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Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.
Copyright by Norman Liebold, 2011.
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 Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011
Manuel wusste vom ersten Augenblick an, dass es ein Traum war. Er hatte Erfahrung darin. Seitdem er die Traumdeutung gelesen hatte, führte er Buch über seine Träume, und Freuds Versprechen hatte sich erfüllt. Er träumte immer bewusster und konnte sich nicht nur immer besser daran erinnern, sondern oft schon im Traum selbst die Traumbilder erkennen. Und während er träumte, spürte er, dass dieser Traum anders war. Klarer, deutlicher – und von einem eigenartigen unheimlichen Gefühl getragen.
Er war eine Art Forschungsreisender. Und er wanderte – daran konnte kein Zweifel bestehen – im Siebengebirge umher. Was genau sein Forschungsgebiet war, wußte er nicht. Irgendetwas mit Sprache und Kultur. In seiner Umhängetasche trug er ein Buch bei sich, wo er alles hineinschrieb. Geschichten vor allem, die ihm erzählt wurden. Eine Art Grimm, kam ihm träumend in den Sinn. Ein Grimm, der Geschichten von Spuk und Geistern sammelte. Es gab keine Straßen in seinem Traum, keine Autos, kein Telefon. Seine Kleidung, die Tasche und das Buch schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Goethe-Zeit vielleicht. Oder die Zeit, da die Gebrüder Grimm gewandert waren, um ihre Märchen zu sammeln. Typisch für einen Traum wunderte er sich nicht darüber. Untypisch für einen Traum wunderte er sich, dass er sich nicht darüber wunderte.
Im Wald öffnete sich eine Lichtung. Das war sein Ziel, er wusste es. Hier gab es Geschichten von Spuk und Geistern. Am klappernden Bach – er dachte wirklich klappernder Bach – stand eine Mühle. Wie im Märchen. Und tatsächlich schaute auch die schöne Müllerin heraus. Der Himmel war blau, Schwalben schossen tschilpend umher, es roch nach Heu und Ernte. Natürlich hatte die Müllerin oder vielmehr Müllerstochter grüne Augen, und der träumende Manuel registrierte allerlei Symbole und Hinweise, dass die Traumarbeit ihm hier ein Bild von Silvia hinstellte. Der Traum folgte ganz der eichendorffschen Wanderromantik. Einladung der Müllerin, zärtliche Blicke, dann die Aufforderung, doch über Nacht zu bleiben. Die junge Frau im Nachthemd, die mit Kerze in der Tür zu seiner Kammer steht, wirre Haarsträhnen im Gesicht. Halb Scham, halb Wildheit. Gerötete Wangen, leicht geöffnete Lippen, schneller Atem.
Dann kippte der Traum. Manuel spürte es. Es war wie ein Strudel, während die schöne Müllerin ihn ritt und er röchelnd kam. Er fühlte sich plötzlich schlaff und ausgelaugt, und als er am Morgen erwachte, war zwar der Himmel blau und die Schwalben schwirrten, aber er schaffte es kaum, aus den Federn zu kommen. Die Müllerin umsorgte ihn mit zärtlichen Gesten, tischte ihm auf und sprach von der langen Wanderschaft und seiner Erschöpfung und dass er doch hier ein wenig ausruhen könne. Und er ruhte aus. Am Abend kam die Müllerin in seine Kammer, Tag um Tag. Und er wurde müder und müder. Setzte Fett an, schleppte sich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Weiterzuziehen kam ihm nicht in den Sinn. An seinen Forschungen zu arbeiten war ihm schon in der Vorstellung zu anstrengend. Er schlief bis in den Mittag, erwachte ausgelaugt, aß, und am Abend kam sie in seine Kammer. Sie veränderte sich, oder es schien ihm so. Sie wurde nicht vertrauter, sie wurde ihm seltsam unheimlich. Schon begann er sich zu fürchten, wenn sie in seine Kammer kam und ihn bestieg. Ihm war, als zehrte sie ihn aus. Es gab keinen Spiegel in der Mühle, aber an einem Morgen, als er all seinen übrig gebliebenen Willen zusammen raffte und zum Mühlteich ging, um sich zu waschen – schrak er zurück. Hohlwangig mit tief liegenden Augen glotzte ihn ein Schreckgespenst aus dem Wasserspiegel an. Sein Haar war grau geworden, sein Gesicht von wirrem Bart zugewuchert.
Er stolperte zur Mühle. „Was geschieht mit mir?“ Die Müllerin lächelte und stellte ihm einen Teller hin. „Iss, mein Schatz, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Ihm grauste. Hinter ihrem sanften Lächeln schien ihm etwas zu lauern. Er musste an eine Spinne denken, die ihr Opfer langsam einspann und Stück um Stück aussaugte. Und wie oft in seinen Träumen nahm das Bild Gestalt an. Mit jeder Nacht wurde die schöne Müllerin spinnenartiger. Ihre Augen, zuerst grün, wurden schwarz und insektenhaft. Ihre Leib wölbte sich, wurde zum weich-pulsierenden Körpersack. Schwarze, dicke Borsten wuchsen aus ihrer Haut. Ihre Bewegungen bekamen etwas mehr und mehr fremdartiges. Er sah die Veränderungen, aber er konnte nichts tun. Wie in den Träumen, in denen man rennt und rennt und nicht vom Fleck kommt, lag er im Bett, schleppte sich zum Tisch und ins Bett zurück und beobachtete, als stünde er neben sich, wie sie nachts in seine Kammer kam und sich zu ihm legte. Mit jeder Nacht weniger Frau und mehr groteskes Mischwesen mit pulsierendem, aufgedunsenen Leib. Bald hatte sie acht Beine, jedes mit mehreren Gelenken und dicht mit schwarzen Borsten bewachsen. Von der Frau waren nur die Brüste und das Gesicht geblieben und die nasse Spalte zwischen den hintersten Beinen. Die Spinndrüse. Vielleicht verwandelte sie sich auch nicht, sondern hörte nur auf, die Illusion aufrecht zu erhalten. Weil es nicht mehr notwendig war: er hatte keine Kraft mehr, um zu fliehen oder sich zu wehren. Nur noch Haut und Knochen, war er angefüllt mit ihrem lähmenden Gift. Und wenn auch das Grauen ins Unendliche wuchs, während die Illusion ringsum immer mehr zerbröckelte – gelähmt und seltsam teilnahmslos versuchte er noch nicht einmal, zu entkommen. Das Auflösen des Trugbildes gehörte vielleicht sogar dazu: sie berauschte sich an dem namenlosen Grauen, das ihn erfüllte. Er sah es daran, wie sie ihn aus kalten Spinnenaugen anschaute und sich vor ihm im Raum spreizte, die Wände empor lief, die Decke entlang. Wie sie hereinkam, gerade so, wie eine Spinne mit vor den Kopf gestreckten Beinen aus ihrer Höhle kriecht. Die Mühle war schon längst keine Mühle am klappernden Bach mehr. Eine schwarze Ruine, über und über mit riesigen Spinnweben überzogen. Und dann, irgendwann, begann sein Unterleib sich aufzublähen. Tag für Tag, bis er eine grotesk angeschwollene Blase war, so gespannt, dass die Haut fast durchsichtig wurde. Und darin bewegte es sich. Faustgroßen Wesen mit vielen Beinen krochen als Schemen an der Innenseite entlang. Dutzende kriechender Schatten.
Und das halb zerflossene Gesichter der Müllerin, wie aufgeklebt auf dem borstigen Körpersack der Spinne, lächelte süßlich in Mutterstolz.
***
Manuel fuhr schreiend aus dem Schlaf. Sein Herz raste, als wollte es den Brustkorb sprengen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem kam stoßweise, er war mit Schweiß bedeckt und zitterte am ganzen Körper. Der Traum war vorbei, das Gefühl aber blieb. Ihm saß die Angst in der Brust und drückte ihm die Luft ab. Er wusste plötzlich, warum man Albdruck zu so etwas sagte. Ihm war, als lauerte das Ding aus seinem Traum hier irgendwo. Der geduckte Schatten dort hinter dem Baum. Im gähnenden Rachen der Höhle. Oder – sein Herz drohte auszusetzen – direkt unter ihm, in einem schwarzen Netz über dem Schacht, die Beine gegen die Betondecke gelegt. Alle Haare stellten sich ihm auf, er wurde das Bild einfach nicht los. Und die Angst nicht. Sie war unerträglich, nicht auszuhalten, drückte ihm die Kehle zu. Er fühlte sich, als würde er ersticken.
„Silvia …“, seine Stimme war ein Krächzen. „Silvia!“ Seine Hand tastete neben ihm unter die Decken. Sie waren leer. Panik schlug in ihm hoch. Er schrie laut ihrem Namen, lauschte in die Nacht, die silberdurchzogen unter dem Mond stand. Einem knochenbleichen Mond, einem Totenschädel-Mond. Rascheln von Laub. Der Schrei eines Käuzchens, das leise Fauchen des eingesperrten Windes unter ihm im Höhlenlabyrinth.
Dann, von oben, vom aufgesperrten Rachen des Höhleneingangs: „Hier oben, brüll‘ doch nicht so rum – du hast mich voll erschreckt!“ Jetzt bemerkte er ganz schwach flackernden Schein im Höhlenmaul, eine Kerze vielleicht. Manuel hockte unter den Schlafsäcken, gelähmt vor Angst. Er wollte, dass Silvia ihn in den Arm nahm. Wollte, dass die Angst wegging. Aber nur bei dem Gedanken, von der Betonplatte herunter zu treten, würgte es ihn, dass ihm übel wurde. Etwas würde nach ihm greifen und ihn am Knöchel packen. Ihn mit einem Ruck unter die Platte in den Schacht zerren. Das Traumbild der Spinnenfrau quoll in seinen Geist, fett und pulsierend direkt unter der Platte in einem Nest aus Spinnweben und ausgesaugten Leichen mit aufgeblähten Bäuchen, in denen es sich bewegte. Er rief sich zur Vernunft, drängte die Bilder weg, atmete kontrolliert, schlug sich ins Gesicht, stand auf und sprang mit einem weiten Satz von der Betonplatte. Er knickte um, als er aufkam. Eine Wurzel unter dem Laub. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Fußgelenk, er stürzte und rollte den steilen Hang zurück. Die Stämme wirbelten vorbei, dann stieß er gegen Stein. Mit Schrecken erkannte er die Säulen direkt unter der Platte. Eiskalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Kaminwirkung, schrie er sich innerlich zu. Nur die Kaminwirkung der Höhle! Seine entfesselte Fantasie ließ Spinnenbeine aus der Finsternis schießen. Suchende, tastende, grabschende Insektenglieder mit scharfen Klauen. Keuchend warf er sich zurück, krabbelte wie ein durchgeknallter Käfer auf allen Vieren den Hang hoch. Erst ein Dutzend Meter weiter hielt er an. Seine Knie schmerzten höllisch, die Hände waren aufgerissen. Er warf einen Blick zurück, erwartete, wild zuckende Spinnenbeinen zu sehen oder das ganze Vieh, wie es sich aus einer der Spalten zwängte, eine Spinne von der Größe eines Ponys. Aber da war nichts. Die Betonplatte lag still unter dem Mond. Das bunte Igluzelt wirkte wie Hohn. Das Feuer glomm noch ganz schwach. Das Grauen aber wollte nicht weichen. Die Schwärze unter der Platte lauerte und starrte ihn an. Langsam, immer wieder hektisch über die Schulter schauend, stolperte er auf das schwache, flackernde Licht zu.
Das Bild, das sich seinem Auge bot, als er in das Maul der Hölle trat, verstörte ihn. Silvia kniete auf dem Boden, in der Hand eine Kerze. Sie trug nur ein Hemd. Das Licht der flackernden Flamme schien durch das dünne Leinen und zeichnete ihren Körper nach. Ihre Haare waren offen, ein Lufthauch bewegte sie. Ein Bild von seltsamer Eindringlichkeit: ihre zarten, weichen Linien vor den kantig riesenhaften der Felsen, die weichen Schatten ihrer Brüste gegen die grotesk verzerrten Riesenschatten an groben Felsabbrüchen. Die federleicht wehenden Haare im Massiv des Berges. Ihre Gestalt wurde vom flackernden Lichtkreis der Kerze aus dem Schwarz herausgeschält, klein und zerbrechlich im Felsentor. Es erinnerte an eines dieser kitschigen Fantasy-Gemälde. Bis er bemerkte, was sie tat. Neben ihren nackten Füßen torkelten die blauen Käfer in unsicherer Zielstrebigkeit ihre Straße entlang. Hier waren noch mehr als vor der anderen Höhle. Silvia schaute ihnen fasziniert zu. Mehr noch: Sie hatte ihre linke Hand mitten auf den Weg der Tiere gelegt, und sie liefen über ihren Handrücken. Sie sah nicht verängstigt aus, nur fasziniert. Sie kicherte und schaute hoch. „Das kitzelt!“ Das Licht der Kerze malte zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Es sah für Manuel aus, als veränderten sich ihre Züge, verzerrten sich zu einem Grinsen. „Was hast du?“ Silvia klang besorgt. „Du bist bleich wie eine Kalkwand.“
Das war die besorgte Stimme aus seinem Traum. Die Stimme der schönen Müllerin – und auch ihr Gesicht. Wo die Schatten auf ihm tanzten, schien sich die Haut zu bewegen. Manuel starrte auf ihre Hand. Mehrere Käfer krochen darüber, hielten inne, blieben darauf hocken …
„Hab schlecht geträumt“, brachte er hervor.
„Was denn?“
Die Frage ließ ihn noch mehr in das Gefühl des Traumes zurück fallen. Die Welt zog sich ringsum zusammen. Die Schatten krochen näher. „Unsinn. Nur Unsinn.“ Die Käfer auf Silvias Hand machten ihm Angst. Sie konnten jederzeit ihre messerscharfen Grabkiefer ausfahren und sich in das Fleisch fressen. Unter ihrer Haut entlangkriechen. Wie Beulen, die den Arm hinauf wandern. Wie die Schemen, die auf der Innenseite seines aufgeblähten Bauches herum gekrochen waren. „Nimm die Hand da weg, bitte!“, flehte er.
Silvia schaute hinunter, sah den Käfern zu. Wo war ihre Angst? Das war nicht die Silvia, die er kannte.
„Die tun doch nichts“, sagte sie. Sie hob die Hand vorsichtig. Vier oder fünf der blauen Insekten klammerten sich daran fest. Wie Geschwüre. „Ich verstehe gar nicht, warum ich solche Angst vor den Tierchen hatte. Schau mal, wie schön sie sind! Sie schillern in allen Blautönen wie Edelsteine.“
Manuel war sich nicht sicher, ob er es wirklich sah, oder ob ihm Fantasie und Angst einen Streich spielten. Einer der Käfer verschwand unter ihrer Haut. Eben saß er noch wie ein eigenartiges Schmuckstück auf dem Handrücken, dann, im zuckenden Schatten, tauchte er mit dem Kopf voran hinein und war verschwunden. Er hinterließ eine winzige, blutende Wunde. Manuel schrie. Kaltes Entsetzen rann ihm den Rücken hinunter. Er hatte es sich eingebildet. Es konnte gar nicht anders sein! Die Hand hatte im Schatten gelegen, man konnte gar nichts sehen. Der Käfer hatte den Halt verloren und war hinunter gefallen, nicht mehr. Silvia schaute ihn an, die Stirn gerunzelt. „Manuel, alles in Ordnung?“ – „Entschuldige. Für einen Moment hat es ausgesehen, als …“ – „… als …?“
Manuel war klar, wie lächerlich das war. Aber das Entsetzen ließ ihn nicht aus seinem eiskalten Griff. Etwas in ihm zeigte ihm immer wieder das Bild, wie der Skarabäus unter Silvias Haut schlüpfte. Er meinte, sogar das Geräusch zu hören. Ein nasses Kratzen und ein leises Schmatzen. „… ich weiß nicht. Als würde es dich beißen.“
„Beißen? Das kitzelt nur.“
„Mach die Scheißviecher von deiner Hand weg!“ Er hörte seine eigene Stimme: sie stand kurz vor dem Umkippen und war voller Panik. Und herrisch. „Bitte!“, fügte er flehend hinzu.
„Sag mal, was ist denn los? Ich dachte, du freust dich darüber?“
„Worüber soll ich mich freuen?“, herrschte er sie an.
„Dass meine Angst weg ist. Manuel, schau doch: ich kann sie über meine Hand laufen lassen, und ich finde es bloß lustig, weil es kitzelt …“
Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie anzuschreien, wie dumm sie sei. Kapierte sie denn nicht, dass das eine Falle war? Man verlor nicht einfach seine Angst. Irgendetwas manipulierte sie, damit sie mitten in der Nacht im Hemd in die Höhle ging und diese Viecher über sich kriechen ließ. Er musste vorsichtig sein. Wie mit einer Irren. Ihre Wahnvorstellungen waren zu verlockend, sie würde daran festhalten wollen. „Das sind Mistkäfer, Liebste“, sagte er in beruhigendem Ton, während in ihm die schreckliche Vision weiterwühlte, dass etwas Fremdes in ihren Körper eindrang. In diesen Käfern, die sich unter ihre Haut fraßen. Und er sich zugleich krampfhaft versuchte klarzumachen, dass seine eigene Angst, die Angst aus dem Traum, seine Wahrnehmung verzerrte und überhaupt nichts passierte. Dass Silvia vielleicht tatsächlich ihre Angst verloren hatte, wie er es gehofft hatte. „Sie wühlen im Kot und fressen Scheiße. Findest du es nicht … unhygienisch … sie anzufassen?“
Silvia betrachtete ihre Hand und die Käfer darauf. Auswüchse, Tumore, etwas unglaublich Fremdes auf der Haut seiner Liebsten. Er schloss die Augen, um die Vorstellung abzuschütteln, dass sich die Dinger plötzlich wie auf Befehl in sie hinein fraßen. Es gelang ihm nicht – sobald er die Lider senkte, trat die Bedrohung in voller Stärke in sein Bewußtsein. Alles ringsum lauerte. Etwas war da und hockte in den Ritzen. Mit zitternder Erwartung. Hungrig. Vor seinem inneren Auge sah er, wie sich das Verhalten der Tiere veränderte. Sie torkelten nicht mehr langsam ihre Straße entlang – sie änderten ihre Richtung, krochen zielstrebig auf Silvias nackte Füße zu. Manuel riss die Augen auf, als die Panik ihn übermannen wollte. Silvia kniete im Hemd im Rachen der Höhle, in der Hand die Kerze. Sie betrachtete die Käfer, die sich an ihrer Hand festhielten. Ihre Miene war sehr ruhig.
„Du übertreibst“, sagte sie. Sie streifte die Käfer von ihrem Handrücken, sie fielen zu Boden und krochen unbeholfen durch das Laub davon. „Du benimmst dich total seltsam.“ Sie stand auf, das warme Licht der Kerzenflamme schien durch das Hemd, als wäre es nur ein durchsichtiger Schleier. Ihre Haare umspielten ihr Haupt. Ihr ernstes Gesicht und die vom Dunkel weiten Pupillen, die vollen Lippen und das finstere Maul der Höhle, das alles rührte etwas tief in Manuel an. Er dachte an eine Priesterin, Göttin, Königin. Die Welt ringsum schien den Atem anzuhalten. Selbst die Käfer hielten inne und kratzten nicht durch das dürre Laub. „Du hast mich hierher gebracht, damit ich meine Angst besiege. Die Angst vor Insekten. Vor der Dunkelheit. Vor dem Nachtwald. Ich weiß nicht warum, aber es hat funktioniert. Ich habe keine Angst mehr. Ich ekle mich nicht vor den Käfern, und wenn sie zehnmal Scheiße fressen. Die Höhle macht mir keine Furcht. Ich habe sogar Lust, hineinzugehen und mich umzuschauen.“ – „Nein!“, entfuhr es Manuel fast schon als Schrei. Die Angst schlug über ihm zusammen, der Boden schien zu wanken.
Silvia schaute ihn mit eigenartigem Ausdruck an. „Was ist mit dir los? Du warst doch selbst schon in den Höhlen.“
„Ich will nicht, das du da rein gehst!“
„Warum nicht?“
„Weil da …“ Manuel stockte. „Es ist gefährlich da drinnen.“ Er überlegte fieberhaft. „Da gibt es durchgebrochene Ebenen, Löcher im Boden, durch die man drei Stockwerke tief stürzen kann. Und man verirrt sich da drinnen. Das ist ein riesiges Labyrinth.“ Silvia schien nachdenklich. „Da funktioniert kein Handy. Wenn du dir ein Bein brichst …“
„Ich will nur mal hinein schauen und nicht gleich Höhlenforscher spielen. Hab dich doch nicht so! Und du kennst dich doch da drinnen aus.“ Sie wandte sich von ihm ab und hob die Kerze, um tiefer in die Höhlenöffnung hinein zuschauen. Manuel sah im hinteren Teil eine Öffnung, mannshoch und wie ein Tor geformt. Da dürfte kein Durchgang sein. Er war oft hier gewesen, und er konnte sich an keinen erinnern. Narrten ihn die flackernden Schatten? Hatte sich der Berg geöffnet, um sie hinein zu locken? Ihm wurde schwindlig, die Panik grub sich noch tiefer in seine Eingeweide. Er fühlte, wie etwas ihn anstarrte, versuchte, in seinen Geist einzudringen. Etwas kaltes, uraltes, unsagbar fremdes. Der Luftzug bewegte Silvias Hemd. Ein durchsichtiger Schleier, durch den ihre nackte Haut schimmerte. Ihre Haare waren eine leuchtende Wolke. Als sie sich umdrehte und ihn anlächelte, war es nicht mehr Silvia. Sein Verstand bäumte sich zum Zerreißen gespannt, es fühlte sich an, als zerrisse das Gewebe der Wirklichkeit. Eine dünne Haut, unter der sich Riesenhaftes bewegte und sie aufplatzen ließ. Und darunter, darunter … Manuel wankte. Der Wald war lebendig. Der Fels atmete. Atmete pulsierend, schaute ihn aus unzähligen Augen an. Der Boden unter ihm spürte seine Füße. Alles war ineinander verwoben, war Organismus. Er spürte das Bewusstsein darin. Uralt. Fremd. Lauernd. Und diese Frau dort, dieses wunderschöne Weib mit den grünen Augen, war Teil davon. Es blickte aus ihren Augen, es pulsierte unter ihrer Haut, wisperte in ihren Haaren.
„Komm mit mir“, sagte es. Das Lächeln lockte, die Augen waren ein Sog. Er spürte, wie Verlangen in ihn strömte und sein Begehren über ihren Körper strich, nackt unter dem Schleier des Hemdes. Und zugleich erfüllte ihn Entsetzen. Die Gefühle schienen von außen in ihn einzudringen. Ihr Blick wanderte an ihm herunter. Er trug nur seine Shorts, sie sah seine Erregung und ihr Lächeln wurde lüstern. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich will dich auch!“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Manuel erstarrte. Silvia knöpfte ihr Hemd auf. Ihre Hand glitt über Brüste, Bauch und Beine. „Ich will dich so sehr.“ Etwas in Manuel machte einen weiteren Ruck, er konnte es spüren. Die Haut der Wirklichkeit rutschte in schleimigen Fetzen von dem Unfassbaren herunter, das darunter lag. Er stolperte zwei Schritte von ihr zurück. In Silvias Augen glomm Ärger und Enttäuschung auf. Nicht der Ärger und Enttäuschung einer Frau, die zurückgewiesen wird, sondern vor etwas unheimlich Fremdem. Ihr Bild schien zu wabern. Eine Projektion, durchfuhr es Manuel, ein Trugbild. Das war nicht Silvia, das war das Etwas, das ihn umschlingen und verzehren wollte. Mit Entsetzen und seltsamer Erregung sah er, wie das Weib sich zu winden begann. Es wiegte sich in den Hüften, fuhr mit den Händen über den Leib, stöhnte und leckte sich die Lippen. Es ließ sich zu Boden gleiten, wand sich im toten Laub, bäumte sich auf der nassen, schlammigen Erde zwischen den Käfern. Es spreizte die Schenkel, hob Manuel den Schoss entgegen, griff sich zwischen die Beine. „Nimm mich!“, keuchte es mit fremder, kehliger Stimme. „Nimm mich hier!“
Manuel stolperte zurück, starrte Silvia an. Von ihren Augen war nur noch das Weiße zu sehen, ihr Körper wand sich im Schlamm, ihre Finger krallten und glitten zwischen ihren Schenkeln, ihr Atem war spitz-kehliges Stöhnen, ihre Haut schlammverschmiert. Manuel sah einen Käfer, der auf ihrem zuckenden Bauch herum kroch. Nein, nicht einen. Überall krochen die Tiere auf ihrer Haut. Kletterten ihre Seiten hoch, wühlten sich durch ihr Haar, wanderten die Schultern hinauf. Von allen Seiten kamen sie, magisch angezogen. Erklommen mit ihren langsamen, torkelnden Bewegungen Silvias Körper. Saßen auf den Brüsten, auf dem Bauch, den Wangen.
Manuel schrie auf, als ein Käfer in ihren Mund kroch. Schrie noch lauter, als ein weiterer sich in ihren Bauchnabel senkte und verschwand. Sein Verstand wollte aussetzen, während er gelähmt dastand und zuschauen musste, wie die Viecher sich in Silvias Haut bohrten, in Mund und Nasenlöcher krochen – und Silvia vor Lust keuchte und bei jedem Käfer einen wollüstigen Seufzer ausstieß. Sie lag in einem blau schillernden Bett aus sich bewegenden Insekten, suhlte sich in ihnen, spannte den Rücken, um ihre Scham in die Käferflut zu pressen, spreizte ihre Schenkel zum Zerbrechen …
Manuel fühlte einen Schlag ins Gesicht. Und noch einen. Jemand schrie seinen Namen. Wieder ruckte es in seinem Geist. Die Welt kippte, er fiel in einen schwarzen Schlund aus Schwindel und Übelkeit. Immer wieder hörte er, wie man seinen Namen rief. Er öffnete die Augen. Silvias Gesicht schaute voller Sorge. „Was ist los mit dir?“ Manuel stammelte irgendetwas, ohne zu wissen, was. Er starrte sie an. Ihr Hemd war geschlossen, ihre Haut sauber. Keine Wunden, wo Käfer sich in ihr Fleisch gefressen hatten. Im Laub krochen die Insekten unbeirrt ihrem Ziel entgegen. „Du bist ohnmächtig geworden. Hast wie im Alptraum gezuckt und wie am Spiess geschrien“, sagte Silvia. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Bilder kochten bei der Berührung in Manuel hoch. Er kroch mehrere Schritte von ihr weg. „Fass mich nicht an!“, keuchte er.
„Was?“
Manuel starrte sie an. „Ich weiss nicht, wer du bist! Ich weiß nicht, was du bist!“, stieß er hervor.
„Manuel, was …“
„Was geht hier vor? Was willst du?“
Silvia schaute ihn an, schaute ihn einfach nur an. Die Kerze flackerte in einem Windhauch, für einen Moment lag Silvias Gesicht im Schatten. Manuel sah schwarz glänzende Insektenaugen zwischen ihren Lidern und unter Ihrer Haut bewegte es sich. „Du Scheusal!“, schrie er. „Geh weg! Lass mich in Ruhe!“
Als die Kerzenflamme wieder ruhig brannte, beschien sie ein Gesicht, das zutiefst verletzt war und traurig. Angst und Sorge spiegelten sich in grünen Augen. Langsam stand Silvia auf, drehte sich um und ging auf die Öffnung im hinteren Teil der Höhle zu. Sie ging hinein, der flackernde Schein erhellte einen sauber aus dem Stein gehauenen Tunnel. Der Schein wanderte mit der jungen Frau. Immer tiefer in den Berg. Eine Biegung, und sie war dem Blick entschwunden. Der Schein wurde schnell schwächer und erlosch mit einem letzten Zucken.
Manuel lag im nassen Laub und starrte auf die Öffnung. Er bewegte sich nicht, zitterte nur am ganzen Körper. Als der letzte Widerschein verschwunden war, kam ein dunkles, verzweifeltes Gefühl über ihn. Und mit dem Gefühl so etwas wie Klarheit. Vernunft sickerte in seinen Geist und schwemmte die seltsamen Bilder fort. Die Stimme, die er über Jahre in sich herangezüchtet hatte, meldete sich zu Wort und fragte ihn, was hier geschehen war. Er kannte den Unterton in der Stimme, der ihm deutlich signalisierte, dass er wieder einmal Opfer seiner irrationalen Ängste geworden war. Ihm wurde klar, dass er sich völlig kindisch benahm. Er verstand, dass er – warum auch immer – halluziniert hatte. Ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch begehrte gegen die Stimme auf und wollte die Frage stellen, wer oder was ihm die Bilder in den Kopf gepflanzt hatte, aber die Stimme drängte es zurück. Ihre Argumente waren klar und präzise, ihre Version des Geschehens realistisch. Nichts weiter war geschehen. Silvia hatte auf die Desensibilisierung wunderbar angesprochen und ihre Angst überwunden. Ihre innere Befreiung hatte auch ihre Leidenschaft befreit. Und er kam nicht auf die angstfreie Silvia klar, auf Willensstärke und ungehemmte Lust, auf Selbstsicherheit. Er beruhigte sich. Auch wenn er verunsichert war, wie dünn die Haut der Ratio über dem brodelnden Kessel seiner Ängste war. Langsam stand er auf. Was er auch immer halluziniert haben sollte – die Öffnung im hinteren Teil der Höhle war keine Einbildung. Der Mond gab spärlich, aber genügend Licht. Kein Zweifel, an der Wand öffnete sich ein Gang. Er war künstlich angelegt wie das ganze Höhlensystem unter dem Petersberg. Er war nie wirklich in dieser Höhle hier gewesen, erinnerte er sich. Nur in der anderen Großen weiter vorn, wo sie früher durch die Lüftungsschächte gekrochen waren. Das bleiche Mondlicht reichte nicht in den Gang hinein, aber die Öffnung konnte er deutlich sehen. Eine Tür aus verrostetem Stahl stand offen, ihre Vorderseite war mit Tafeln aus Stein bedeckt, so geschickt, dass kein Unterschied zur Felswand bestehen würde, wenn sie geschlossen war. Vielleicht ein getarnter Zugang aus der Zeit, als hier die Fabrik und die Bunkeranlage betrieben wurde? Hatte ein besonders Eifriger sie dann doch entdeckt nach all den Jahren und sie aufgebrochen? Oder waren die Riegel von selbst verrostetet zu Krümeln zerfallen? Auf jeden Fall hatte kein Geist die Flanke des Berges geöffnet, um Opfer hinein zu locken, sagte die Stimme in seinem Kopf. Aus der Öffnung wehte stetig der eiskalte Wind und griff nach der Angst in seinen Eingeweiden. „Scheiße nochmal!“, stöhnte er. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Mit schnellen Schritten eilte er zum Zelt zurück, zog sich an und holte Kerzen auf dem Seesack. Wenig später stand er wieder vor der Öffnung im Felsen und zündete eine Kerze an. Zwei Schritte machte er auf den Gang zu, der eisige Wind wehte ihm ins Gesicht. Sein Magen knotete sich zusammen, er spürte, wie seine Haare sich im Nacken aufrichteten. Er konnte keinen einzigen Schritt mehr tun, die Angst lähmte ihn. Manuel fluchte, lief vor dem Höhleneingang auf und ab, sprach laut mit sich selbst. Das war nur eine dämliche Höhle, eine Höhle, in der er schon ein Dutzend Mal gewesen war, und die erdrückende Angst war nichts als irrationale Regression. Es half nichts – sobald er am Eingang stand, konnte er nicht weiter gehen, sein Herz hämmerte, er konnte kaum atmen und Bilder drängten sich in ihm hoch, die ihn vor Entsetzen schwindeln ließen – die gigantische Müllerinnen-Spinne, die lauernd an der Decke des Ganges auf ihn wartete, war noch das Harmloseste.
Er musste eine halbe Stunde laut mit sich selber diskutierend im Höhlenmaul herum gehetzt sein, als ihn eine Stimme anrief. Er erschrak und fuhr herum. Auf einem der riesigen Felsenquader saß eine Gestalt. „Was haben wir denn da? Eine gute Nacht wünschen wir ihm!“, krächzte sie. Manuel fragte sich, ob er wieder halluzinierte: der Mann war in Felle und abgerissene Stoffreste gehüllt, sein Bart reichte ihm bis auf die Brust. Die Füße waren nackt und schwarz von Erde. Und das Gesicht, zerfurcht mit brennenden Augen, hätte einem fanatischen Wanderprediger alle Ehre gemacht. Haar und Bart waren grau mit weißen Strähnen, um den Hals trug er unzählige Lederriemen mit Beuteln daran und Amuletten aus Kristallen, Holz und Zähnen. „Ist ihm die Zunge im Hals verfault? Oder warum grüßt er uns nicht?“
 Zeichnung von Alexander Lebedev.
Manuel räusperte sich und brachte ein „Hallo“ zustande. Die Gestalt sprang mit fliegendem Bart vom Stein. In der Rechten hielt er einen Stab, verdreht und mit Federn behangen. Sie hüpfte auf Manuel zu, der erschrocken zurückwich. „Er riecht nach Angst und Verzweiflung!“, stellte sie mit vorgerecktem Kopf fest. Sie umrundete Manuel, beäugte ihn von allen Seiten. „Was hüpft er hier herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und lamentiert laut in der Nacht?“ Der seltsame Kauz war mit schief gelegtem Kopf vor Manuel stehen geblieben. „Na?“
„Meine Freundin ist da rein gegangen. Ich habe Angst um sie“, stammelte Manuel.
Der Kauz stieß ein jammervolles Geräusch aus, einen lang gezogenen Klagelaut. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann, wild herum zu hüpfen. „Unheil!“, rief er aus, als er wieder vor Manuel zu stehen kann. Das Echo hallte durch den Wald. „Unheil!“
So verrückt und durchgeknallt der Mensch auch war, Manuel krampfte sich alles vor Angst zusammen. „Was meinen Sie?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Der Geist!“, stieß der Sonderling hervor. „Der Geist hat sich eine neue Braut geholt!“ Er hockte sich auf den Felsquader und brabbelte Unverständliches vor sich hin. Er kramte in einem der unzähligen Beutel, die um seinen Hals hingen, förderte kleine, weiße Knöchelchen hervor und schüttelte sie in der hohlen Hand. Mit einem Klappern warf er sie vor sich auf den Stein und starrte in wirre Muster. „Der Geistermond ist voll. Der Berg sperrt seinen Rachen auf. Drei mal sieben Jahre…“
Der Kloß in Manuels Hals drückte ihm die Luft ab. Der Verrückte auf seinem Felsquader murmelte in den Bart und starrte auf seine Knöchelchen. Schließlich hob er den Kopf. „Höre er!“, sagte er mit beschwörender Stimme. „Vor drei mal sieben Jahren raubte uns der Geist unser Mädchen. Seitdem hausen wir hier und warten und beobachten. Wir kennen ihn. Wir wissen um alles!“
Manuel schauderte. Es waren keine irrationalen Ängste! Die Haut der Wirklichkeit bekam wieder Risse. „Wie ist es geschehen?“ fragte er mit tonloser Stimme.
„Wir kamen mit unserem Mädchen vor dreimal sieben Jahren. Sie hatte Ängste, und wir wollten sie heilen …“ Der Kauz gab ein erschreckend irres Lachen von sich, das gar nicht lustig klang. „… für einen Psychologen hielten wir uns – keine Ahnung hatten wir! In der Nacht nahm es Besitz von ihr. Verwandelte sie. Es kroch in sie hinein, lockte sie zu sich. In den Berg. Wir standen wie er vor dem Eingang. Der Geist ließ uns nicht hinein, lähmte uns mit schrecklichen Visionen.“
Manuel sah den Kauz jetzt mit anderen Augen. Mitleid regte sich in ihm. „Und seit dem …“
„… sind wir hier. Nähren uns von Wurzeln, kleiden uns in Felle. Wir sind der Wächter. Wir warteten, dass die Höhle sich wieder öffne.“ Er streckte die Hände gegen den Mond. „Und sie öffnete sich.“
Manuel schwankte: entweder dieser Mensch war völlig irre, oder wusste mehr als andere. Aber es war sich gleich: Manuel sah sich genauso wie diesen Ex-Psychologen hier im Wald hausen, wenn er nicht Silvia hinterher ging. Wenn es einen Geist gab, musste er irgendwie kämpfen. Und wenn es ihn nicht gab, Silvia finden und sich bei ihr entschuldigen. So oder so musste er in die Höhle, wollte er sich selbst noch in die Augen schauen können. „Ich geh hinein!“, sagte er mit leiser, aber fester Stimme.
Der Kauz starrte ihn an, dann sprang er in Kreisen herum wie ein seltsamer Vogel. „Er geht hinein!“, rief der und schüttelte seinen Stab. Er rasselte und klapperte von all den Dingen, die daran hingen. „Er geht hinein!“ Plötzlich blieb er stehen und zog sich ein Amulett nach dem anderen über den Kopf, um sie Manuel umzuhängen. Er raunte und brabbelte, Segensprüche vielleicht, Gebete, Zauberformeln. „Eile er sich! Es bleibt nur wenig Zeit! Und höre er das Ritual, mit dem er den Geist bannen kann!“ Der Kauz erklärte und führte vor. Ein Irrsinn aus Sprüngen und in den Boden geritzten Zeichen, aus Formeln und Rufen. Trotzdem saugte etwas in Manuel alles begierig auf. Es waren die einzigen Waffen gegen das, was ihn da drinnen erwartete. Und wenn es auch nur seine eigene Angst war. Zum Schluss reichte der Kauz ihm ein kopfgroßes Garnknäul. „Damit er wieder zurückfinde!“ Er schob und zerrte Manuel bis vor den Eingang. Eisiger Wind schlug ihnen entgegen. „Glück auf seinen Wegen! Wappne er sich gegen das Böse! Wir erwarten ihn hier drei Tage lang!“
Manuel stand, die Kerze in der Hand, sein Blick starrte in den Gang. Der Windhauch roch modrig wie fauliger Atem. Er fühlte sich für einen Moment wie damals als Kind, als er auf dem Fünfmeterbrett im Schwimmbad stand. Auch da war er wie gelähmt gewesen. Und war er nicht später Felsenklippen hinunter gesprungen wie heute Nachmittag? Er schloss die Augen und machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Und noch einen. Der Eiswind schmerzte auf seinen Wangen. Als er die Augen öffnete, stand er im Gang. Sein Herz schlug laut, aber die Angst war erträglich. Er wandte sich um. Das Licht der flackernden Kerze erhellte den Felsengang nur in seiner unmittelbaren Nähe, dahinter versank alles in undurchdringlichem Schwarz. Die Öffnung war ein silbriges Leuchten mit dem Schattenriss des Kauzes, Haare und struppiger Bart glühten im Mondlicht. „Der Geist wird ihn aufhalten wollen mit dunklen Visionen!“, hörte er ihn rufen. Die Stimme hallte im engen Gang. Aus der Tiefe des Berges antwortete ein vielfaches Echo aus gurgelnden Schreien. „Stärke er seinen Geist!“
Manuel nickte ihm zu, schützte die Flamme der Kerze mit der Hand und schritt in den Berg hinein.
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