weg. Nur die Augen Krauses ganz nahe vor mir, voller Flammen, Feuergarben und mit bohrendem, eiskalt berechnendem Blick.

Copyright by Norman Liebold, 2010



[Norman Liebold, 15.08.2010
Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches, Roman
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Leseprobe Euthanatus: 2. Die Innere Befreiung

Von Norman Liebold geschrieben am: 15.08.2010 unter Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches, Roman




Auszug aus Liebold, Norman: Euthanatus. Ein Siebengebirgskrimi. Königswinter 2010. ISBN 978-3-937330-33-4. S. 32-40.

Titel des Euthanatus mit Illustration von Junus Karimow.

Wenn das kein geschmackloses Spiel war, das Krause mit mir trieb, dann war das das Vorzeigebeispiel einer paranoiden Wahnvorstellungen, soviel war klar. Immerhin, unbekannt kam mir nicht vor, was er da als Gemeinen Nörgler beschrieb, aber das ist bei Wahnvorstellungen meistens so. Irgendwo ist ein Quäntchen Wahrheit, auf dass sich das ganze kranke Gebäude errichtete.
»Haben Sie zum Beispiel einmal über die Gründe ihrer Schaffenskrise nachgedacht?«
»Nur zu oft!« entfuhr es mir. Und erst im zweiten Moment kroch mir etwas wie ein kalter Hauch über den Rücken. »Woher wissen Sie, dass ich seit zwei Jahren nicht richtig arbeiten kann?«
»Sie erwähnten es, vorhin, als ich bat, ihre Zeichnung sehen zu dürfen.«
Ich konnte mich zwar nicht genau daran erinnern, aber das war gut möglich. Und wie immer er es schaffte, meine Gedanken beschäftigten sich nicht sehr damit – meine Ängste und Sorgen und Grübeleien über den Verlust meiner Schaffensfreude stürzten auf mich ein wie ein Erdrutsch, mich förmlich unter sich zu begraben. »Ja«, hörte ich mich sagen, meine eigene Stimme wollte mir klingen, als käme sie unter Tonnen von Steinen und Geröll und Erde hervor. »Ich habe viel darüber nachgedacht.«
»Die Gedanken-Karusselle? Die Fragen, ob sie gut so sind, wie sie sind? Ob ihre Arbeiten irgendeinen Wert haben? Sie auf dem richtigen Weg sind, ja, ob sie überhaupt einen Funken dessen haben, was einen Künstler ausmacht?«
Das waren Paukenschläge, dumpf, dunkel, mit schwerem Widerhall. Konnte Krause mitten in meine Seele sehen mit diesen graugrün bohrenden Augen?
»Haben Sie sich nicht gefragt, anstatt sich selber immer und immer wieder in den eigenen, entzündeten Wunden herum zu pulen mit selbstzerstörerischer Lust, wer diese Wunden schlug, wer ihnen diesen Juckreiz verpasste?« Er schwieg lächelnd, offenbar wohl wissend, wie es jetzt in meinem Inneren um und um stürzte, ein Strudel, ein Malstrom mich gepackt hatte und in die Dunkelheit hinab riss. Und wie über dem Malstrom eine Stimme ihre Sätze sprach.
»Stopp!« sagte Krause. »Sie sind genau da. Halten Sie inne! Jetzt, jetzt gehen sie einen Schritt zur Seite. Im Geist. Lassen Sie los, verstehen Sie? Lassen Sie los, ihr Geist ist nicht da drin, das ist eine Illusion. Treten sie beiseite und betrachten Sie es. Unbeteiligt. Von außen. Und jetzt fragen sie nicht, ob die Stimme recht hat. Fragen Sie nicht, wer sie sind. Ob sie Kraft haben, ein guter Mensch sind oder egoistisch und eingebildet. Seien Sie sich gewahr, dass sie das sowieso nicht herausfinden können, da, wenn sie es sind, sie es sowieso nicht sehen würden. Stellen Sie jetzt – jetzt – eine andere Frage!« Er beugte sich eine Winzigkeit nach vorn, seine Augen tauchten in das flackernde Licht der Kerzenflamme, und er war mir der Strohhalm im Strudel, die Hand, die sich plötzlich über den Morast streckt, in den man unaufhaltsam einsinkt, und ich war bereit, alles zu tun, was er mir sagte, um herauszukommen. Er sprach jetzt ganz leise: »Fragen Sie: Warum sagt sie so etwas? Hat sie ein Recht dazu? Geht sie es etwas an? Und noch genauer: Kann sie es überhaupt einschätzen? Ist es nicht so, dass gerade sie sich noch nicht einmal für ihre Kunst interessiert, sie am allerwenigsten sich je darüber bekümmert, ja sich auch nur genauer damit auseinander gesetzt hat? Und ist es nicht so, dass ausgerechnet sie – schauen Sie ganz genau hin! – ausgerechnet sie nur einen Bruchteil ihrer Bilder kennt, und auch über die höchstens zufällig, oberflächlich den Blick hat streifen lassen?«
Paukenschläge. Fallende Hämmer. Aber jetzt rissen sie eine Mauer ein.
»Ja. Gut!« flüsterte Krause wie ein Beschwörer. »Lassen Sie nicht locker, schauen Sie ganz genau hin! Worauf zielt es? Ist die genaue Kritik ihrer Arbeit? Oder greift es an schwammig undefinierbaren Allgemeinplätzen an – ohne klar zu sein?
Ich kannte einen Schriftsteller, der litt fünfzehn Jahre unter einem Vampir, war bis auf die Herzfasern zerfleischt und voller Selbstzweifel impotent – bis er merkte, dass trotz stundenlanger Vorträge über seine Unfähigkeit zu schreiben, der Vampir nie auch nur eine einzige Zeile gelesen hatte oder sich überhaupt für Literatur interessierte.«
Es war, als ob ich unter Wasser gewesen war, viel zu lange. Und vergessen hatte, dass ich es war. Mein Kopf durchbrach eine unsichtbare Oberfläche und plötzlich konnte ich wieder atmen.
»Verstehen Sie?« fragte Krause. Ich konnte nur nicken, mir schien es, als ob die Welt blank geputzt sei, und in mir drinnen war eine stille, eine einfache Stille, die nichts wollte und in etwas wie einer ruhigen Heiterkeit schwebte.
»Das Phänomen ist ziemlich weit verbreitet«, erklärte Krause mit einer Sachlichkeit, die an einen Vortrag erinnerte. »Viele, fast könnte man sagen die meisten, sind zu einem kleinen Teil Vampir, das macht diese Gesellschaft: Kontrollsucht, ewiges Vergleichen, gezüchtete Ängste und Unzufriedenheit und Neid. Es geht um Macht und Kontrolle. Die Kirche hat das schon früh perfektioniert: schaffe es, den Menschen sich schlecht und schuldig und voller Gemeinheit zu fühlen. Am besten dir gegenüber. Und er wird alles tun, um es wiedergutzumachen; schaffe es, dich als Rettung, als Anker, als wenn möglich einziger Ratgeber zu etablieren, und du hast ihn völlig in der Hand.
Das vorgebliche Verletztsein oder gar Tränen mancher immer dann, wenn sie die Kontrolle und den eigenen Vorteil zu verlieren drohen, ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel für die normalen Verhaltensweisen dieser Art: Der Empfindsame fühlt sich sofort beschämt, beginnt sich zu entschuldigen, so gemein und krass das auch war, was ihm angetan worden ist – und er lässt das Thema fallen und den Zustand bestehen. So etwas ist mir gleichgültig. Auch jene, die gelernt haben, aufmerksame, geduldige, aufopferungsfähige Menschen dadurch zu quälen, dass sie ihnen Hartherzigkeit, Kälte und Unverständnis für ihre vorgespiegelten Schwächen, angeblichen Krankheiten und unverschuldeten psychologischen Defekte vorwerfen, um sich dann von ihnen aushalten zu lassen und sie für sich einzuspannen und in Verantwortlichkeiten zu fesseln – harmlos. Auch wenn sie feststellen werden, dass die echten Vampire auch diese Taktiken verfolgen.«
Die bengalischen Feuer tauchten jetzt das ganze Rheintal in rote Glut. Ein Gleichnis. Denn wie das Tal, so fühlte sich auch mein Inneres mit einem fremdartigen, glühenden, unheimlichen Licht, dass meine Welt anders aussehen ließ.
»Sie werden feststellen, dass es gerade die empfindsamen Menschen mit höchsten moralischen Vorstellungen und vielgestaltigen Talenten sind, die von den heftigsten Zweifeln an und von Vorwürfen der schlimmsten Art gegen sich zernagt und zerfressen sind. Die von tiefem Mitgefühl und offener Seele, die in den infernalischen Qualen leben, das egoistischste, widerlichste, hässlichste Ekel zu sein. Und das hat keinen anderen Grund, sage ich Ihnen, als dass sie – gerade sie! – die perfekten Wirte für die seelensaugenden Vampire sind. Weil sie aufgrund ihres inneren Reichtums sehr ergiebig, und weil sie empfänglich sind.«
Er winkte den Kellner, der gerade vorüber kam. Er war wieder ganz der kurzärmelig-lächerliche Tourist mit nichtssagend-biederem Lächeln, und ich hing irgendwo in einer seltsamen Welt voller Dämonen. Unten, auf dem lavaroten Band des Rheins, sammelten sich die ersten Schiffe und ankerten unterhalb des bunt beleuchteten, sich langsam drehenden Riesenrades. Händel-Klänge plätscherten sanft über das heitere Plaudern der anderen Gäste, und alles war mir unsagbar fremd und fern wie auf einem anderen Planeten.
»Möchten Sie auch noch etwas?« fragte mich der Kellner. Seine Haltung verriet, dass er nicht zum ersten Mal fragte. »Entschuldigen Sie«, bekam ich mit unsicherer Stimme heraus. »Bitte noch ein kleines Pils.«
»Ich jage sie«, erklärte Krause, sobald der Kellner wieder gegangen war. Sein Gesicht war wieder ganz harte Linie und stechend-gefährlicher Blick. Es war beängstigend, wie die An-oder Entspannung einiger Muskeln einen anderen Mann aus ihm machte. Und unter dem Blick durchfuhr mich plötzlich ein heißer Schrecken, völlig irrational.
»Mich?« krächzte ich.
»Die Nörgler.« Er ließ seine Zähne kurz in einem Lächeln aufblitzen, aber mir schien es eher ein gehässiges Grinsen. »Ich erkenne sie. Ich verfolge sie, und dann … eliminiere ich sie. Ich bin, ohne mich rühmen zu wollen, ein Meister. Man kam mir nie auch nur ansatzweise auf die Spur, man hat noch nicht einmal den geringsten Verdacht.« Der Kellner kam und stellte unsere Getränke auf den Tisch. Und ohne sich offenbar darum zu sorgen, dass seine Worte auffallen und Verdacht erregen könnten, fuhr er in der gelassensten Weise fort: »Selbstmord. Herzversagen, ein trauriger Unfall oder schlichtes, spurloses Verschwinden. Sie würden nicht glauben, wie viele erstaunliche Möglichkeiten es gibt. Aber, bitte entschuldigen Sie, ich muss kurz austreten.«


Copyright by Norman Liebold, 2010



[Norman Liebold, 15.08.2010
Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches, Roman
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Leseprobe Euthanatus: 1. Der Beginn

Von Norman Liebold geschrieben am: 15.08.2010 unter Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches




Auszug aus Liebold, Norman: Euthanatus. Ein Siebengebirgskrimi. Königswinter 2010. ISBN 978-3-937330-33-4. S. 9-17.

Titel des Euthanatus mit Illustration von Junus Karimow.

Vielleicht erinnert Ihr euch an Rhein in Flammen dieses Jahr, es war der erste warme Tag nach diesem kalten, langen Winter. Es gibt wohl keinen schöneren Ort hier in der Gegend als den Petershof, um einen solchen Frühjahrsabend zu genießen.
Ich saß auf der Terrasse, vor mir ein kühles Blondes, und führte meinen Blick über die Zinnen und Zacken des Drachenschlosses, den kariösen Zahn der Drachenburg und die steilen Klüfte des Drachenfelsens spazieren, als ein Schatten über den Tisch und das kondensbeperlte Kölschglas fiel.
Vor mir stand der Inbegriff des gutbürgerlichen Beamtentums im Ausflügler-Modus: Kurze Hosen, wei
ße Socken, Sandalen und kurzärmeliges Hemd, auf dem Kopf einen geflochtenen Sonnenhut und eine dieser unsäglichen Kunstledertaschen über die Schulter gehängt, wie sie in den Siebzigern in Mode gewesen sein mochten.
»Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz noch frei? Mir steht es fern, sie stören zu wollen, aber mir scheinen alle anderen Plätze belegt zu sein.«
Ich zuckte mit den Schultern, nickte und wandte mich wieder dem glitzernden Band des Rheins zu, wie er sich zwischen Bonn und Beuel hindurch schlängelt. In den Auen ragte schon das Riesenrad empor, und ich freute mich auf den Einbruch der Dämmerung, wenn es im schwindenden Tageslicht in allen Farben erglühen würde.
»Ein herrliches Wetterchen«, kam von rechts. Etwas widerwillig wandte ich mich vom weit schweifenden Panorama ab und meinem Tischnachbarn zu. Er hatte den Strohhut abgenommen und wischte sich mit kariertem Taschentuch die Stirn. Er mochte Ende dreißig sein oder auch Mitte fünfzig, diese merkmalslose Allerweltsbeamtenmaske ließ beides zu, aber der spärlichen, farblosen Haarreste wegen nahm ich eher Letzteres an.
»In der Tat«, sagte ich möglichst lakonisch, denn wenn ich auf eines keine Lust verspürte, dann auf plattes Gerede über das Wetter. Er entschloss sich jedoch, das mit leutseligster Miene zu ignorieren und plapperte fort: »Gerade recht, um es sich an einem so schönen Ort bei einem Bierchen wohl sein zu lassen, nicht wahr? Und die Augen an Gottes wunderbarer Schöpfung zu weiden.«
»Lassen Sie Ihre Augen weiden, wenn Sie Lust dazu verspüren.« Der Ausflügler schaffte es, auch hier die Spitzen nicht zu bemerken und streckte mir eine säuberlichst manikürte Hand über den Tisch. »Krause«, sagte er. »Manfred Krause. Mein Name. Meine Freunde nennen mich Manni.«
Die Hand schwebte über dem Tisch zwischen uns, ich schaute sie an, und es verstrichen jene kostbaren Sekunden, in denen der andere die für beide Seiten dankbare Möglichkeit hat, zu begreifen, dass man kein Interesse hat und er ohne Peinlichkeit die Hand zurückziehen kann. Dann kommen die Sekunden, wo sich das Ganze mit sich exponentiell steigernder Peinlichkeit in Richtung grobe Unhöflichkeit bewegt, und dieser Kerl mit feinen Schweißperlen auf Stirn und Nasenrücken stand immer noch da mit seinem höflich biederen Lächeln voll unbedarfter Aufgeschlossenheit. Und kurz bevor die Sekunde kam, wo die grobe Unhöflichkeit sich in direkte Beleidigung verwandelte, gab ich soviel penetranter Liebenswürdigkeit nach und reichte meine Hand mit innerlichem Widerwillen herüber.
Die Hand war nicht die weich-schwammig verschwitzte Beamtenflosse, die ich erwartet hatte. Sie war ein trockener, rauer Schaubstock aus Sehnen. Für einen winzigen Moment schauten unter den buschigen Brauen zwei stechend grüngraue Augen hervor. Das fast debile Lächeln darunter veränderte sich jedoch nicht im Geringsten, mit der unschuldigsten Stimme nannte er meinen Namen, um ein harmloses »Nicht wahr? Sehr angenehm« hinterher zu schicken. Ich war ein wenig verstört, meine Hand schmerzte tatsächlich vom Händedruck, und ich war froh, als der Kellner kam und der Mann beim Bestellen auch ihn mit Betrachtungen über das schöne Wetter beglückte. Ich zog mein Notizbuch hervor, das ich immer bei mir habe, falls mich die Lust überkommt, eine Zeichnung zu machen. Ich heftete meinen Blick auf den Drachenfels und zog die erste Linie. Seit Monaten hatte ich nicht gezeichnet, und schon wollte ich dem komischen Herrn eine gewisse Dankbarkeit zollen. Immerhin brachte er mich zum Arbeiten, auch wenn ich das Buch nur aufgeschlagen hatte, um mich dahinter zu verschanzen. Aber da steckte er den Kopf schon neugierig zu mir hinüber und ich hörte den abgedroschensten Satz, den man bei solchen Gelegenheiten hören kann: »Sind Sie Künstler? Wie schön!« Ich seufzte innerlich und verfluchte die leutselige Penetranz dieser Rheinländer, die völlig unfähig waren, einen in Frieden zu lassen und die sich immer mit allen und jedem gemein machen müssen.
»Es gibt Leute, die es sich nicht verkneifen können, mir so etwas zu unterstellen«, gab ich zurück.
»Wie interessant. Dürfte ich vielleicht einmal sehen?«
Ich blickte auf die verlorene Linie auf dem weißen Papier, die mich nur zu sehr daran erinnerte, wie lange ich nicht hatte arbeiten können. Sie zog vage den Höhenzug hinter dem Drachenschloss nach und deutete die Krümmung des Flusses an. »Da ist noch nichts zu sehen«, sagte ich abweisend.
»Nicht so bescheiden« ließ er nicht locker, und sein dümmlich-aufmunterndes Lächeln machte mich irgendwie wütend. Mir war danach, ihm zu sagen, was für eine lächerliche, armselige Person er war, dass er mich mit seinen aufdringlichen Annäherungsversuchen gefälligst in Ruhe lassen sollte, aber ich schluckte es herunter. Wahrscheinlich würde ihn das ebenso wenig davon abhalten, mich mit seinen plumpen Plattheiten zu behelligen, wie meine Versuche, ihn einfach zu ignorieren. Ich klappte also mein Buch zu und blickte ihn an. Er setzte gerade sein Glas ab, auf der Oberlippe saß ein kleines Bärtchen Schaum, und natürlich gab er ein behagliches Seufzen von sich. »Wunderbar.«
Hinter dem verlängerten Glas-Penis der Telekom sank die Sonne als purpurroter Ball in die Stadt, vom Osten her kam das samtene Blau der Nacht mit dem Blinzeln der Venus. Ich atmete das aufgeregt-fröhliche Plaudern der Vorfreude auf die Nacht des Feuerwerks und versuchte, die Menschen zu lieben. Einschließlich penetranter Rheinländer in Tennissocken und Sandalen.
»Und, was machen Sie so, wenn Sie nicht ihren freien Tag genießen bei einem Bierchen auf dem Petersberg?« fragte ich so freundlich-interessiert, wie ich es nur heucheln konnte.
Er lächelte. Meine Frage schien ihn zu irgendwelchen amüsanten Betrachtungen zu animieren, denn es dauerte eine Weile, bis er schließlich gedehnt antwortete: »Nun, das ist nicht so einfach zu beantworten, aber vielleicht, ja, vielleicht käme man der Sache durchaus nahe, wenn man sagte, ich wäre in der … Schädlingsbekämpfung tätig, ja, Schädlingsbekämpfung, das passt schon irgendwie.«
»Interessant«, sagte ich und hörte, dass es nicht nur in meinem Inneren wie das Gegenteil klang. Mir drängte sich das Bild auf, wie dieser Herr mit sauber manikürten Händen und fiesem Grinsen weißbekittelt vergiftete Köder ausgelegte und sich an der Vorstellung erwärmte, wie irgendwelche kleinen Nager sich unter Schmerzen krümmend langsam und qualvoll verreckten. »Ja, in der Tat, das ist eine sehr interessante Tätigkeit. Abwechslungsreich, nicht ungefährlich und, ja, ich würde mich nicht scheuen zu behaupten, dass ich – auf meine Art, verstehen Sie – ja, dass ich durchaus eine Art Künstler bin.«
»Ah.« Mehr brachte ich nicht heraus.
»Nun, sehen Sie, es ist eine Art Berufung. Aber ich möchte Sie wirklich nicht langweilen.«
»Tun Sie nicht«, kam es automatisch aus meinem Mund. Mein Blick ging den Rhein hinauf. Die Sonne war inzwischen untergegangen, die Dämmerung kroch schnell und blau über die sieben Berge, und unten im Tal, in den Rheinauen, begann die Lichter des Jahrmarkts in den unterschiedlichsten Farben zu glühen.
»Kennen Sie den Gemeinen Nörgler?« fragte der Ausflügler. Auf der Terrasse war es schnell dunkel geworden, die Kerzen in den Windgläsern waren noch nicht entzündet. Die Person mir gegenüber wirkte im Zwielicht anders. Wenn man kurzärmeliges Hemd und Tennissocken nicht direkt sah, fiel die drahtige, gespannte Figur des Mannes plötzlich ins Auge. Und das Gesicht, auf die notwendigsten Linien reduziert, bekam etwas Hartes, Markantes. Unter dem Dunkel der Hutkrempe konnten, das Bild wollte mich nicht loslassen, jene kalten, stechenden Augen liegen oder auch die weichlichen mit dümmlicher Liebenswürdigkeit.
»Gemeiner Nörgler?« fragte ich und versuchte belustigt zu klingen. »Ist das Kammerjäger-Jargon für ein besonders lästiges Krabbeltier?«
»Gemein nicht im Sinne von hinterhältig oder böse, sondern klassisch wie bei der Gemeinen Kiefer oder dem Gemeinen Buchfink.«
»Nein, tut mir leid. Das sagt mir nichts.«
»Sie kennen sie bestimmt.« Seine Stimme hatte, schien es mir, den fistelig-leutseligen Charakter verloren und klang tiefer, kraftvoller. Aber das mochte auch einfach an der Dunkelheit liegen.

Copyright by Norman Liebold, 2010



[Norman Liebold, 15.08.2010
Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Buch-Leseproben, Künstlergeschichten, Kriminalistisches
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Beorn – 3. Hommage an Michael Franks Skulpturen

Von Norman Liebold geschrieben am: 20.04.2010 unter Ansichten eines Aktmodells, Auszug, Künstlergeschichten

Aus: Liebold, Norman: Versichert (2010)


Weitere Auszüge:

  • Beorn – 1. Der Anfang
  • Beorn – 2. Lisa Räubertochter
  • Beorn – 3. Hommage an Michael Franks Skulpturen

  • Der Bildhauer. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2010. Portrait einer der drei Väter Beorns und verantwortlich für Beorns bildhauerische Kunstwerke.

    Der Bildhauer. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2010. Portrait einer der drei Väter Beorns und verantwortlich für Beorns bildhauerische Kunstwerke.

    Erzählte ich, wie wunderbar Beorn Holz nicht einfach bearbeitete, sondern es mit ihm tanzend zu neuem Leben erweckte? Erzählte ich, wie er Glas, Metall und Gewachsenes zu neuen Einheiten verschmolz, nein, zu einem Liebesspiel der Elemente einlud? Und dass aus dieser Gewachsenheit ein Gefühl heraus spricht, das von Liebe und Schönheit singt? Und dass trotz der zum Teil abstrakten Formen, der ungegenständlichen Rundungen, Bögen, Wülste, der sich zum Licht hinauf windenden Bewegungen immer auch etwas Erkennbares liegt, manchmal ganz gegenständlich ein wunderbar gearbeiteter Mensch, ein Antlitz, ein Frauenleib? Und dass immer auch ein Gedanke, eine Idee aus diesen wundervoll gemachten und einfach schönen Bildwerken heraus tritt und zum Betrachter spricht? Kein intellektuell-abstraktes Gefasel, kein losgelöstes Umsichselberkreisen des Werkes an sich, kein aufgeblasener Stundenvortrag über Kontexte und Selbstverwirklichungsgekünsteltheiten, und auch kein Herumgejammer von Verarbeitungen traumatisch-dramatischer Künstlerseelenbefindlichkeiten. Ja, noch nicht einmal große hölzerne Anklagefinger gegen Politik und globale Missstände. Eine fassbare, klare Idee, ein Gedanke voll Liebe zu Welt und Mensch und Leben, und aus dieser unbändigen, schöpferischen Hingabe etwas wie ein Licht, eine Hoffnung, ein Erkennen.


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    [Norman Liebold, 20.04.2010
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