
Quelle: Liebold, Norman: Narratiunculae Obscurae. Dreizehn finstere Geschichtelchen. Siegburg 1995.
Das war die erste “richtige Veröffentlichung”. Natürlich im Eigenverlag, aber immerhin 200 Exemplare, die sämtlich verkauft worden sind. Das Büchlein gibt es natürlich schon seit Jahren nicht mehr in gedruckter Form (und das ist auch ganz gut so), aber ich habe mir die Mühe gemacht, es einzuscannen und an dieser Stelle online zu stellen (Lesefehler des OCR-Programms bitte ich zu entschuldigen). Wenn die Geschichten auch wirklich grausam sind, so hat es doch für mich dokumentarischen Wert.
NARRATIUNCULAE OBSCURAE
Dreizehn finstere Geschichtelchen
Inhalt
Mit dem Wind um die Wette rennen
Die Ballade von Nyddrym, dem letzten der wahren Zauberer

Man könnte an dieser Stelle Millionen Worte über den Sinn und Zweck der Prosa verlieren. Die, die mich kennen, werden sich vielleicht wundern, daß ich dies nicht tue. Nun, ich möchte ganz einfach meine Leser nicht von vorne herein so verschrecken, daß sie ganz vergessen, warum sie diesen Kurzprosaband in die Hand genommen haben: nämlich, um ihn zu lesen. (Natürlich mag es auch solche geben, die ihn eigens zur Hand genommen haben, um ihn in möglichst kleinen Stücken durch die Kanalisation zu jagen. Doch die seien hier ignoriert.)
Jedenfalls möchte ich mich im Voraus entschuldigen. Es gibt Leute, denen etwas nicht gefällt, während die Masse vor Euphorie tobt. Und auch solche, die glücklich tanzen, während die Masse sich anschickt, arme Autoren zu lynchen, die ihnen irgendwelche schwachsinnigen Geschichten zugemutet haben. Jenen also, die meine Geschichten so gräßlich finden, daß sie sich aus dem nächstbesten Hochhausfenster stürzen, sei gesagt, daß ich erst seit wenigen Monaten (sieben, um genau zu sein) schreibe. (Nicht, daß ich glaube, daß diese Offenbarung ihre zerschellten Körper am Fuße der Wolkenkratzer wieder zum Leben erwecken wird, doch es sollte mal gesagt sein, ehe man mich öffentlich exkommuniziert.)
Warum ich schreibe? (Ich muß diese rethorische Frage stellen, denn ich erwarte keinerlei Interesse eurerseits) Nun,ich mußte schrecklicherweise feststellen, daß ich verrückt bin. Und mein größtes Anliegen als Verrückter ist es, auch meine Umwelt verrückt zu machen. Um diese aber in meine Richtung verrücken zu können, bedarf es ein Werkzeug. Dieses Werkzeug kann die Sprache sein, die Rede. Die, wie mir sicher viele bestätigen werden, beherrsche ich wahrhaft tödlich. Zum anderen ist das Bild ein wundervolles Werkzeug. (Nicht nur, weil jeder noch so schwachsinnige Gymnasiast Bilder verstehen kann.) Und, trara, man stelle sich einen geckenhaft herumhüpfenden Menschen mit einer Kamera vor, der umherzieht und armen, unschuldigen Manschen ihre Seelen klaut, indem er sie in seinem schwarzen Kasten einfängt. Wer dieser ist, muß wohl nicht näher erläutert werden. Und auch die Literatur ist ein guuuuutes Werkzeug zur Manipulation der Umwelt.
Eine kleine, äußerst schlechte, Auswahl liegt nun in deinen Händen. Natürlich habe ich den ganzen letzten Absatz nur geschrieben, weil ich diese verdammte Seite füllen muß. Man schreibt ganz einfach, weil man schreiben muß. Es ist wie ein Zwang, ein Muß. Es gibt Leute (Meist ausnahmslos Verrückte), die diesen Drang, sich mitzuteilen, verspüren und diesem hilflos ausgeliefert sind. Ich bin einer von ihnen. Drum verzeiht mir!
(Freudig stelle ich fest, daß ich die Seite nun doch noch voll bekommen habe, ohne etwas zu sagen. Schließlich sollst Du unvoreingenommen diese Geschichten lesen.)
Eines noch: Deine Meinung über das Geschriebene interessiert mich ganz ungemein. Ich fänd’ es ungeheuer nett, wenn Du mir diese schreibest!
Und schließlich: Viel Spaß beim Lesen!
Er hatte sich verspätet. Mit weitausholenden Schritten ging er durch den Gang. Hohl schallte es von allen Seiten zurück, hinter verschlossenen Türen murmelten Stimmen. Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster, malten Muster auf das grüne Linoleum des Bodens. Der Gang war leer. Nur er schritt hier seinem Ziel, einer Tür am Ende des Ganges, entgegen. Sein schon lichtes Haar lag wirr und verschwitzt auf seiner Stirn. Diesen Morgen war er aufgewacht, hatte sich gestreckt und einen Blick zur Uhr geworfen. Zwar war ihm schon aufgefallen, daß es heller im Zimmer war als sonst, wenn er aufstand, doch war März und die Tage wurden wieder länger.
Der große Zeiger der Uhr hatte kurz vor um gestanden, der kleine auf der Sieben. Alles in Ordnung. Doch dann hatte die Turmuhr geschlagen. Aus reiner Gewohnheit hatte er mitgezählt. Beim siebten Glockenschlag hatte er sich aufgesetzt, um die Beine über die Bettkannte zu schwingen und auf den Boden zu setzen – das rechte natürlich zuerst. Er stand immer mit dem rechten Bein zuerst auf.
Als die Glocke der Turmuhr ein weiteres Mal schlug, fuhr er zusammen. Er stieß einen saftigen Fluch aus und sprang aus dem Bett. Daß sein linker Fuß den Boden zuerst berührte, bemerkte er nicht. Er zerriß fast seinen Pyjama, als er sich umzog. Kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Das leise Rasseln der nicht weit entfernten Schulklingel bewirkte, daß er sich in den Hosenbeinen verhedderte und der Länge nach auf den Boden schlug. Er fluchte wieder, obwohl er irgendwann einmal, als er noch sehr klein war, geschworen hatte, nie wieder zu fluchen. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, daß solch ein Fluch oft auf einen zurückfiel und schreckliche Dinge passieren konnten. Sicher, das war Unsinn, doch hatte er es versprochen und hielt sich auch daran. Bis heute hatte er das auch geschafft.
Bis heute hatte er sich auch nie verspätet. Als er noch zur Schule ging, hatte ihm seine Lehrerin, eine verschrumpelte alte Hexe, immer gesagt, daß es einmal schrecklich mit ihm zuende gehen würde, wenn er weiterhin immer zu spät käme. Seitdem war er nie wieder zu spät gekommen.
Er hatte seine Unterlagen vom Schreibtisch in seine Tasche geschaufelt, wehmütig auf seinen gedeckten Frühstückstisch geschaut – Hildegart konnte phantastische Spiegeleier machen – und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Auf dem Weg in die Schule hatte er einer schwarzen Katze auf den Schwanz getreten, die dummerweise über seinen Weg lief. Voller Wut hatte er dem vor Schmerz winselnden Wesen noch einen Tritt gegeben. Das ihn rachsüchtig anstarrende, gleißende Blau seiner Augen hatte er nicht gesehen.
Schnaufend erreichte er die Tür des Klassenzimmers. Hinter ihr war es erstaunlich still. Er zögerte, die Klinke entgültige herunterzudrücken, schlaff lag seine schweißfeuchte Hand auf ihr. Sie war kalt. In seiner Magengrube nistete sich ein seltsames Gefühl ein. Es war keine richtige Angst, eher die Empfindungen, die den Körper einer langschwänzigen Katze erfüllen, die in einer Lagerhalle voller Schaukelstühle eingesperrt ist.
Er schüttelte den Kopf, sagte sich, daß dies schließlich nur der Deutschraum war und dahinter seine Klasse auf ihn wartete. Vielleicht war es deshalb so still, weil alle in der Geschichte lasen, die er ihnen letzte Stunde gegeben hatte. Es war eine gute Geschichte, fand er. Sie hieß “San Salvador”.
Entschlossen drückte er die Klinke herunter, trat in den Raum. Es war dunkel in dem Raum, jemand hatte die Fenster mit schweren Decken zugehängt. Kerzen flackerten träge vor sich hin, beleuchteten die Szenerie mit ihrem roten Licht, das mehr Schatten schuf, als es verträngte.
Krachend flog die Tür ins Schloß.
Seine Schüler schauten ihm erwartungsvoll entgegen. Seltsam war nur, daß sie schwarze Kutten trugen. Ihre Gesichter lagen im undurchdringlichen Schatten ihrer Kapuzen. Augen wie glühende Kohlen starrten aus ihnen hervor. Sie wirkten wie ein schrecklicher Alptraum, wie sie stumm hinter ihren Bänken hockten, ihn mit rotglühenden Augen anstarrten.
Fiel flackernder Kerzenschein unter die Kapuzen, starrte ihm ein irres Grinsen entgegen, das wohlbekannte Gesichter verzerrte. Röchelnd kämpfte sich der Atem durch seine Luftröhre. Langsam, sehr langsam, drehte er sich seinem Pult zu.
Sein Blut gefror in den Adern, als er das Lamm sah, das auf Pult lag. Eine Wunde klaffte in seinem Hals, Blut rann durch weißes Fell, tropfte in eine Blutlache auf dem Boden. Erstickt drang ein Laut aus seiner Kehle, seine Hand krampfte sich traurig in das weiche Fell des Tiers, er versuchte etwas zu sagen, doch drang nur ein Röcheln aus ihm.
Als es hinter ihm raschelte, drehte er sich langsam um. Er sah seine Klasse wie durch einen langen Tunnel, durch das falsche Ende des Fernglases. Einer aus der vordersten Reihe stand auf, wuchs wie ein Schatten in die Finsternis, gewann unheimliche Größe. Der Lehrer erstarrte, als der Schatten ihn mit seinen Augen aus glühenden Kohlen durchbohrte, die rechte Hand langsam hob. Der Ärmel der Kutte rutschte etwas zurück, entblöste eine bleiche, knochige Hand mit klauenartigen Fingern. Blaue Funken krochen wie Maden auf ihr herum. Der Schein einer Kerze fiel unter die Kapuze. Das Grinsen unter ihr ließ das Herz des Lehrers einen entsetzten Hüpfer machen. Es setzte kurz aus, trommelte dann um so schneller gegen seine Brust.
Gleißend löste sie ein grellblauer Blitz von den Fingerspitzen des Schülers, schoß durch den Raum und erfaßte den Lehrer. Bis auf dumpfes Knistern herrschte absolute Stille. Kleider fielen raschelnd zu Boden, dann klirrte ein Schlüsselbund. Wo der Lehrer gestanden hatte, hing ein Frosch in der Luft. Mit blöden Augen glotzte er um sich, öffnete das Maul, gab ein erschrecktes Quaken von sich und fiel mit einem feuchten Klatschen auf den Haufen Kleidung. Ein rotäugiger Schatten mit rießigen Ausmaßen schritt auf ihn zu, er hielt ein gigantisches Opfermesser in der Hand…
Ein langgezogener Schrei gellte durch das Zimmer. Der Mann setzte sich auf, als wäre eine große Feder unter seinem Rücken montiert. Augen stierten vor Angst gelähmt um sich, Schweiß rann in sie, der Mann zwinkerte, wurde sich gewahr, daß er in seinem Bett saß und eindeutig menschlich war. Zitternd saß er in seinem verschwitzten Bett.
“Was für ein verdammter Alptraum!” krächzte er. Er drehte sich um, schaute auf die Uhr. Fünf vor sieben. Ein Dejá-vú fuhr in seine Magengrube. Vorsichtig schwang er sich aus dem Bett, achtete darauf, daß sein rechter Fuß zuerst den Boden berührte. Der Glockenturm schlug nicht. Dafür schwebte der himmlische Geruch von Hildegarts Spiegeleiern in seine Nase. Sein Magen knurrte fordernd.
Er stand auf, schlüpfte in die Hose, war dabei, das Hemd zuzuknöpfen, als er zum Fenster schaute. Eine schwarze Katze lag auf dem Fensterbrett, wärmte sich in der Sonne und musterte ihn aus halboffenen Augen. Seltsam, dachte er, sie hat blaue Augen. Was ihm nicht auffiel war, daß gestern die Sonne erst um dreiviertelacht auf das Fensterbrett geschienen hatte. Allerdings wurden die Tage wieder länger.
Die Turmuhr schlug. Wie immer zählte er mit. Beim siebten Schlag knöpfte er den letzten Hemdknopf zu – den Kragen, er knöpfte immer alle Knöpfe zu. Beim achten Schlag erstarrte er. Seine Kinnlade klappte herunter, ein einsamer Speichelfaden machte sich auf den Weg in die Freiheit.
Eine Hose, ein bis oben hin zugeknöpftes Hemd fielen zu Boden. Über ihnen hing ein Frosch in der Luft. Er sah erschrocken aus, der Frosch. Die Schwerkraft erinnerte sich an ihn und klatschend landete er im Kragen seines frischgestärkte Hemdes. Ein liebloses Quaken aus seiner eigenen Kehle raubte ihm die letzte Hoffnung.
Die Tür öffnete sich knarrend. Er schaute auf Hildegarts Hauspantoffel. Doch als er seinen Froschblick höher wandern ließ, glitt er über den groben, schwarzen Stoff einer Kutte. Glühende Kohlen statt lieblich brauner Rehaugen starrten auf ihn herab. Licht, von der blitzenden Klinge eines Küchenmessers gespiegelt, beleuchtete das irre Grinsen unter ihnen. Die schwarze Katze mit den leuchtend blauen Augen saß auf Hildegarts Schulter.
Er quakte kläglich. Es war sein letztes Quaken und er wußte es. Mit der Kraft der Verzweiflung hüpfte er aus dem Kragen, sprang durch das Zimmer, zwischen Hildegarts Pantoffeln hindurch, auf die Tür zu. Die Katze war schneller. Plötzlich war sie vor ihm, schien zu grinsen, sie hob eine Tatze, fuhr die Krallen aus. Gleißend blaue Augen ohne Pupille leuchteten ihm entgegen. Eine rote Katzenzunge leckte über blitzend weiße Reißzähne.
Das Messer schoß herab.
Eine halbe Stunde später saß Hildegart am Frühstückstisch. Die schwarze Katze hatte es sich auf ihm bequem gemacht, naschte aus der Untertasse, die vor ihr stand. Heute gab es eine Delikatesse zum Frühstück: Froschschenkel.
Langsam drehte sich der Schlüssel im Schloß der Schranktür. Er hatte einige Mühe, ihn zu drehen, denn er mußte sich auf die Zehenspitzen stellen und sich strecken, um ihn mit den Fingerspitzen berühren zu können. Die Zunge war fest in den Mundwinkel gepreßt, Laute der Anstrengung drangen durch die Nase, manchmal auch durch die zusammengepreßten Lippen. Endlich gab irgendeine Mechanik in der Tür ein klickendes Geräusch von sich, etwas glitt zurück und die Schranktür öffnete sich quitschend einen Spaltbreit. Er atmete keuchend, als er sich wieder auf die Füße stellte, sich erschöpft gegen den Schrank lehnte.
Seine Eltern waren nicht zuhause. Sie waren zu den Großeltern gefahren. Seine Großmutter war bettlägrig, der Großvater hatte im Krieg ein Bein verloren. Die Eltern kauften immer für sie ein. Meistens kam er mit, denn sie ließen ihn nicht gern daheim zurück, doch heute hatte er ihnen gesagt, daß er nicht mitkommen wollte, weil er sich sehr schlecht fühlte. Es war das erste Mal, daß er seine Eltern belog. Er schämte sich auch dafür, doch war er auch sehr neugierig. Sie sagten immer, er sei ein sehr aufgeweckter Junge und seine Mutter hatte ihm schon das Lesen beigebracht, obwohl er noch lange nicht in die Schule gehen mußte.
Seine Eltern liebten ihn, das wußte er. Doch er fand es gemein, daß sie ihm verboten, diese Filme zu sehen. Seine Freunde auf dem Spielplatz erzählten immer von den Filmen. Ja, Trickfilme erlaubten sie ihm anzuschauen. Und sie lasen ihm immer Geschichten vor. Er liebte Trickfilme sehr, auch zeichnen tat er sehr gern. Und alle, die zu Besuch kamen und sich seine Bilder anschauten, sagten, daß sie sehr schön waren. Doch wollte er auch wissen, was es, mit diesen Filmen auf sich hatte. Er wußte, sein Vater sah sehr oft solche Filme und seine Mutter schalt ihn dafür. Sie sagte immer, daß diese Filme schlecht seien und daß es krank sei, soetwas anzusehen. Der Vater sagte dann immer, daß es doch oft so wäre, daß sie doch nur das zeigten, was wirklich passierte. Früher, so sagte er, hätte man soetwas herausgelassen, weil keiner zugab, soetwas gern zu sehen. Heute war man nicht mehr so verkrampft und stellte sich gern der Realität. Es war menschlich, sagte er, daß man soetwas gern sehe. Deswegen führen viele bei Unfällen besonders langsam, um einen Blick erhaschen zu können. Unsere Gesellschaft entbehre solchen Dingen völlig, früher hätte es Zweikämpfe gegeben und Tuniere, Steinigungen und bei den Römern wären Gladiatorenkämpfe gute Unterhaltung gewesen. Heute gab es eben Filme, das wäre völlig natürlich. Seine Mutter meinte dann immer, daß Männer mit Kettensägen für sie überhaupt nichts Natürliches an sich hätten.
Er verstand nie, von was sie sprachen. Er hatte nichts gegen Holzfäller. Und überhaupt, warum sollte er sich denn solche Filme denn nicht ansehen? Er stieß sich von der Tür ab, schob seine Finger in den Spalt und schob die Tür auf. Dahinter waren viele Bretter einmontiert worden und auf allen standen Filme. Er kannte diese Dinger. Er hatte Pinoccio gesehen, er war auch auf so einer Kassette gewesen. Videokassetten nannte sie sein Vater. Er hatte noch nie so viele auf einem Male gesehen, sein Mund stand vor Staunen weit offen. Ganz unten standen seine Filme, die er schon einmal gesehen hatte, da war auch Pinoccio und Die Schöne Und Das Biest und Alladin. Sein Blick wanderte weiter, er las Dinge wie “Halloween”, “Tanz der Teufel”, “Terminator”, “Friedhof der Kuscheltiere”, “Die Killeralien vom Mars” und er fand alle diese Namen komisch. Er zog einige der Kassetten heraus, ging damit zur Stube. Er mußte sie kurz auf den Boden legen, als er sich zur Türklinke streckte.
Eigentlich durfte er nicht an den Videorecorder heran, doch er wußte genau, wie man ihn bediente. Er war sehr begabt in solchen Dingen, sagte seine Mutter immer. Er holte den Schlüssel aus der Kommode, wo er immer unter den Taschentüchern lag. Er wußte nicht, wieso seine Eltern ihn immer dahinlegten; er fand das umständlich, doch es war ihre Entscheidung. Er schloß den Schrank auf, hinter dem der Fernseher und der Videorecorder standen. Seine Mutter schloß den Schrank nur manchmal auf, damit er fernsehen konnte. Meist kamen dann Tierfilme oder Trickfilme. Er mochte Tiere sehr, besonders die Kleinen, die sahen immer so lieb aus. Sie hatten keine Haustiere, seine Mutter wollte das nicht; sie sagte immer, daß sie Krankheiten übertrugen. Stefan hatte eine kleine Katze. Er war oft bei ihm und er mochte das Kätzchen, es mauzte immer so schön und es machte Spaß, sie zu streicheln. Er hatte nie gesehen, wie sie Krankheiten trug, er wußte auch gar nicht, wie sie aussahen. Bestimmt waren sie grün und hatten lange Zähne.
Er steckte die erste der Kassetten in den Recorder, schaltete den Fernseher ein und drückte den Wiedergabeknopf. Viele Stunden saß er vor dem Fernseher und als er Kopfschmerzen bekam, machte er ihn aus und ging in den Keller. Sein Vater hatte sich vor einigen Wochen einen Garten gekauft. Am Wochenende fuhren sie immer dorthin. Manchmal machten sie dann auch ein kleines Feuer. Es war immer lustig im Garten. Sein Vater liebte den Garten über alles, der ganze Keller war angefüllt mit Dingen für den Garten. Spaten, Harken, Gießkannen und einer Säge für die ganzen verwilderten Bäume im Garten. Es war eine mit Motor. Und er war sehr begabt in solchen Dingen; niemals brauchte er eine Bedienungsanleitung, sofort verstand er alles, was mit Geräten zu tun hatte.
“Spatz, geht es dir wieder besser?”, rief seine Mutter, als sie die Wohnungstür aufschloß. Dann flüsterte sie hinter sich:
“Bestimmt schläft er schon. Ist er nicht ein lieber Junge? Laß das, Günter!”
Eine tiefere Stimme hinter ihr raunte: “Wieso denn? Wenn er doch schon schläft…”
“Günter!”, kicherte sie. Schmatzende Geräusche folgten. Die Tür wurde leise aufgestoßen, zwei Schemen zeichneten sich vor dem Licht einer Straßenlaterne ab, glitten herein. Es klackte leise, als die Tür ins Schloß geschoben wurde.
“Gehen wir gleich ins Schlafzimmer?”
“Nein, Liebes” Schmatzen, Rascheln von Stoff; der Geruch eines Parfüms, gemischt mit einem anderen, undeffinierbaren nach Schweiß und Verlangen. “in die Küche. Ich bekomme Hunger auf Simone mit Schlagsahne.” Kichern.
“Autsch!”
“Leise, sonst muß ich dich fesseln und knebeln”, flüstert es nach einem pochenden Geräusch, als jemand gegen irgendetwas stößt.
“Warum machen wir kein Licht an?”
“Willst du ihn aufwecken? Dann ist nichts mit Schlagsahne.”
“Autsch!”
“Paß doch auf! Taste dich doch voran!”
“Tu ich doch.”
“Doch nicht da! Gedulde dich doch noch ein paar Sekunden, wir sind ja gleich da.”
“Ich kann nicht!” Hingebungsvolles Schmatzen, Kleidung raschelt zu Boden, jemand kichert, stöhnt kurz, kichert wieder.
“Stopp mal.”
“Was ist denn?” Die Stimme kommt halb erstickt, wie durch Schenkel gedämpft.
“Sieh mal, unter der Wohnzimmertür ist Licht.”
“Na und?”
“Warte mal einen kleinen Moment.”
“Jetzt? He, bleib hier, steh nicht auf!”
“Der Fernseher läuft! Sebastian ist noch nicht im Bett, er sieht fern!”
“Ach was, wie soll er denn? Das ist die Straßenlampe, die von draußen durch das Fenster scheint.”
“Nein, das ist der Fernseher.”
“Dann sieh doch nach! Beeil dich aber!” Rascheln, das Licht geht an. Eine Frau in den späten Zwanzigern steigt über den am Boden lümmelnden Mann, schreitet zur Wohnzimmertür. Ihr Slip hängt am rechten Fußknöchel, der Rock ist zerknittert. Sie drückt die Klinke herunter, öffnet die Tür.
“Hallo Mami!” sagt eine Kinderstimme.
“Sebastian, warum bist noch nicht im Bett?” Eine Kettensäge jault auf, eine Frauenstimme kreischt. Wenig später ist es eine tiefere Männerstimme, die wie am Spieß brüllt. Dann gehen die Lichter im Haus wieder aus, der Bildschirm des Fernsehers flimmert in trägem Rauschen vor sich hin. Die Haustür geht auf, eine kleine Gestalt schlüpft hinaus, kurz schleift schweres Metall über Asphalt.
Ab und zu in den nächsten Tagen und Nächten jault irgendwo in der Stadt eine Kettensäge einsam vor sich hin, begleitet vom passenden Kreischen ihrer Opfer. Der Junge begann nach einiger Zeit, sich das selbe gemeine Kichern anzugewöhnen, wie es die Leute in den Filmen immer benutzt hatten, bevor sie ihre Sägen anwarfen. Er war nicht der einzige seiner Art. Auch nicht der erste und auch nicht der letzte. Es gab viele intelligente Kinder auf diesem Planeten. Und nicht nur Kinder. Auch viele begabte Filmemacher.
Es ist das erste Mal, daß ich eine Geschichte schreibe. Ich schreibe auf der Schreibmaschiene meines Vaters. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt mit der Hand schreiben könnte. Aber das ist egal. Wichtig ist nur, daß irgendjemand da draußen diese Geschichte findet und liest. Nun, eigentlich habe ich nie an soetwas wie die Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Wenn ich mich verliebt habe, geschah das mehr mit meinem Verstand. Wenn sie schön war und nicht strohdoof und sie mir in ihrer Art symphatisch war, erwog ich, mich in sie zu verlieben. Ich war auch immer sehr verklemmt. Um ehrlich zu sein, bis vor kurzem habe ich noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Die Liebe auf den ersten Blick war für mich der schnulzige Auswurf irgendeines drittklassigen Kitschschreibers. Wie ich feststellen mußte, hatte ich mich geirrt.
Vor zwei Tagen ging ich in die Bibliothek meiner Stadt. Es ist eine sehr alte Bibliothek – sie wissen schon, mit meterhohen, riesigen Holzregalen, diesem Duft nach Holz und Büchern. Ich liebe Bücher. Das Mädchen lehnte mit dem Rücken an einem dieser Regale, las in einem Buch und war, naja, einfach wunderschön. Durch eines der wenigen Fenster fiel Sonnenlicht auf ihre Haare und ihr Gesicht. Ihre Lippen lächelten auf eine Weise, die mein Inneres nach außen zu stülpen schien, ihre Augen… ihre Augen schienen von innen her zu leuchten, mich wunderte es, daß das Buch nicht in Flammen aufging unter einem Blick aus solchen Augen. Ihr Gesicht, nun es war unbeschreiblich. Es war, als passe es genau in eine Schablone in meinem Hirn – es war vollkommen.
Kurz gesagt, ich verliebte mich in eine Weise in sie, die ich noch nie vorher gekannt hatte. Es war, als träfe mich ein Blitz, mein Körper fühlte sich plötzlich völlig anders an, ich fühlte, wie ich schneller atmete. Plötzlich konnte ich Gerüche wahrnehmen, die ich vorher noch nicht einmal erahnt hatte. Ich hatte das Gefühl, alle Bücher einzeln herausriechen zu können, ja, ich konnte sogar die Gerüche der Hände wahrnehmen, die sie berührt hatten. Und ich konnte sie riechen. Ihr Duft war unbeschreiblich. Jede ihrer einzelnen Zellen schien auf eine andere Art wundervoll zu duften. Ich konnte kein Parfüm riechen, diese Düfte kamen direkt von ihr; wenn sie ausatmete wurde mir fast schwindelig vor Wonne, ihr Atem war nicht einfach nur lieblich, er war vollkommen. Ihre Haare dufteten wie frischgemähtes Heu, ihr Gesicht wie ein wundervoller Morgen im Frühling. Ihre Brüste und ihr Bauch, sie rochen, sie dufteten nach einem Gewitter im Sommer, wenn die Luft rein ist, nach nassem Gras, nach reifen Kornfeldern, nach Leben. Es war unglaublich, ihre Beine, ihr Unterleib – dieser Duft läßt sich einfach nicht beschreiben. Ich mußte eine ganze Weile so dagestanden haben, vielleicht hatte ich die Zeit völlig vergessen und sie mit meinen Augen fast verschlungen. Jedenfalls blickte sie nach einer Weile von ihrem Buch hoch und schaute mir in die Augen. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen.
Noch nie in meinem Leben war ich einem solchen Blick begegnet – er glich einem Laserstrahl, einem Flammenschwert, einer glühenden Lanze, die mitten in die Seele fährt. Nur verbrennt sie einen nicht, sie bereitet keinen Schmerz, sondern nur unendliche Wonne. Nichts existierte mehr in dieser Welt, nur ihre Augen sahen mich an. Ich glaube nicht an Telepathie oder dergleichen, doch als ich in diese Augen schaute, fiel ich in eine völlig andere Realität. Bilderfluten durchströmten mein Hirn wie ein Stroboskopblitz; ich fühlte fast, wie meine Haare wuchsen, ja sogar meine Zähne fühlte ich wachsen. Ein solches Erlebnis ist unbeschreiblich. Mir wurde schon viel von feuchten Träumen erzählt, und obwohl ich noch nie einen hatte, wußte ich doch, was sie waren. Nun, diese Bilderflut glich einem dieser Träume, mehr noch, sie war die Essenz von Millionen, nein Trillionen von ihnen. Und in allen war sie die Hauptperson. Ich weiß nicht, ob es ihr ebenso erging, doch ihr Geruch veränderte sich schlagartig – als sie mit in die Augen schaute, roch sie nach, nach… es läßt sich schwer beschreiben, ich würde sagen, daß sie nach unendlichem Verlangen roch – ein Geruch, der durch mich hindurchfuhr wie eine gigantische Flutwelle. Als die Bilderflut allmählich abebbte, sah ich, wie sich sich wand. Ihr Mund hatte sich einen Spaltbreit geöffnet, ihr Atem flog. Ihre Augen hatte sie für einen Moment geschlossen, ihren Kopf in den Nacken gelegt, gegen das uralte Holz des Regals.
Das Buch war ihr aus den Händen geglitten, es lag am Boden, während ihr Körper sich benahm wie eine Kreuzung ais einer liebesdurstigen Katze und einer Schlange. Ich war wie gelähmt, nahm ihren Geruch wahr, wurde völlig in ihm eingehüllt. Es vergingen Augenblicke, die mir wie Unendlichkeiten schienen. Dann sah sie mich wieder mit ihren unglaublichen Augen an, ihre Lippen öffneten sich; ich konnte das Geräusch hören, wie sie auseinander glitten; sie atmete ein, wieder aus, betäubte mich fast mit ihrem Atem. Es ging so schnell, daß ich es fast nicht bemerkte: sie trat einen Schritt auf mich zu, der Stoff ihrer Bluse raschelte über meinen Pullover, dann preßte sie ihre Lippen auf meine. Ihre Zunge glitt hinein, rieb sich zärtlich an meiner; überall war sie, es war fast beängstigend, ihr Duft erschlug mich fast; ich war völlig weggetreten, schwebte schon in den sieben Himmeln, als sich ihre Lippen wieder von mir lösten. Sie strich mit ihrer Nase gegen die Meine, ihr Atem strich wie ein sanfter Wind über mein Gesicht. Mir war klar, daß ich, wenn ich jetzt versuchen würde zu gehen, nur taumeln würde. Ich traute mich schon nicht mehr, überhaupt einzuatmen; ihr Geruch wirkte auf mich wie eine starke Droge – zehntausendmal stärker als jedes LSD oder Crack. Vielleicht würde ich zerplatzen wie eine überreife Tomate, die aus dem sechzigsten Stockwerk geworfen wurde, wenn ich davon eine Überdosis bekam.
Ich nahm nicht nur ihren Geruch so wahr, auch alle Geräusche waren viel deutlicher und klarer als jemals zuvor: Ich konnte die ganze Stadt hören, irgendwo stöhnte sich ein Liebespaar dem Höhepunkt entgegen, ein Kind weinte, irgendwo fauchte eine Katze bösartig auf, als ihr Jemand knirschend auf den Schwanz trat. Außerhalb der Stadt, Dutzende von Kilometern entfernt, heulte ein Wolf seine Klagen gegen den aufgehenden Mond. Es war seltsam, doch dieser Laut grub sich tief in mich hinein, wühlte mich auf, erweckte den Wunsch in mir, neben ihm zu sein, gen Mond zu heulen, die Welt der Menschen für alle Zeiten zu vergessen.
Wir mußten Stunden in der Bibliothek gewesen sein. Als wir hinaus gingen, war es schon finster, Schneeflocken trieben in unsere erhitzten Gesichter. Der Straßenlärm betäubte mich fast. Es schien völlig natürlich für sie zu sein, daß sie sich an mich schmiegte, ihren Kopf an meine Brust legte. Wenigstens mir erschien es wie das Normalste auf dieser Welt. Wir hatten bis jetzt kein Wort miteinander gesprochen, es schien völlig überflüssig zu sein. Mein Herz wummerte voll Liebe gegen meinen Brustkorb, der sich seltsam fremd anfühlte. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Rippen würden sich verschieben, weich werden, sich verformen. Auch in meinen Händen hatte ich manchmal dieses Gefühl. Die Wolken am Himmel rissen für einen Moment auf, der Mond leuchtete uns entgehend, und mich überkam der unwiderstehliche Drang, meine Gefühle herauszuheulen, ihm, dem Beherrscher des nächtlichen Himmels mein Opfer darzubringen in Gestalt eines Gesangs, der alles das beinhaltete, was mich bewegte. Es bedurfte äußerste Kraft, nicht stehenzubleiben, dem Mond entgegenzublicken und zu beginnen, das Lied zu singen, das soviel älter war als alles, was ich kannte.
Das war auch der Moment, wo das Mädchen, das sich mit soviel Selbstverständlichkeit an mich schmiegte, zum ersten Male sprach. Es sagte, daß ihr soetwas noch nie passiert sei und daß sie mich liebte wie keinen anderen Menschen jemals zuvor. Ich konnte nicht anders, von unglaublich starken Gefühlen überwältigt gestand ich ihr auch meine brennende Liebe, küßte sie, daß mir bunte Kringel vor den Augen tanzten. Überhaupt bemerkte ich, daß meine Augen zunehmend schlechter wurden, während mein Geruchsinn, das Gehör und der Tastsinn ständig besser wurden.
Es war unbeschreiblich, was ich alles von der Welt wahrnahm – bis jetzt hatte ich das noch nicht einmal erahnt. Die vorbeigehenden Menschen konnte ich allein an ihrem Geruch erkennen, sie waren für mich lesbar wie ein offenes Buch. Ich konnte ihre Gefühle riechen, ich erroch, was sie von uns dachten – es grenzte an Telepathie. Einige schienen sich ihrer Jugend zu erinnern, schauten mit Neid auf uns, wie wir uns umarmten, andere freuten sich mit uns; andere wieder nahmen uns gar nicht wahr, stolperten wie blind durch die Welt. Was immer auch geschehen war und geschah, es war etwas Wundervolles.
Auch meine Gefühle schienen stärker, unmittelbarer, zu werden. Immer wieder überkam es mich und ich presste meine sich jetzt viel lebendiger, echter anfühlenden Lippen auf die Ihren; nur ein Rest des mir langsam grotesk vorkommenden menschlichen Anstandsgehabes hinderte mich daran, ihr gleich hier, auf der Straße, die Kleider von ihrem unglaublichen, duftenden Körper zu reißen; sie mit Küßen zu überdecken; mit der Zunge über ihre warme, nach reifen Kornfeldern und lustgtränktem Schweiß duftende Haut zu fahren; sie in die Arme zu nehmen, zusammen mit ihr mit dem Wind um die Wette zu laufen, um irgendwo mein Gesicht zwischen ihren Schenkeln zu vergraben, nur sie zu spühren, nichts sonst, sie zu schmecken, zu riechen, zu fühlen und zu hören, nichts als sie.
Sie schien ebenso zu empfinden, ihr Atem wurde schneller und schneller, ihr Duft wurde süßlicher und süßlicher; ihr Unterleib verströmte einen Duft, der mich sehr bald alle menschlichen Anstandsregeln vergessen machen würde. Mein Hirn quoll fast über vor Bildern, die so fremd und doch so unendlich vertraut waren. Und immer wieder, wie ein langsames, zielstrebiges Pulsieren, fühlte ich, wie sich mein Körper zu verformen schien. Vieleicht war es nur das ständig wachsende, ungeahnte Dimensionen erreichende Verlangen; vielleicht verwandelte sich mein Körper tatsächlich, mir war das mehr als egal – mein Geist erfüllte nur noch dieses Verlangen, mit ihr zusammen mit dem Wind um die Wette zu rennen, sie zu Küssen, ihren ganzen Körper zu liebkosen, mich zwischen ihren Schenkeln zu vergraben.
Wir gingen schneller und schneller, wieder schien es, als wäre es die einzig mögliche Version des Geschehens, als sie mit zu mir kam, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Beide keuchten wir schon, drohten zu zerbersten vor Gefühlen, die zu ertragen unser Körper nicht geschaffen war. Ich weiß nicht, ob auch sie jenes Pulsieren spürte, das meinen Körper in immer kürzeren Intervallen durchpulste, die Knochen zu verformen schien.
Die Tür fiel hinter uns in das Schloß; wir hatten noch nicht einmal Zeit, das Licht einzuschalten. Nur das bläuliche Licht des Mondes schien durch die Fenster, malte verzerrte Vierecke auf den flauschigen Teppich. Ich benötigte auch kein Licht; inzwischen waren meine Hör, Tast-und Geruchssinne derart geschärft, daß ich das Sehen als einen lächerlicher Ersatz dessen empfand, was ich jetzt wahrnahmen konnte. Wir sprachen kein Wort, als wir übereinander herfielen. Wir schienen eine Art eigene, telepathische, vielmehr emphatische Kommunikation zu benutzen, gegen die die verbale wie ein Tropfen auf den heißen Stein erschien. Ich zer- fetzte mit den Krallen, die seit kurzem aus meinen Fingerspitzen ragten, ihre Kleidung, als wäre sie aus Papier. Als sie vor mir lag, nichts weiter trug als ihren Slip, der völlig durchnäßt war, strömte mir ihr Duft millionenfach stärker in die Nase, als damals in der Bibliothek. Ich verbiß mich in den seidigen Stoffetzen zwischen ihren Schenken, zerrte daran, kroch wie ein Tier auf allen Vieren rückwärts, streifte ihn so über ihre zitternden, vor Erregung bebenden Beine, schleuderte ihn mit einer ruckartigen Kopfbewegung von mir, begann, mit meiner Zunge über ihre Beine zu fahren; in meinen Ohren dröhnte ihr keuchender Atem, meine Nase nahm jede Nuance ihres unglaublichen Geruchs in sich auf, machte mich schwindelnd. Das Pulsieren in meinem Körper wurde schneller und schneller. Meine Lippen liebkosten ihre Füße, meine Zähne knabberten an ihren Zehen; ich glitt höher, küßte ihre Schenkel, vergrub mein Gesicht zwischen ihnen; wie von selbst fuhr meine Zunge wieder heraus, liebkoste, wühlte in zitterndem Fleisch. Meine Hände versuchten einen sich schlangen- gleich windenden Körper zu bändigen, ihn zärtlich zu streicheln; einen sich aufbäumenden Bauch niederzudrücken; Schenkel daran zu hindern, mich zu Brei zu zertrampeln; ein auf und ab zuckendes Becken unter Kontrolle zu halten, das ihren Schoß, ihr betörendenen Duft verströmendes Fleisch gegen mein Gesicht preßte. Hände drückten sich gegen meinen Hinterkopf, preßten mich weiter zwischen ihre Schenkel, in ihren zuckenden Schoß, der mich einer Ohnmacht nahebrachte; meine Hände ließen ab von ihm, griffen nach oben, schloßen sich um Brüste, die wie geschaffen waren für sie, kneteten; Finger drehten die harten Spitzen, drückten sie; mein immer schärfer werdendes Gehör hörte ihr Herz rasen, ihren Atem wie den Donner einer heranrasenden Sturmflut brausen.
Die Hände lassen ab von meinem Hinterkopf, etwas windet sich unglaublich gewandt unter mir hervor, über mich, dreht mich auf den Rücken; heiße Haut preßt sich an mich, salbt mich mit ihrem Duft, ihrem’ Schweiß. Sie hockt sich quer über meine Lenden, die, schon durch das Pulsieren des Fremdartigen in mir fast verändert, beginnen rythmisch zu zucken. Schenkel pressen sich in meine Seiten, Brüste schwingen, im Mondlicht glänzend, vor meinem Gesicht. Dann hüllt sie mich ein, mein Phallos wird ergriffen von einer Macht, die stärker ist als alle Gestirne, die ihren ewigen Weg an Himmel vollziehen. Ihre Schreie gellen in meinen veränderten Ohren, ich fühle, wie das Pusieren schneller wird, bis es zu einem einzigen Aufbäumen verschmilzt; mein Körper verändert sich, ich spüre Zähne und Haare wachsen, Knochen sich verändern, Haut schrumpfen, sich ausdehnen. Meine Ohren werden mit einem Male unglaublich empfindlich, fremdartige Geräusche stürzen auf mich ein; auch Gerüche, völlig neu und fremd bestürmen mich, wühlen mein Inneres, mein verändertes Inneres auf.
Unsere Körper – ihr sich windender, schreiender, in perfekter Harmonie Existierender; mein veränderter, doch wundervoller Neuer – verschmelzen zu einem zuckenden, sich windenden Bündel, das sich über den Erdboden wälzt; vor Lust stöhnend, schreiend. Im Moment der Erfüllung kauere ich über ihr, mein verändertes Gesicht an ihren Hals gepreßt, unartikuliertes Heulen von mir gebend, keuchend. Ich sehe empor, in das Glas eines Fensters über mir, sehe uns.
Mein Inneres überschlägt sich fast vor Erstaunen und Entsetzen. Ich sehe ein wunderschönes Mädchen, vor Schweiß glänzend, den Mund offen, keuchend, die Augen in höchster Ekstase geschlossen; ihr ganzer Körper ist eine Einheit; wie der einer Schlange windet er sich; die Beine, weit gespreizt, drehen sich in den Lüften wie die Hände eines großartigen Dirigenten; ihre Arme hat sie um mich geschlungen, in meinen weißen Pelz vergraben; die Schenkel schließen sich um meine pumpenden Lenden, sie schreit ihre Ekstase hinaus. Über ihr, hechelnd, heulend; ich.
Ich bin ein großer weißer Wolf.
Über eines der schönsten Geschöpfe auf Erden gebeugt, von einem der schönsten Wesen auf Erden geliebkost; doch ein Wolf. Wir lagen noch eine Weile so da, ohne uns voneinander zu lösen, ein Lächeln prangte auf ihrem Gesicht; sie schien es nicht im geringsten zu stören, daß ich ein Wolf war. Im Gegenteil sie roch nicht nach Angst oder Erschrockensein; nein, sie roch zufrieden. Ich liebte sie immernoch über alles, doch sie war ein Mensch, ich ein Wolf.
Sie sagte, daß mache nichts und ihre Schenkel schlossen sich wieder um meine Lenden, ihr Mund küßte meine Schnauze. Ihr Schoß begann wieder in diesem unvergleichlichen Rythmus zu zucken; schon bald forderte mein Körper sein Recht; ich war noch nicht in der Lage, ihn und seine unbändigen Gefühle zu kontrollieren. Diesmal war es sogar noch schöner. Mir waren Empfindungen und Wahrnehmungen zugänglich, an die ich vorher nicht zu träumen gewagt hatte. Ich fühlte, wie sie sich unter mir, als ihr ganzer Körper sich vor Lust nur so wand, veränderte; bald spührte ich köstlich weiches Fell, und als wir uns endlich voneinander lösten, beschnüffelten wir uns als Wölfe.
Wir brauchten nicht zu sprechen, tatsächlich waren wir in der Lage, durch Gedankenbilder zu kommunizieren. Ich verstehe jetzt, warum sie vorher kaum mit mir gesprochen hatte. Ihr war die verbale Sprache ganz einfach viel zu unvollkommen gewesen.
Wir wollen jetzt hinaus.
Mit dem Wind um die Wette laufen, dorthin gehen, wo man noch leben konnte – in die Wildnis.
Ich sagte ihr, daß ich noch einen Abschied an meine frühere Spezies schreiben wolle und sie willigte ein. Ich ging auf den Dachboden, wo, wie ich wußte, schon seit Jahren die Schreibmaschiene meines Vaters lag. Allein durch meine Gedankenkraft zog ich sie hervor, zerschmetterte die Schutzhülle und begann zu schreiben.
Wir sind nicht nur einfach Wölfe; nein, das kann ich nicht glauben. Ich glaube auch nicht, daß wir soetwas wie Werwölfe oder dergleichen sind – nein, wir sind keine Monster. Ich weiß nicht, zu was ich geworden bin, doch ist es wundervoll.
Ich werde dies hier jetzt beenden, zu meiner Wölfin hinunter gehen; dann werden wir diesen Ort verlassen. Für immer, vielleicht. Vielleicht treffen wir Andere unserer Art und vielleicht, wer weiß, geschieht es allen, früher oder später.
Meine Wölfin ruft, ich habe auch keine weitere Freude daran, in dieser primitiven Verbalkommunikation zu sagen, was ich denke; ich glaube, dort draußen gibt es Wichtigeres; vielleicht sind wir dazu auserkoren, diese Welt vor euch zu bewahren. Jetzt werde ich mit dem Wind um die Wette rennen!
Sein Schrei gellte durch das breiige Grau der Morgendämmerung; er schrack aus seinem Schlaf auf, saß nun aufrecht in dem zerwühlten Bett. Sein Gesicht glänzte vor kaltem Schweiß und in den Augen stand eine gräßliche Angst geschrieben. Panische Blicke irrten durch das Zimmer, sogen sich an formlosen grauen Massen fest, die sich nach längerer Betrachtung als ein Tisch, Stühle oder Schränke entpuppten.
Es war nicht so, daß er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt fand, oder von grimmig schauenden, schleimtropfenden Außerirdischen umringt, nein, er hatte nur wieder einen seiner Alpträume gehabt. Jeden Abend, wenn er Schlafen ging, bangte er, daß ihn wieder einer dieser Träume heimsuchen könnte. Und nicht selten wurden seine Ängste bestätigt. Dicke Strähnen Weiß zogen sich durch den Wust seines braunen Haarschopfes, verliehen ihm einen gewissen Hauch von Würde.
Meist konnte er sich an die Träume überhaupt nicht erinnern. Nur Eines war ihm ganz sicher: sie alle hatten damals begonnen. Er war vier oder fünf gewesen. Den ganzen Sommer und den Herbst hatte er zusammen mit seinen Freunden Verstecken gespielt. Diesmal war es an ihm gewesen, die Anderen zu suchen. Bis fünfzig mußte er zählen und er war stolz darauf, daß er das konnte, obwohl er noch so klein war. Alle hatten sich versteckt, er hatte gespürt, daß er ganz allein war, als ihm ein heißer Lufthauch über die Wangen strich und er die Hände von den Augen nahm. Er mußte blinzeln, so hell war es um ihn und vor ihm waren Gestalten. Er konnte sie nicht erkennen, denn es war so hell, doch hatten sie nicht Arme und Beine wie Menschen, sondern ganz viele davon, fast so wie Kraken.
Dann war er aufgewacht, hatte vor Angst geweint und nach seiner Mutter geschrien. Als sie endlich, verschlafen und nicht ganz bei sich, zu ihm hereinkam, hatte er ihr alles erzählt. Sie hatte verschlafen seinen Kopf getätschelt, leicht genervt versucht, ihn mit sanften Worten zu beruhigen, doch er hatte ihre wahren Gefühle spüren können, wie es eine Eigenheit von Kindern ist. Es war nur ein Alptraum gewesen, das war ihm klar, jedoch so schrecklich, daß er immer wieder des Nachts heimlich zu den Eltern ins Bett schlüpfte, weil er sich ängstigte, glaubte, daß jene Wesen ihn besuchen kommen wollten, ständig vor dem Fenster schwebten, ihn beobachtend, nur darauf wartend, daß er allein war.
Wenn er jetzt daran zurückdachte, starren Blicks an die Decke schaute, spürte, wie der Schweiß in seinem Gesicht gefror, konnte er gar nicht verstehen, wie ihn dieser Alptraum so hatte verändern können. Früher hatte er nie Alpträume gehabt, seine Träume waren voll gewesen mit pausbäckigen Zwergen und netten Drachen. Nachdem er jedoch diesen Traum gehabt hatte, verabscheute er jede Phantasie, klammerte sich fast schon verzweifelt an die Realität. Er weigerte sich, Märchen vorgelesen zu bekommen, sah keine Sagen und erfundene Geschichten gerne. Tatsachenromane oder präzise, wissenschaftliche Science-Fiction waren seine einige Lektüre, abgesehen von Sachbüchern. Bald begann er, sich ein Hobby zu suchen, das ihn immer wieder davon überzeugte, daß die Welt wirklich war: er sammelte Fossilien.
Als er älter geworden war, war ihm seine eigentliche Angst immer klarer geworden: er fürchtete, seine Welt, in der er lebte, könnte nicht wirklich sein. Als ihm jemand erzählte, daß es doch möglich sei, daß alles, die ganze Welt, nur ein Traum sei, den ein mächtiges Wesen träume, hatte er laut geschrien und sich die Hände auf die Ohren gepreßt, um nicht weiter zuhören zu müßen. Bald jedoch hatter er versucht, diese Angst zu überwinden. Als es sich herausstellte, daß er das nicht schaffen konnte, entschloß er sich, diese Angst wenn nicht zu besiegen, so doch wenigstens zu überspielen. So begann er, gerade über jene Dinge zu reden, die ihm soviel Angst bereiteten. Er begann also, mit seinen Freunden über Philosophie zu reden. Er sprach von der Möglichkeit, daß alles unwirklich, ein Traum sei und die Angst in ihm schwieg für die Zeit, wo er sie den Anderen schilderte. Doch die schrecklichen Alpträume, die ihn fast jede Nacht plagten, wollten nicht verschwinden. Es dauerte eine Weile, bis der Schlaf wieder seine Finger nach ihm ausstreckte und sein Bewußtsein in die Tiefen des Schlummers entführte. In dieser Nacht wurde er nicht mehr von den Alpträumen geplagt.
Als er am Morgen aufwachte, schien die Sonne in das Zimmer. Kaum hatte er die Augen geöffnet, kitzelte sie ihm an der Nase und er mußte niesen. Er fühlte sich wundervoll, seit Jahren wieder einmal richtig wohl, als er aufstand, sich anzog und nach unten ging, wo seine Frau und die Kinder schon auf ihn warteten. Sie führten ein gutes Leben, denn er hatte einen Lehrstuhl an der hiesigen Universität inne und als Doktor der Philosophie verdiente er genug, daß sie leben konnten, wie es ihnen gefiel.
Auf dem Wege zur Universtät pfiff er ein Liedchen vor sich hin. Die Leute drehten sich nach ihm um, denn das paßte nicht zu dem ernsten Dozenten, den sie kannten, der sich nur ganz selten zu einem zynischen Lächeln hinreißen ließ, wenn einer seiner Studenten einen besonders interessanten Einfall zur Sprache brachte.
An diesem Tage setzte er seinen Schülern ein neues Problem vor. Diesmal ging es nicht um das Bestreben, eine Kuh sein zu wollen, oder nicht; oder um die Klärung wichtiger Begriffe durch pures Denken; diesmal schilderte ihnen eine Situation, über die sie diskutieren sollten. Er sei als einziges Wesen in dieser Welt real, sagte er lächelnd. Er wäre ein körperloses Gehirn, dem durch modernste Technik eine solche Welt vorgegaugelt würde. Computer, so setzte er voraus, würden sein sozusagen gedachtes Handeln verarbeiten und entsprechend reagieren. Er schilderte bildreich die vielen Drähte, die in in gesteckt wären. Wer für all dies verantwortlich wäre, spiele keine Rolle, jedoch wäre es spaßig, ihn sich als schleimigen ET vorzustellen. Die Studenten lachten und klatschten beifällig, sodann begannen sie, eifrig darüber zu diskutieren.
Der Doktor war zufrieden mit sich, denn die Angst hatte sich in den hintersten Winkel seines Bewußtseins verkrochen, wo sie ihn nicht quälen konnte. Vielleicht, so hoffte er, würde er diese Nacht keine Alpträume haben. Er sollte Recht behalten.
Giftgrünes Licht durchpulste den seltsamen Raum, durch den oranges Gas in Schwaden trieb. Es quoll aus den Nüstern der Wesen, die hoch gewachsen waren, drei, vier Meter vielleicht, und die aus einem großen fleischigen Sackbestanden, dem die Augen und Nüstern wie aufgeklebt waren, welcher auf einer Unzahl von krakenartig anmutenden Armen ruhte. Das Geräusch von Schleim, der stetig auf etwas Weiches, Nachgiebiges tropft, erfüllte den Raum ebenso, wie der eigenartige Geruch nach abgestandenem Fisch. Es waren acht Wesen. Sie standen im Kreis um eine summende Maschinerie, auf der Tausende von Lämpchen unablässig blinkten.
Eines von ihnen begann zu sprechen. Um dem Leser das Nachschlagen in intergalaktischen Wörterbüchern zu ersparen, sind die komplexen Sprachmuster aus blubbernden, gurgelnden und rülpsenden Lauten hier in das Deutsche Übersetzt: “Wie ist das möglich?” Der dies gurgelte, war der Extraterrestier, den man wegen der Zahl seiner Greifarme Dreizehn nannte.
“Wir wissen es nicht, es hätte nicht passieren können, denn es ist unlogisch”, blubberte Siebzehn.
Dreihundertdreiunddreißig, der Oberste Forscher, klopfte mißmutig gegen die Glasglocke, unter der ein fleischiggraues, pulsierendes Etwas lag, das entfernt an eine übergroße Walnuß erinnerte und durch unzählige Drähte mit dem blinkenden Kasten der Maschinerie verbunden war.
“Ich habe es schon damals gewußt“, sagte er, “als der Kurzschluß im Computer war und diese idiotische Sache mit den Träumen passierte. Das Experiment war zum Scheitern verurteilt. Wir hätten es gleich abbrechen sollen, um ein Neues zu beginnen. Hirne giebt’s dort unten genug.” Die anderen Sieben nickten niedergeschlagen. “Jetzt bleibt uns nur noch ein Weg, wo er es weiß: wir müßen es abbrechen.” Zustimmendes Blubbern und Gurgeln, Nicken der unförmigen Fleischsäcke.
Dreihundertdreiunddreißig drückte verschiedene Knöpfe an dem Kasten und die Lämpchen erloschen wie die Kerzen auf einer Geburtstagstorte. Wie in einer rituellen Handlung hob er die Glasglocke von dem Gehirn, packte die Drähte bündelweise mit seinen Greifarmen, riß sie mit einem kurzen Ruck heraus, daß kleine Fetzchen von der grauen Masse durch den Raum flogen, auf den Experimentiertsch klatschten. Das Hirn pulsierte immer langsamer, bis es ganz aufhörte.
“Weg damit”, rülpste Dreihundertdreiunddreißig verächtlich, schob das weiche, tote Ding hinüber zu Vierundzwanzig. Dieser nahm es und glitt auf eine Ecke des Raumes zu. Dort angelangt, öffnete er etwas, das ein quitschendes Geräusch von sich gab. Es war eine Art Mülleimer. Die tote Masse Hirn klatschte auf eine Ansammlung Seinesgleichen, wie ein benutzter, ausgelaugter und dann weggeworfener Kaugummi. Der Deckel schloß sich wieder, Vierundzwanzig schlüpfte zurück wie eine überdimensionale Schnecke.
Zusammen verließen die Acht den Raum, begaben sich zum Hangar, wo sie in eine kleine Raumfähre, die die Gestalt zweier aufeinandergelegter Untertassen besaß, stiegen und aus dem Mutterschiff flogen, das hinter dem Mond postiert war. Sie flogen hinab zu jenem blauen Ball, um sich neues Forschungsmaterial zu besorgen.
Die Rasse dort unten hatte gewisse Vorteile. Hier würden ihnen nicht so schnell die Hirne ausgehen, wie zum Beispiel auf Alpha Centauri Vier. Und da Terraner die seltsame Gabe hatten, alles zu ignorieren, was ihnen nicht in den Kram paßte, würden sie auch nicht entdeckt werden. Also gab es auch keinen Wiederstand. Es tat ihnen immer leid, so viele schöne Hirne verbrennen zu müßen.
Georg Asmas hatte sein Ohr gegen das kühle Holz seiner Zimmertür gepreßt, lauschte dem Zuschlagen der Haustür, dem Aufbrummen eines Motors weiter unten. Das Brummen entfernte sich, bis es nicht mehr wahrzunehmen war. Am Vorabend war er in die Küche geschlüpft, hatte dort warmes Wasser in ein Glas laufen lassen, Salz hinzugetan, bis sich keines mehr darin löste. Dann hatte er die widerlich schmeckende Flüssigkeit in einem Zuge hinuntergestürzt. Auf die Wirkung hatte er nicht sehr lange warten müßen. Schon wenige Minuten später, als er in der Stube bei seinen Eltern saß und wie jeden Freitag den Zwanziguhrfilm mit ihnen schaute, war er ganz blaß geworden und hatte sich geräuschvoll über den braunen, flauschigen Teppich erbrochen. Die ganze Nacht hindurch hatte das alte Hausmittel seine Wirkung getan, wurde ein dutzend Mal angesetzt, getrunken und wieder ausgeschieden. Am nächsten Morgen, als er ganz schwach und kränklich im Bett gelegen hatte, ließen sie sich von ihm überzeugen, daß er nicht mit auf die Beerdigung fahren könne. Endlich war er allein.
Leise knarrend öffnete sich die Tür, nackte Füße trommelten verstohlen über den Boden. Eine weitere Tür quietschte auf, wurde leise wieder geschloßen. Georg blickte sich um. Er war im Lesezimmer seines Vaters. Wie er wußte, lagen hier irgendwo die ganzen Unterlagen der Familie. Seine Eltern hatten sie versteckt, als bargen sie irgendein Geheimnis, daß er nicht erfahren durfte. Asmas Junior ließ sich aber nicht gern hinter dem Mond halten und so begann er zu suchen. Er hatte dies geplant, seitdem seiner Großmutter diese Bemerkung herausgerutscht war. Als er nämlich mit wenigen Handgriffen den Toaster der alten Frau repariert hatte, meinte sie zu seinem Vater, ihrem Schwiegersohn, daß man sähe, daß er nicht sein Sohn wäre.
Hinter einem akribisch aufgestapelten Haufen Bücher auf dem obersten Regal fand er einen Karton. Er hiefte ihn auf den Boden, öffnete ihn und schaute hinein. Aktenordner, Briefumschläge und maschinenbeschiebenes Papier häuften sich darin. Georg kramte herum, bis er eine dünne Mappe mit seinem Namen fand. Er zog sie heraus, stellte den Karton wieder an seinen alten Platz und ging wieder in sein Zimmer. Dort angelangt schob er die Comichefte, die zu Dutzenden überall in seinem Zimmer verstreut lagen, von seinem Sessel und setzte sich hinein.
Es dauerte eine Weile, bis er die Mappe durchgelesen hatte, denn bis jetzt hatte seine ganze Lektüre vorrangig aus Super, Bat und Spiderman-Comicgeschichten bestanden. Sein Gesichtsausdruck spiegelte, als er fertig war, sowohl Enttäuschung, Wut wie auch Soetwas wie die Befriedigung über längst erahntes, jetzt gesichertes Wissen wieder.
Er war adoptiert worden. Seine wirklichen, leiblichen Eltern waren unbekannt; man hatte ihn in einem Straßengraben unweit einer Tankstelle gefunden. Er war nackt gewesen und nichts, rein gar nichts deutete auf seinen Ursprung hin.
Um nachdenken zu können, begab er sich in die Wohnstube, schob seinen Lieblingsfilm in den Videorekorder und lehnte sich in seines Vaters, seines Adoptivvaters Sessel zurück. Während sich vor seinen Augen ein normaler Wissenschaftler durch ein mißglücktes Experiment jedesmal dann in ein grünes Ungetüm verwandelte, wenn er in ausweglose Situationen gerät, dachte er über sein Leben nach.
Ihm kam eine seltsame Erinnerung wieder in das Bewußtsein. Er war noch recht klein gewesen, drei, vier Jahre vielleicht. Er hatte mit einem Gänserich gespielt und irgendwie das Tier zu sehr gereizt. Es begann plötzlich wie verrücktgeworden zu fauchen und mit dem Schnabel nach ihm zu hacken, dann war irgendetwas mit ihm geschehen. Er strengte seinen Geist an, sich daran zu erinnern, es gelang ihm jedoch nicht. Er hatte völlig vergessen, was dann passierte.
Als er wieder zu sich gekommne war, fand er sich in seinem Bett wieder und seine Kleidung war völlig durchnäßt und verdreckt. Auch manchmal, wenn ihn in der Schule ein Älterer reizte, passierte etwas Seltsames. Die Welt um ihn herum sah dann leicht verändert aus und der Andere suchte schleunigst das Weite. Bis jetzt hatte er noch nie weiter darüber nachgedacht.
Im Fernsehgerät verwandelte sich David Banner gerade in den phantastischen Hulk. Vielleicht, so dachte Asmas, ist er das Kind von fremden Außerirdischen, die die Erde besucht und ihn hier vergessen hatten. Und immer, wenn er in schlimme Situationen kommt, verwandelt er sich in… Sein Blick glitt zum Bildschirm, wo ein muskelbepacktes Ungetüm sich über ein paar böse Buben hermachte, mit ihnen wie mit einem Basketball spielte.
Er stand auf, ging in das Bad, wo ein großer Spiegel an der Wand hing, und sah hinein. Er sah ganz normal aus, fand er. Mit einem Schrei rammte er seine rechte Hand gegen den Schrank, der daneben stand. Schmerz zuckte durch seinen Arm bis in die Augen hinauf, wo er in einer Wolke von bunten Farben explodierte. Zähne knirschten aufeinander, versuchten das Stöhnen zurückzuhalten, das sich zwischen ihnen hervorzuzwängen suchte. Wieder krachte der Schrank, die eine Tür hing schon schief in ihren Angeln, schaukelte hin und her. Beim nächsten Schlag brach sie ab und dennerte nach unten, auf Georgs nackten Fuß. Ein Schmerzensschrei gellte durch das Haus.
Dann sah er es. Seine Pupillen begannen sich zu verfärben, spielten ins Grünliche, schlitzten sich. Er fühlte sich an die Augen einer Katze erinnert. Immer grüner wurden sie, immer schmaler die Schlitze seiner Augen. Das Weiß seiner Augäpfel wurde gelb und sie glühten auf schreckliche Weise. Ein Blick auf seine Hand zeigte ihm grüne Haut, mit Geschwülsten und Schleim überzogen. Die gebrochenen Knochen in ihr heilten in Sekundenschnelle und das Grün verschwand.
Er nickte. Er hatte es immer gewußt. Geträumt hatte er davon und deshalb mochte er Superhelden-Comics so gern. Noch eine kleine Weile beleuchtete die Lampe im Bad den Jungen, der wie gebannt in den Spiegel schaute, beobachtete, wie seine Augen wieder zu denen eines Menschen wurden. Dann ging er hinaus, zurück in sein Zimmer, um sich anzuziehen, den Schlüssel vom Haken zu nehmen und auf die Straße zu gehen. Jetzt wollte er es genau wissen.
Goliath, eine Schlägertype aus der Zehn seiner Schule, ging gerade an dem Haus der Asmas‘ vorbei, als er hinaustrat. Ein gehässiges Grinsen breitete sich auf seinem grobschlächtigen Gesicht aus wie ein gräßliches Ekzem. Er schwenkte auf den Jüngeren zu, seine Augen funkelten bösartig.
“Hallo Dschordschi!” rief er überzogen, daß es wie die Parodie der Tante klang, wenn sie zu Besuch kam. Asmas fuhr zuerst zusammen, fast gelähmt vor Schrecken und Furcht, doch dann fiel ihm ein, daß er sich in etwas Schreckliches verwandeln würde, wenn die Situation eskalierte. Dann würde er mit diesem wandelnden akneverunstalteten Schrank Fußball spielen. Bei diesem Gedanken mußte er lächeln.
“Na, Dschordschilein? Wie geht’s denn so? Hast du auch fein die Windeln von deiner Mami wechseln lassen?” Goliath rempelte Georg hart von der Seite an, grinste. “Ohhhh, das tut mir aber leid! Hast du dir auch nicht wehgetan?” Er tätschelte dem Jüngeren den Kopf, daß es nur so krachte.
“Goliath, ich warne dich! Ich komme in Wahrheit von einem anderen Planeten und wenn du mich nicht in Ruhe läßt, verwandele ich mich in etwas Schreckliches!”
“Oh nein!” brüllte der Schläger mit gespielter Angst auf. “In etwas Schreckliches? Oh Scheiße, da muß ich aber ganz schnell wegrennen!” Ein tief ausgeholter Schlag traf Asmas in die Seite, daß er sich zusammenkrümmte. Ein zweiter folgte, rannte sich in seinen Unterleib. Schon spürte Georg, wie die Verwandlung begann.
“Scheiße!” rief Goliath. “Du wirst ja ganz grün, Mann! Und was zum Teufel ist mit deinen Händen los?” Diesmal klang es nicht ironisch, sondern echt. Noch ehe die Verwandlung abgeschlossen war, suchte er das Weite. Georg hörte schlagartig auf, sich zu verändern, mußte breit grinsen, ob des Wissens um seine neue Macht und spazierte pfeifend die Straße hinab.
Begegnete er zwielichten Gestalten, wich er ihnen nicht etwa aus, sondern provozierte sie. Einem, der im Viertel als übelster Messerstecher berühmt war, trat er einfach zwischen die Beine, daß er wimmernd auf der Straße zusammensackte und sich, als er sich wieder erholt hatte, auf den kleinen Furzer stürzte, der es gewagt hatte, ihm, Messerschlitzer Senior, in die Eier zu treten. Doch war es ein Schock für ihn, als er plötzlich in geschlitzte Monsteraugen schaute, beobachtete, wie sein Opfer sich grün färbte, Blasen über seine Haut blubberten, seine Hände riesig wurden, pulsierten, wieder schrumpften, um sich erneut aufzublasen, wie grüne Gummihandschuhe, die man mit Wasser füllt. Er brüllte erschrocken auf und suchte schnellstmöglichst das Weite.
Gegen Abend begegnete Asmas einer Gang von Halsabschneidern, die seit einiger Zeit in der Stadt aufhielten. Als sie ihm entgegen kamen, versaute Witze reißend, rumgrölend, wich er ihnen nicht aus, sondern lief mitten in sie hinein, als wäre es selbstverständlich, daß sie ihm Platz machten. Sie hielten ihn fest und glotzten ihn aus stumpfen, durch zuviel Fernsehen verblödeten Augen an.
“Was haben wir denn hier für einen kleinen Scheißer?” fragte ein stachelbesetztes Ungetüm von Bandenführer.
“Ich warne euch”, quitschte Georg, der nun keine Angst mehr hatte. “Wenn ihr mich bedroht, werde ich mich in etwas Gräßliches verwandeln, und euch fertigmachen!” Zum Beweise seiner Behauptung ließ er seine Augen zu grünen, glimmenden Schlitzen werden. Aber die Gang verbrachte den größten Teil ihrer Zeit vor einem gestohlenen Fernseher und nichts konnte sie mehr überraschen, am wenigsten ein kleiner Zwerg, der seine Augen funkeln ließ wie in einem billig gemachten Horrorstreifen.
Nun denn, dachte sich Asmas. Als die ersten Schläge auf ihn herabhagelten, begann seine Verwandlung. Seine Haut verfärbte sich grün, warf Blasen; sein Körper schwoll an wie eine Gummipuppe an einem Kompressor. Minutenlang veränderte er sich ununterbrochen, schrumpfte, wuchs und verformte sich auf unheimlichste Weisen. Dann blitzte grelles Licht um ihn herum auf, seine Kleidung raschelte auf den Dreck der Straße. Eine defekte Neonröhre ging aus, summte bösartig, flackerte. Auf dem Haufen der schleimdurchtränkten, zerfetzten Kleider saß etwas. Es war klein und grün, hatte große Augen und ein noch größeres Maul. Dieses öffnete es jetzt und ein Geräusch schallte durch die enge Gasse, klar und rein. Es war ein Geräusch, wie es zu hören ist, sitzt man an einem klaren Juniabend an einem kleinen Teiche.
Das Etwas wirkte überrascht. Was auch kein Wunder war, denn wer erwartete als Superheld, bei seiner Verwandlung zu einem Frosch zu werden? Der Georg-Frosch quakte noch einmal kläglich, glotzte verwirrt in die mindestens ebenso verwirrten Gesichter der Schlägergang. Er überlegte sich, daß es in jedem Falle am ratsamsten sei, sich erst einmal rar zu machen, denn ein kleiner grüner Frosch hatte gegen eine solche Übermacht, wenn sie ersteinmal wieder zu sich gekommen war, nicht die geringst Chance.
So hüpfte er hinweg, durch die abendlichen Straßen irrte er, bis er zum Park gelangte, wo er sich auf das erfrischend feuchte Gras setzte, um nachzudenken. Lange dachte er nach. So versuchte er sich vorzustellen, wer seine wahren Eltern waren und dieses Ergebnis befriedigte ihn aus irgendeinem Grunde nicht. Nach einer gewissen Zeit kam er zu dem Schluß, daß es doch einen Vorteil hatte, sich in einen Frosch verwandeln zu können, gerät man in brenzlige Lagen. Immerhin hatte er seine Feinde verblüfft und so seine, zugegeben grüne und feuchte, Haut gerettet. Jetzt mußte er nur noch darauf warten, daß er wieder eine menschliche Gestalt annahm.
Dies ließ jedoch auf sich warten. Mehrere Tage konnte man im Park allerlei Leute beobachten, die schreiend in Richtung Stadt davonliefen und etwas von Fröschen brüllten, die seltsame Zeichen in den Sand ritzten und einen dann verfolgten. Einer berichtete, ihm sei ein solch grünes Wesen auf den Schoß gesprungen und hätten seltsam mit den Vordergliedmaßen gewedelt, als versuche er, mit ihm zu kommunizieren. Man sollte jedoch solchen Gerüchten nicht unbedingt Glauben schenken, besonders jetzt nicht, in der Sauregurkenzeit.
Nun ist es so, daß ein Park über ein ganz eigenes Nachtleben verfügt. So sind dort jene humanoiden Subspezien zu finden, die man sonst kaum zu Gesicht bekommt. So, zum Beispiel, jene, die jenem Gewerbe nachgehen, das für sich in Anspruch nimmt, das älteste der Welt zu sein. Oder auch jene, die eigentlich das selbe tut, jedoch auf ökonomische Verkomplikationen verzichtet. Dort, wo diese Subspezies anzutreffen sind, kann man auch eine dritte beobachten. Diese pflegt außer schwarzen Mänteln und Ferngläsern auch manchmal Gesichtsmasken zu tragen. Ihr angestammter Lebensraum scheint mit dem der vorher genannten Subspezien in einem direkten, jedoch nicht zu durchschauenden Zusammenhang zu stehen. Er beschränkt sich nicht nur auf Fenster zu Höfen, dunkle Häuserecken und Schränke zweifelhafter Etablisements. Auch in Gebüschen, Hecken und hinter Baumstämmen sind sie anzutreffen.
Einer der Vertreter dieser Subspezies schlich gerade auf der seiner Art eigenen lautlos-verstohlenen Art an einem Vertreter der anderen Subspezies vorbei, um in ein anbei gelegenes Gebüsch zu gelangen, als unter der Sohle seines rechten Stiefels ein eigenartiges Geräusch ertönte. Es klang, als versuche ein kleines Wesen, ein warnendes Quaken auszustoßen, um dann zertreten zu werden wie eine reife Tomate. Das schwarzbemäntelte, stier starrende Wesen bemerkte es nicht, sondern glitt in sein Gebüsch.
Dem Leser sei nun gesagt, daß ab diesem denkwürdigen Moment kein erschrockener Spaziergänger mehr durch den Park hetzte und schrie, daß er von einem Frosche verfolgt würde.
Samson befand sich in seinem Raumschiff und versuchte, die Zeit totzuschlagen.
Es war wichtig, daß er die Zeit totschlug. Lebenswichtig.
Sie füllte fast das gesammte Schiff mit ihrem massigen, unglaublicn nässlichen Körper aus, der über und über mit Warzen und Stacheln übersäht war. Soeben hob sie ihren meterlangen, tantakelartigen Arm mit dem angewachsenen Morgenstern und holte aus. Die hornigen Dorne der Stachelkugel rissen einen Stahlträger neben Samsaon, der sich eben noch hatte beiseite werfen können, weg, als bestände er aus einer Pappatrappe. Er schrie zu Tode entsetzt auf und flüchtete sich in den hintersten Teil der “Dbskura“, seines Schiffes, in dem sich auch die Kontrollpulte befanden.
“Scheiße!” keuchte er immer wieder, als er auf die Bildschirme starrte, die den Kurs angaben. Tausende von Zahlenkolonnen wanderten auf ihnen umher, daß es jedem Laien schwindelig dabei geworden wäre. Aber Samson war kein Laie. Schon seit dreißig Jahren flog er die Prototypen der Raumflotte.
Die Anzeigen sagten ihm, daß sich das Schiff noch gute zehn Minuten im Hyperraum aufhalten würde. Zehn Minuten Normalraumzeit. Sein Hirn lief auf Hochtouren. Es dachte unter anderem darüber nach, ob es denn noch irgend einen Sinn hatte, weiterhin auf Hochtouren weiterzulaufen, denn es sah sehrwohl den greulichen Körper der Zeit, der zwar zu groß war, um durch den Wald aus Stahlträgern, die das Schilt stützten, in das Heck zu kommen, aber es sah auch, daß er nicht die geringsten Schwierigkeiten hatte, eben diesen Wald aus Stahl mit fächelnden Handbewegungen aus dem Weg zu fegen, oder ihn mit seinem Feueratem zu verdampfen.
Samson fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Ganze Büschel von ihnen rieselten zu Boden, während seine Gesichtszüge sich vor Schmerz und Panik verzerrten. Er hatte sehr lichtes Haar, und das lag beileibe nicht daran, daß er schon über die Fünfzig hinaus war. Fünzig war heutzutage kein Alter mehr. Er neigte vielmenr dazu, sich in brenzligen Situationen die Haare auszuraufen.
Zehn Minuten.
Normalraumzeit.
Hier lag sein Problem. Er befand sich nicht im Normalraum. Er befand sich im Hyperraum, jener Raum, der nicht aus demselben Raum bestand, wie der, der ihn umgab. Durch den neuentwickelten Generator, den man in das Schiff hatte einbauen lassen, schoß er sozusagen Löcher in das Normale Raum-Zeitgefüge und schaffte so eine Art Tunnel durch die Raumfalten; es war wie in jenem klassischen Beispiel mit der Ameise und dem Blatt Papier: sie konnte um das ganze Blatt herumgehen, um zur anderen Seite zu gelangen, oder sie konnte sich ganz einfach ein zehntelmillimeterlangen Durchgang fressen. Er zog es vor, zu fressen.
Dem Raum war dies egal, er schloß sich sofort wieder und hinterließ keine Narbe.
Der Zeit war dies absolut nicht egal. Das war sein zweites Problem. Das dritte bestand in der Tatsache, daß es hier im Hyperraum eine andere Realität war, die die Dinge in ihrem festen Griff hielt. Diese Realität war äußerst flexibel, um nicht zu sagen, dehnbar. Sie hielt gerne einen Platz frei für Personifikationen.
Der Zeit, zum Beispiel.
Und auch einer äußerst übellaunigen Zeit.
Der Morgenstern der Zeit, der wie ein zu groß geratenes Stachelschwein wirkte, das sich an das Ende des Tentakelarms der Zeit gekrallt hatte, schlug neben Samson in den Boden, riß eine halbmetertiefe, gezackte Wunde in Stahl.
Sein Hirn zermaterte sich, als es herauszufinden suchte, wie lange zehn Minuten Normalraumzeit in Hyperraumzeit umgerechnet waren. Während der ganzen Zeit, die er hier mit diesem… Monster war, hatte sich die Anzeite nicht um eine Sekunde bewegt.
Vielleicht hätte es Samson depremiert, hätte er gewußt, daß es im Hyperraum ganz eigene Zeitgesetzte gibt. Zeitgesetze, die zu verändern sich eine erboste Zeit überhaupt nicht schämt. Der Morgenstern zerfetzte ohne Schwierigkeiten die ganze Computeranlage, die den Generator und damit den Kurs für das Schiff durch den Hyperraum steuerte. Die “Obskura” trudelte ab und schoß unkontrollierbar zwischen den Universen umher, völlig losgelöst von jeglicher Zeit. Nicht ganz, versteht sich. Denn die Zeit im Raumschiff benahm sich ganz und gar nicht so, als wäre sie nicht da. Sie benahm sich unglücklicher weise auch völlig anders, als es ihr zustand.
Sie begann, das ganze Innere des Raumschiffs in Klump und Asche zu hauen, was ihr keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Samson hingegen begann, Wissenschaftler inbrünstig zu hassen. Das hing vielleicht mit der Tatsache zusammen, das sie diejenigen waren, die ihn hierhingeschickt hatten.
Er hatte sich in den Lagerraum verkrochen und die Stahlschotten dicht verschlossen, sodann hatte er den Notschalter aktiviert, der die Schotten aller anderen Räume zum leeren Raum hin öffnete. Er ließ sie ein paar Sekunden lang offen und schloß sie dann wieder.
Dann öffnete er wieder das Schott zum Kontrollraum.
In den auseinandergleitenden Stahltoren stand eine riesenhafte Gestalt und grinste von einer Warze zur anderen. Ihre eine Hand war von riesenhaften Stacheln umgeben, daß sie eine schreckliche Waffe bildete. Ein glucksendes Gelächter begann den Raum zu füllen. Es war ein verücktes Kichern, zu dem das Bild eines Mannes passte, der Purzelbäume schlägt und dessen Augen sich irre verdrehen.
Das Kichern kam aus der Kehle Samsons, der sich hinter einigen Fässern versteckt hatte und blöden Auges die Zeit beobachtete, wie sie stahlträgerwegfegend auf ihn zuschleimte.
Seine eine Hand fuhr in eine Tasche seines Overalls, wo sie etwas kaltes, Metallnes erfaßten. Es war ein Geschenk seines Vaters gewesen. Dieser hatte es wiederrum von seinem Vater, der wieder von seinem Vater und so weiter. Sie war unzählige Generationen alt und trotzdem tickte sie wie eh und je. Sie war ein schweizer Fabrikat, stand auf ihr, doch Samson hatte nie gewußt, was das bedeutete.
Er zog die Uhr hervor, hielt sie vor sich, wie ein Van Helsing sein Knoblaucheingeriebenes Krutzefix und stürzte sich auf den unförmigen Körper der Zeit.
Er hatte keine Ahnung, warum er das tat, es waren seit Urzeiten vergrabene Verhaltensmuster, die wieder aus ihm hervorbrachen. Vielleicht wollte er auch nur möglichst schnell sterben. Jedenfalls stürmte er auf das Wesen vor ihm zu und zog das handwarme Metall über dessen hässlichen Leib.
Die Zeit schrie auf. Dort, wo die Uhr sie berührt hatte, war die Haut aufgeplatzt und ein Strom von winzigen Zahnrädern und Federn hervorgequollen. Ein greller Blitz grellte auf und als die bunten, flirrenden Kringel vor Samsons Augen verblaßten, war die Zeit verschwunden. Er war allein in seinem Raumschiff und gerettet.
Dachte er.
Es gibt gewiss Helden, die aus einer solchen Lage wieder herausgekommen wären, sei’s durch haarsträubende Zufälle oder äußerst unwahrscheinliches Können. Samson jedoch war weder in der Lage, einen Klumpen geschmolzenen Metalls in den Computer zurückzuverwandeln, den er benötigte, um das Schiff zu steuern, noch fand er einen anderen Weg, aus dem Hyperraum wieder herauszukommen.
Da die Zeit es aber nicht wagte, in die “Obskura” zurückzukehren, alterte er auch nicht.
Vielleicht klingt es schön, zu sagen, daß Samson unsterblich geworden war, doch ist es unwahrscheinlich, ob es dieser so angenehm fand, bis ans Ende seiner Tage, das heißt, bis ans Ende aller Tage, in einem Raum herumzutrudeln, in dem es noch nicht einmal Sterne gab, die man hätte anschauen können.
Ganz zu schweigen von Dingen, die man Essen oder Trinken könnte. Es ist sicher äußerst unangenehm, unaussprechlichen Hunger und Durst leiden zu müssen, ohne sterben zu können.
Es ist die Hölle.
Die Hölle für jemanden, der die Gesetzte von Raum und Zeit verpfuschen wollte.
Das hohe Gericht hat über ihn entschieden und dies war seine Strafe. Es wäre eine gute Frage, die man an dieses Gremium oberster Gewalt richten könnte, wenn man es fragte, welches Urteil sie wohl über die Menschheit verhängt haben.
Idiotie? Schwachsinn? Kurzsichtigkeit?
Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, warum ich in letzter Zeit einen Hut trage. Möglicherweise denken Sie, daß ich damit verbergen möchte, daß ich jetzt langsam lichtes Haar bekomme, um nicht zu sagen, ein Glatze.
Aber damit hat es nichts zu tun.
Nun, zumindest nicht direkt.
Sie müssen wissen, unsere Welt ist von einer schrecklichen Macht bedroht, und ich bin eines ihrer ersten Opfer. Vielleicht bin ich der Einzige, der von ihrer Existenz weiß.
Alles begann vor einigen Monaten.
Damals kündigte mich mein Arbeitgeber, denn der Betrieb ging Bankrott und wir auf die Straße. Ich wußte nicht, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte, die mir jetzt zur Verfügung stand und so begann ich, den größten Teil meiner Zeit vor dem Fernseher zu verbringen. Ich stand frühmorgens auf, so, als würde ich zur Arbeit gehen, frühstückte und setzte mich in meinen gemütlichen Sessel, meinen Fernsehsessel. Mit der Zeit begann ich, mein Frühstück vor dem Gerät einzunehmen und manchmal ging ich den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht von meinem Platz in dem Sessel weg.
Was sollte ich auch sonst mit der vielen Zeit, die ich nun hatte, machen?
Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß ich abnahm und daß es mir, wenn ich aus dem Sessel aufstand, schwindelig wurde. Wie ein schwarzer Vorhang senkte sich dann ein Schleier vor meine Augen, daß ich für einen Moment nichts sah als graues Flimmern. In meinen Ohren rauschte es und ich hatte das Gefühl, als würde ich mich ganz schnell drehen. Wenn ich versuchte, Zeitung oder ein Buch zu lesen, gelang mir es nicht, sondern die Buchstaben schwammen mir vor Augen, wie als hätte ich Nächte nicht geschlafen und wäre völlig übermüdet.
So setzte ich mich wieder vor das TV-Gerät, trank zunehmend mehr Bier und Chips wurden zu meiner einzigen Nahrung. Ich hatte manchmal, wenn sich mein benebelter Geist aufklarte, das Gefühl, als zwänge mich Irgendetwas, fernzusehen. Nach wenigen Wochen bemerkte ich, wenn ich mich dazu überwinden konnte, ins Bad zu gehen und mich zu kämmen, daß mir die Haare begannen auszugehen. Meine Augen waren ganz klein und die Lieder geschwollen. Von Tag zu Tag wurde ich träger und immer seltener stand ich auf. Wenn ich auf Toilette ging, zitterte ich und mein Herz schlug mir bis in die Brust. Erst, wenn ich wieder vor dem Gerät saß, wurde mir wohler. Später stand ich nicht einmal mehr auf, um auf die Toilette zu gehen. Ich ließ es einfach kommen, wenn ich den Drang danach verspürte.
Wenn ich schlief, so schlief ich vor dem laufenden Fernseher, denn ich hätte mich in meinem Bett geängstigt, soweit von ihm entfernt. Ich ging einmal die Woche nach draußen. Ich rannte zu einem kleinen Laden, der bei uns direkt um die Ecke lag, kaufte schnell Chips und Bier und rannte keuchend und taumelnd zurück. Ich schwitzte und erbrach mich, die Haare fielen mir vom Kopf wie ein seichter Regen, wenn ich einkaufen ging. Der schwarze Vorhang senkte sich mir über die Augen, so daß ich nur unscharfe Konturen erkennen konnte. Der wöchentliche Einkauf war ein Alptraum und ich fühlte mich erst ein wenig wohler, wenn ich in meinem Sessel saß, die Finger über die Knöpfe der Fernbedienung huschen lassen konnte wie kleine Wiesel. Nach einiger Zeit war es mir egal, was ich sah.
Nach zwei Monaten besaß ich fast keine Haare mehr und die spärlichen Reste hingen von der blanken Kopfhaut wie dünne Flechten von einem rosiggrauen Stein. Ich erbrach mich immer öfter und fühlte einen dumpfen Schmerz in der Stirn. Eine Woche später wuchs dort eine häßliche violette Beule, so groß wie ein Tennisball. In ihr bewegte sich manchmal, etwas, es glitt von der linken zur rechten Seite und andersherum. Hin und her. Hin und her.
Ich hatte mit der Zeit das Gefühl, als wüchse etwas von dieser Beule aus in mich hinein. Wie Wurzeln. Mir fiel es immer schwerer, mich zu konzentrieren und lesen war mir völlig unmöglich.
Um nicht aufzufallen, um nicht angesprochen zu werden, damit ich nicht aufqehalten würde und länger in jener Horrorwelt da draußen weilen müßte, setzte ich einen alten Hut auf. Zog ich ihn tief in die Stirn, sah man die Beule nicht.
Ich fühlte mich nun von Tag zu Tag schlechter. Auch die letzten Haare gingen aus und mein Kopf bedeckte sich mit den Beulen. Ich erbrach mich. Da ich seit Tagen nichts mehr gegessen hatte, kam nur Galle heraus.
Und Blut. Mein Gott, so viel Blut.
Von den Beule, gingen Wurzeln aus, das spürte ich ganz deutlich. Sie wuchsen in mich hinein. In meinen Kopf. Aber ich tat nichts, denn wenn ich eine der Beulen berührte, zuckte ein gräßlicher Schmerz durch mich hindurch.
Wenige Tage vergingen. Ich saß vor dem Gerät. Es war spät nachts und nur das Testbild flackerte auf dem Bildschirm. Meine Augen glitten zu und für eine kurze Zeit sah ich nur rosarote Kringel. Seltsamerweise blieb der Schmerz aus, der mich immer dazu zwang, auf die Bildröhre zu sehen.
Dann geschah es.
Ich sah.
Aber nicht durch meine Augen.
Nicht durch die, die ich kannte.
Der Raum war seltsam verzerrt. Die Möbel und die Muster im Teppich waren verändert, daß ein panisches Kichern in mir aufstieg. Der Bildschirm des Fernsehgerätes war so groß, daß er fast meinen gesamten Blick ausfüllte und alles, was darauf geschah, erschien mir wie die einzige Realität, die es gab.
Ich fühlte, wie die Wurzeln der Beulen in mein Gehirn stachen, es veränderten, manipulierten.
Ich versuchte, meine Augen zu öffen – meine richtigen Augen – aber als sie einen kleinen Schlitz geöffnet waren, brandete ein unsäglicher Schmerz durch mich hindurch. Er verschwand schlagartig, als ich die Augen wieder schloß.
Ich brüllte in panischer Angst auf. Alles in meinem Zimmer war mir bekannt und ich erkannte sie auch in dem, was ich sah. Aber sie waren auf eine derartige schreckliche Weise verändert, daß sie in mir tiefe Furcht erregten.
Ich stieß mich aus meinem Sessel, wankte, stolperte zum Bad hin. Der Schmerz, der mich fast lähmte, wuchs mit jedem Schritt, mit dem ich mich von dem Gerät entfernte.
Vor dem Spiegel angelangt, der nicht mehr wie ein Spiegel aussah, sondern wie ein schreckliches Tor in finstre Dimensionen, riß ich meine Augen auf. Schmerz durchpulste mich und fast hätte ich sie wieder geschlossen.
Ich brüllte auf.
In dem Spiegel sah ich ein Monster. Abgemagert, nur noch Haut und Knochen, die zwei Augen unterhalb der Stirn klein und blind wie die eines Maulwurfs. Ich sah aus wie ein Skelett, das man in ein großes Kondom – meine Haut – gesteckt hatte. Nicht ganz.
Auf meinem Kopf pulsierten tennisballgroße Beulen. Sie hatten sich geöffnet.
Schreckliche Augen glotzten mich aus den Beulen an.
Dann wurde der Schmerz zu groß. Ich ließ meine Augen zufallen und wankte zurück zum Sessel, wo der Schmerz sofort verschwand, der mich die ganze Zeit über gequält hatte.
Ich sank zurück und wollte schlafen.
Die Augen auf meinem Kopf ließen mich nicht. Sie zeigten mir schreckliche Gestalten, die durch die Lande zogen, alles blutrünstig abschlachteten, was ihnen zufällig über den Weg lief. Dann schlief ich ein. Und träumte.
Ich bete, daß ich geträumt habe.
Ich träumte, wie ich aus dem Sessel aufstand und aus dem Haus ging. Die Welt sah aus meinen neuen Augen grauenerregend und unwirklich aus und ich sehnte mich nach der echten Welt auf dem Bildschirm. Ich begegnete einer alten Frau, die wie am Spieß brüllte, als sie mich sah. Sie kam immer näher und näher, ich sah ihre grauen Augen und ekelte mich vor ihnen.
Ich tat irgendetwas und sie… sie verwandelte sich in etwas totes, blutiges. Ihr Kopf platze auf und ich glaube mich zu erinnern, daß ich die klebriggraue Masse verschlang, die herausquoll wie aufgehender Teig.
Ich begegnete vielen Leuten und immer tat ich das Selbe. Ich war mit einem trocknenden Film aus klebrigem Blut bedeckt und ich stieß unmenschliche Laute aus.
Die Welt ringsum machte mir Angst. Die Menschen erschienen mir wie Monster und ich fühlte nur einen Wunsch: sie zu töten. Und das zu verspeisen, was hervorquoll, wenn ich ihre Schädel zermalmte.
Ich bete, daß dies ein Traum gewesen war.
Ich wachte am nächsten Morgen auf und fühlte, daß ich keinen Hunger mehr verspürte. Ich sah mit meinen richtigen Augen und wurde gewahr, daß ich über und über mit einer roten, gerinnenden Flüssigkeit bespritzt war.
Voller Angst schrie ich auf.
Dann ging ich wankend in die Küche, holte mir ein scharfes Messer. Nachdem ich mich ins Bad begeben hatte, betastete ich vorsichtig die Beulen. Sie schmerzten nicht mehr.
Ich versuchte, nicht an das zu denken, was ich vorhatte, denn sie hätten es spüren können.
Ich beugte mich langsam über das Waschbecken, faßte das Messer fester an, daß es mir nicht aus der Hand fiel, wenn der Schmerz kam. Es gab ein feuchtes Geräusch, wie wenn man eine Fliege an einer Scheibe zerdrückt, als ich es in das Auge auf meiner Stirn stieß. Der Schmerz war unerträglich.
Die anderen Augen öffneten sich und starrten mich an, sie schienen mich hypnotisieren zu wollen. Blut und Eiter floß aus der leeren Höhlung, dem Loch in meiner Stirn. Ich konnte ganz deutlich die Wurzeln erkennen, die ins Innere liefen und hinten, im Dunkeln, sah ich eine graue, pulsierende Masse mein Gehirn.
Ich tötete eines nach dem anderen. Als ich das letzte ausgestochen hatte, sackte ich auf dem Boden zusammen und weinte. Plötzlich konnte ich, trotz des schrecklichen Schmerzes, wieder klar denken.
Die toten Löcher in meinem Schädel blieben. Deshalb trage ich einen Hut.
Jedesmal, wenn ich abends durch die Straßen gehe, sehe ich das Flimmern der Fernseher hinter den Fenstern. Es giibt kaum ein Haus, wo es nicht flimmert.
Die Menschen auf den Märkten werden seltsam. Sie scheinen einander nicht mehr zu sehen und sprechen tun sie auch immer seltener. Fast alle laufen schnell, als wollten sie möglichst schnell irgendwohin kommen.
Die wenigen Gespräche, die ich aufschnappe, gehe ich durch die Stadt, handeln über das heutige Programm im Fernsehen oder über Filme und Sendungen, die in letzter Zeit kamen.
Und immer mehr Leute haben, wie ich sehe, weniger Haare. Glatzen sind an der Tagesordnung, lichtes Haar selbst unter Jungendlichen normal.
Und immer mehr Leute tragen Hüte.
Und glauben sie mir: Das liegt nicht am kommenden Winter.
Sie wußte nicht, weshalb man sie hierhergebracht hatte. Vor zwei Monaten waren diese Männer in ihren weißen Kitteln gekommen. Sie hatte ihre kalten Stimmen gehört und war aufgewacht. Als sie zur Tür geschlichen war, durch das Schlüsselloch gespäht hatte, war sie noch ganz schläfrig gewesen. Sie hatte gesehen, wie einer der großen, glattrasierten Männer ihrem Vater ein großes Bündel bunten Papiers gab, worauf dieser etwas auf ein großes Blatt Papier schrieb. Dann hatte der große Mann mit den eisiggrauen Augen gelächelt, sich umgedreht und sie geradewegs angesehen. Er hatte sich hingehockt und die Arme ausgebreitet, so wie es ihr Opa immer getan hatte. Eine Träne rollte über ihre Wange, als sie an den alten Mann dachte. Er war der einzige gewesen, der sie geliebt hatte. Sie hatte den kalten Mann mit dem Kittel nicht gemocht, von Anfang an nicht. Und auch die Anderen hatte sie nicht leiden können.
Sie hatte geweint und geschrien, als sie sie fortbrachten. Ihr Vater hatte nur stumm in der gelben Öffnung der Tür gestanden und ihr nachgeblickt. Gerade hatte sie wieder eine Spritze bekommen. Sie haßte die Spritzen. Sie machten irgendetwas mit ihr. Wenn sie eine bekommen hatte, fühlte sie sich ganz seltsam. Manchmal war sie sehr traurig, meist aber nur sehr zornig auf die Männer in ihren Kitteln und den Kugelschreibern in den Brusttaschen. Sie konnte dann das grelle Licht nicht ertragen, das aus den Röhren auf sie herabstach.
Ihr Bett war das einzige, was in ihrem Zimmer stand. An den Wänden hing nichts, noch nicht mal ein hübsches Bild. Eine Wand war aus Glas. Sehr dickem Glas. Einer von den Männern mit den Kitteln saß immer dahinter und schlürfte eine Tasse Kaffee nach der anderen. Dort stand auch das Gerät. Zweimal am Tag klebten sie große, runde Pflaster auf ihre Haut. Immer, wenn sie ihre Spritzen bekam, von denen ihr immer so schwindelig wurde.
Einmal wer sie mitten in der Nacht aufgewacht. Alles war hellerleuchtet gewesen. Vor der Glaswand hatten alle Weißkittel gestanden und sie furchtsam angestarrt. Sie wußte nicht, warum. Sie hatte sich nur sehr seltsam gefühlt und diese Männer gehaßt… oh, wie sie sie gehaßt hatte! Dann hatte die Gleswand Risse bekommen und war zersprungen. Die Männer waren genauso weiß gewesen wie ihre Kittel.
Das war vorige Woche gewesen. Jetzt machte man die großen runden Pflaster gar nicht mehr ab. Die Glaswand war jetzt aus grauem Stahl und nur die surrenden Kameras zeugten von der ständigen Anwesenheit der Männer in den weißen Kitteln. Und zweimal am Tag kam der große Mann mit den Eisaugen und gab ihr die Spritze. Manchmal lächelte er. Aber es sah nur so aus, als lächelte er. Er schien nur die Mundwinkel hochzuziehen, während seine Augen starr und kalt blieben.
Gerade jetzt war sie aufgewacht und hatte wieder jenes Gefühl gehabt. Doch diesmal war es viel stärker. Sie hatte das Gefühl, alles tun zu können, was sie nur wollte. Sie runzelte ihre Stirn, große Schweißperlen erschienen auf der Haut. Die graue Wand aus Stahl begann sich zu verbiegen. Sie sah aus wie ein grauer Luftballon, in den sie ihre Fingerspitze drückte. Sie drückte stärker – ein klein wenig nur – und der Luftballon platzte. Metallsplitter fetzten in den Beobachtungsraum dahinter, Monitore explodierten, Menschen sanken röchelnd zu Boden.
Sie konnte alles tun, wes sie wollte, das wußte sie.
Das schrille Heulen einer Sirene tönte durch den Raum. Der Mann mit den grauen Augen stieg über die Trümmer hinweg und kam auf sie zu, lächelte. Ihn haßte sie am meisten. Sie schrie, daß er verschwinden solle und er verschwand. Eben war er noch da und dann verschwunden.
Sie war mächtig.
Sie wollte mit dem Bett beginnen zu schweben. Hochsteigen wollte sie und wie eine Feder, die durch laue Lüfte bewegt wurde, aus ihrem Gefängnis hinausschweben. Sie wollte keine Männer in Kittel mehr sehen und Spritzen auch nicht.
Doch zuvor… wollte sie sich rächen. Rächen für all die Tränen, die Spritzen und die Einsamkeit. Ein paar Weißkittel stürmten in den Beobachtungsraum. Sie ließ sie verschwinden. Alle würde sie verschwinden lassen! Sie würde sie dorthinschicken, wo der liebe Gott alle Bösen hinschickte. Jetzt würde sie mit ihrem Bett durch die Räume schweben und sie suchen. Alle.
Sie runzelte ihre kleine, süße Stirn und konzentrierte sie auf das Bett. Sie hob es hoch.
Und sie unterschätzte sich.
Das Bett raste hinauf, daß das kleine Mädchen in die Federn gepreßt wurde. Dann krachte es mit ohrenbetäubendem Dröhnen an die Decke. Das unangenehme Knirschen gebrochener Gebeine ertönte. Rote Flüßigkeit sickerte durch die harte Matratze, tropfte mit hohlem Geräusch auf den kahlen Boden. Die Sirene erklang erneut. Das Bett zitterte, verlor ein wenig an Höhe. Noch ein wenig. Dann krachte es zurück auf den Boden, zerbrach. In blutigen Daunen lag dar zerdrückte Leichnam des Mädchens. Auf ihren kleinen, gerade erblühenden Lippen lag ein Lächeln. Ein Lächeln voller Haß, Verachtung und dem Bewußtsein von Macht. Ein Blutstrom sickerte aus dem Mundwinkel, die stumpfen Augen starrten an die Decke.
Ein Weißkittel stolperte in den Raum, starrte um sich, sah die Beobachtungsleute, die durch die Metallfetzen zerissen worden waren, blickte auf das Mädchen.
“Mein Gott”, sagte er, “da haben wir ja mal wieder Glück gehabt.” Er rückte die Kugelschreiber in seiner Kitteltasche zurecht, kratzte sich am Kopf und ging hinaus.
Die Hafenpromenade gleißte und flimmerte unter dem harten Licht der südlichen Sonne. Träge schwappten die Wellen gegen die plumpen Leiber der Fischerboote, die angelegt hatten, um ihre spärliche Ladung zu löschen. Es gab in den letzten Jahren immer weniger Fische hier im Mittelmeer. Man sah es den Fischern an, das sie langsam verarmten. Ihre Boote waren in einem verwahrlosten Zustand. Daß sie trotz der großen Kriese nach dem Kuwaitkrieg noch von dem geringen Fischbestand existieren konnten, war einzig und allein der Verdienst eines Vertrages, den sie mit dem Fischmarkt hier auf dem Kai geschlossen hatten. Dieser kaufte nicht von den Großfängern und garantierten die Abnahme des Fangs und die Fischer erhöhten nicht die Preise, wie es ihnen gefiel.
Markus war gern hier. Früher hatten ihn seine Eltern mit in den Urlaub genommen, den sie grundsätzlich hier, in dieser kleinen Stadt am Meer verbrachten. Jetzt, wo er achtzehn war, fuhr er allein, um Freunde zu treffen, die er hier gefunden natte. Sein Italienisch war auch nach all den Jahren miserabel, doch sie verstanden ihn.
Heute war er hierhergekommen, um ein wenig spazieren zu gehen und den Fischern beim Ausladen ihres Fanges zuzusehen. Er tat das sehr gern. Manchmal nahm er seine Kamera mit einem Tele daran mit und hielt die Eindrücke fest. Heute war er einfach nur gekommen, um zuzuschauen. Die Hände hatte er in die Taschen versenkt. Er lehnte an einer kühlen Hauswand, die ihm Schatten spendete und sein Blick schwelgte in dem quirlenden Gedränge auf der Promenade, erfaßte winzige Szenen. Ein alter Fischer mit rauchender, uralter Pfeife im Mundwinkel eerzählte gestenreich einem Marktverkäufer von dem ungeheuer großen Fisch, der neben ihm lag. Er deutete auf den Fisch, dann auf seine Angel und Markus sah, wie seine Augen blitzten. Er mußte an Hemmingways “Der alte Mann und das Meer” denken, wenn er den hageren, sonnenverbrannten, windgegerbten Alten beobachtete, der sich eben zur Seite gedreht hatte, um einen anderen Fischer, der gerade einfuhr, in die Lücke zwischen seinem und einem anderen Kutter zu lotsen.
Er sah noch eine Weile zu, bereute innerlich, daß er seine Kamera nicht dabei hatte und versetzte sich in Hemmingway hinein. Oh ja, genauso ein alter Fischersmann mußte ihn dazu bewegt haben, seinen Roman zu schreiben. Sein Blick tauchte wieder in die Menge. Plötzlich begann sein Herz zu klopfen. Ein Mädchen stand dort drüben auf der anderen Seite des Marktes und schaute, ebenso wie er, in die strudelnde Menge. Sie war nicht einfach hübsch. Noch nie hatte er ein solch wunderschönes Mädchen gesehen. In ihren Zügen lag eine Sanftheit und ein Hauch von Bitterkeit, die etwas tief in ihm anrührten. Ihre Augen glänzten im grellen Licht der Sonne Siziliens und ihr Grün strahlte mit einer unglaublichen Intensität.
Ihre Blicke trafen sich, als das Mädchen aufschaute. Die Bitternis in ihrem Blick verschwand und sie lächelte. Fast verlegen schaute sie auf ihre Handflächen und begann schließlich, über den Markt auf ihn zuzugehen. Sie blickte ihn dabei unverwand an und ihm ging das Herz auf von diesen Augen. Sie schlängelte sich durch die brodelnde Menschenmenge wie ein Fisch durch das Wasser des Meeres und stand plötzlich, er hatte gar nicht gespürt, wie die Zeit vergangen war, vor ihm. Ihre vollen, sinnlichen Lippen lächelten, doch etwas Wehmütiges spielte um die Mundwinkel. Markus konnte nicht mehr oder weniger, als stumm vor sich hinzugrinsen. Sein Blut kochte in den Adern, seine Ohren glühten, in seiner Magengrube breitete sich ein wohliges, warmes Gefühl aus.
Sie trat einen letzten Schritt auf ihn zu, daß der Stoff ihrer Bluse fast sein Hemd streifte. Ein Prickeln lief über seine Haut und er konnte seinen Blick nicht abwenden von ihren Augen, die so grün war wie die See bei Saragossa. Er ertrank fast in ihnen. Sie sprachen nicht ein Wort, ihre Hände glitten in die Seinen, die Finger verknoteten sich ineinander, während ein sanfter Wind in das Haar des Mädchens fuhr, es wehen ließ und ihm ihren Duft in die Nase wehte. Die Innenflächen ihrer Hande drückten gegen die Seinen. Die Berührung dieser zarten, warmen haut ließen ihn schwindelnd werden. Plötzlich brach eine Bilderflut über ihn herein wie eine gigantische Welle über ein kleines Fischerboot. Tausende, nein Millionen von Sequenzen durcnschossen sein Bewußtsein.
Dieses Mädchen war ihm nicht unbekannt. Er kannte es seit Anbeginn aller Zeiten. Sie war seine Gefährtin gewesen, schon als die ersten Menschen noch gegen die Drachen und Greife kämpften. Er war der Retter dar Menschen. Jedesmal, wenn das Böse auf die Welt kam, um sie zu einer seiner finstren Festen zu machen, erschien auch er, um es aufzuhalten. Zusammen mit diesem Mädchen war es seine heilige Aufgabe, des Böse aufzuhalten. Nur sie war in der Lage, das Böse in der Gestalt zu erkennen, die es diesmal angenommen hatte. So, wie es immer war. Es war ein endloser Kampf, und wenn er die finstren Mächte auch diesmal besiegen sollte, sie würden wiederkommen, damit er sich ein weiteres Mal dem heiligen Kampfe stellte.
Die Bilderflut zog sich zuruck, schwappte und wogte aber noch in seinem Bewußtsein. Er hatte sich erkannt. Der Schlafende war erwacht und bereit, dem Bösen entgegenzutreten. Er versenkte seinen Blick in diese grünen, funkelnden Augen und die Bilder, die er in der Vision von ihr gesehen hatte, lebten wieder auf. Sie hatten sich unzählige Male geliebt. Und nichts in dieser oder in einer anderen Welt gab es, das jenem Erlebnis gleichkam.
Sie wandte ihr Gesicht kurz ab und deutete mit den Augen auf den Merkt. Langsam drehte er sich um und folgte ihrem Blick. Dort schritt ein Mann durch die Menge. Er weder besonders groß, noch war er besonders klein. Er sah recht normal aus. Er war ein Einheimischer, doch der feine, maßgeschneiderte Nadelstreifenanzug zeugte von Reichtum und Eleganz. An seinen Händen funkelten dicke, goldene Ringe im Licht der Sonne des Südens. Die Geräusche des Tumults traten zurück und alles außer diesem Mann verlor an Farbe und Brillianz für Markus. Eine dunkle, spiegelnde Sonnenbrille verdeckte die Augen des Mannes, um dessen Mundwinkel ein gehässiges Grinsen spielte. Er war das Böse in seiner neuesten Inkarnation. Hinter ihm schritten sechs Männer wie Schränke einher. Auch sie trugen dunkle Anzüge und Sonnenbrillen, wenn auch nicht von der Klasse des schwarzen Mannes, des Satans.
“Er ist es”, horte er die liebliche Stimme des Mädchens sagen. Sie hatte Recht. Seine Hände verkrampften sich zu Klauen. Er wollte diese Ausgeburt der Hölle mit seinen Händen vernichten. Aber er hielt sich zurück. Noch war es nicht soweit. Seine zornerfüllten Augen beobachteten das Böse, wie er an einen harmlosen Mann herantrat, der einen Fischstand innehatte. Einer seiner satanischen Gehilfen zog eine Waffe unter seiner Weste hervor, zielte damit vage auf den Mann, dessen Blick voller Angst war. Er sagte irgendetwas und gab dem Mann in Schwarz ein Bündel Banknoten. Dieser nickte, als er sie erhielt, lächelte gemein und machte eine segnende Geste mit seiner ringbesetzten rechten Hand.
Markus hielt es nicht länger aus. Er wollte ES töten. Es sollte ihm auch diesmal nicht gelingen, die Welt seiner Untertan zu machen. Denn er würde es verhindern. Entschlossen ballten sich seine Hände zu Fäusten und er machte einen Schritt auf seinen Feind zu. Doch die Hand des Mädchens hielt ihn zurück. Er drehte sich zu ihr um, sah in ihre Augen, ertrank fast in ihnen. Der Leibhaftige sollte sie nie bekommen! Er würde sie beschützen.
Das Mädchen hob ihre Bluse ein wenig, daß braune, samtene Haut darunter hervorschimmerte. Der Griff einer großkalibrigen Waffe schaute aus dem Bund ihrer Jeans hervor, der Hebel der Sicherung ragte in den kleinen, lieblichen Nabel hinein. Sie zog den Revolver heraus und legte ihn in seine Hand, ihre Finger drückten seine Finger um den Griff, dessen Metall ganz warm war vom Liegen auf ihrem zarten Bauch, auf dem winzige Herchen im Sonnenlicht strahlten.
Seine Faust schloß sich fest um den Griff. Ein letzter Blick in ihre Augen, aus denen wieder diese Bitterkeit sprach. Kurz beugte er sich über sie, gab ihr einen flüchtigen Kuß auf die warmen, weichen, sinnlichen Lippen. Dann wandte er sich ab. Die Faust mit der Waffe darin verschwand in der Tasche seiner Hose. Langsam und gemessen schritt er seinem Gegner entgegen. Immer näher kam diese Gestalt der Finsternis. Sie schaute ihn an, durchbohrte ihn mit ihrem rotglühenden Blick, doch sie konnte ihn nicht erkennen. Sie wähnte sich in Sicherheit.
Nur wenige Meter trennten sie noch voneinander. Der Daumen seiner rechten Hand ließ den Sicherungshebel zurückschnappen. Es klickte leise. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Die Welt um ihn herum versank in Schweigem. Düsterem Schweigen. Alle bewegten sich langsam, wie in Zeitlupe.
Er zog die Waffe aus seiner Tasche, seine Faust krallte sich in das Metall des Griffs. Der Lauf richtete sich mit beängstigender Langsamkeit auf den Satan, der in die Menge lächelte, huldigend seine Hand bald in die eine, bald in die andere Richtung schwenkte. Und die steinernen Gesichter seiner höllischen Gehilfen mit den riesigen schwarzen Augen schwebten hinter ihm als weiße Flecke auf und nieder.
Sein Finger krümmte sich um den Abzug. Sein Metall war so kalt, daß es ihn verbrannte. Grad über der Kimme tanzte dieses teuflische, grinsende Gesicht des Bösen, als er schrie. Markus brüllte einen Kampfschrei, der älter war als alles, was auf diesem Planeten sein Leben fristete. Der Abzug bewegte sich einen Augenblick schwer, dann wieder ganz leicht. In dem Revolver klickte eine Mechanik unheilvoll. Etwas explodierte. Dampfstrahlen schossen aus der Trommel, leckten über seine Hand. Der Schlag traf seine Hand und eine Feuerzunke leckte aus dem Lauf, leckte, zünkelte dem Geschoss hinterher, das auf dieses Gesicht zuraste.
Es traf den Kiefer des Satans, der zerbarst. Blut, Knochensplitter und Fleischbrocken trudelten durch die Luft. Die untere Gesichtshälfte des Monsters verwandelte sich in ein rotes Etwas, aus dem zerstörte Zähne ragten. Die Sonnenbrille rutschte vom Gesicht und dahinter starrten erschrockene Augen. Markus sah nur diese Augen, nichts sonst. Er hörte sein eigenes Brüllen wie einen tiefen, unendlichen Laut, der über den Marktplatz hallte, auf dem sich die Menschen unsagbar langsam nach ihm herumdrehten.
Sein Finger verbrannte wieder, als er den Abzuq ein zweites Mal nach hinten zog. Und ein weiteres Mal und nochmal und nochmal. Fünfmal leckte die Feuerzunge hinter den Geschossen seiner Macht hinterher. Fünfmal schlugen diese in den Körper des Finsternen, schlugen Krater, aus denen rotes, dickes Blut hervorschoß. Das Böse starb. Er konnte sehen, wie seine Augen flackerten und erstarben, als die letzte Kugel in die Stirne schlug und Rot und Grau hervorquoll. Es fiel auf die Straße, sein Blut sickerte aus ihm wie sein Leben.
Markus spürte gar nicht, wie ihn die Kugeln zerfetzten. Die bleichen Gesichter mit den riesigen schwarzen Augen, die Gesichter der höllischen Ausgeburten, die um ihren Herrn waren, schwebten zornig wie Hornissen vor dem dunklen Brei, der alles Andere war. Feuerzungen fuhren aus ihren satanischen Waffen, deren Geschosse in ihn einschlugen, ihn zerrissen. Sie konnten ihn nicht verletzen, er war unsterblich. Er sackte auf die Straße, kniete noch, fiel denn auf die Seite. Seine Augen brachen, während der Geschoßhagel weiter auf ihn eindonnerte, ihn bis zur Unkenntlichkeit zerstörte. Sie konnten ihn nicht töten. Denn sobald das Böse wiederkäme, würde auch er wiederkommen. Er hatte sie besiegt. Sie, die Handlanger der Flnsternis, waren nun machtlos, dachte Markus, als er sein Leben aushauchte.
Der junge Mann auf dem Marktplatz blieb in seinem eigenen Blut liegen und rührte sich nicht mehr. Die Männer in ihren schwarzen Anzügen standen da – ihre Revolver rauchten noch – schauten sich an. Einer wandte sich ab und erbrach sich in das Hafenbecken. Das Mädchen löste sich von der schattigen Wand. Wieder schaute sie auf ihre Hände. Sie fuhr plötzlich mit den Fingern der rechten Hand in ihre Linke und schien sich zu kratzen. Sie zog etwas von der Innenfläche ab. Etwas wie ein Pflaster, aus dessen Mitte drei winzige Nadeln ragten. Auch von ihrer anderen Handfläche zog sie solch ein kleines Plästerchen. Sie schlenderte unauffällig an Rand des Kais hin, ließ die zwei winzigen hautfarbenen Plättchen in das Wasser gleiten. Sie schwammen noch kurz darauf, dann lösten sie sich in dem Wasser auf. Nur einige graue Schlieren zeugten noch davon, daß es sie je gegeben hatte.
Sie schlenderte weiter, auf eine Telephonzelle zu. Sie schloß die Tür hinter sich, nahm den Hörer von der Gabel, warf einige Geldstücke ein und wählte. Während ein regelmäßiger Piepton in ihr Ohr hallte, sah sie durch die dreckige Scheibe, wie einige Milizwagen auf den Marktplatz fuhren, die Männer in Schwarz festgenommen wurden und die Toten aufgebahrt in einem Krankenwagen verschwanden. Die Bitternis lag wieder auf ihrem schönen, braunen Gesicht. Eine Stimme quäkte aus dem Hörer.
“Carlos?” sagte sie “Jaja, Nina hier… ja, sie funktionieren… besser, als wir dachten… ja, bestell’ gleich ein Dutzend. Nein, zwei sind besser… Nein, du Idiot: nicht zwei Stück! Zwei Dutzend… teuer? Du bist gut! Du weißt wohl nicht was Killer heutzutage kosten? Ja, natürlich ist er tot! Ich sagte doch, es hat funktioniert… ja, der auch. Die Leibwächter haben in regelrecht in Stücke geschossen… Jaja… gut… ahmh. Wir sehen uns morgen. Ja, du auch… Ciau!”
Sie legte auf, verließ die Telephonzelle und verschwand in der Menge, die auf dem sonnenbeschienenen Fischmarkt quirlte und brodelte.
Für alle größenwahnsinnigen Paranoiden dieser Welten
“Nyddrym, das ist mein Name,
der ich mehr bin als nur Schamane:
Unter den Magiern bin ich der wahre Meister,
denn nicht nur Herr bin ich über alle Geister,
sondern auch über der Erde Kräfte
und die das Leben schaffend Säfte.
Mein Turm steht in fels’gem Lande,
an einer greulichen Schluchtes Rande,
eben ist hier alles und gar kahl,
daß es jedem sterblichen Auge eine Qual,
auch nur hinzusehen,
wo alles Leben muß vergehen.
Nur ich wohne hier in der Öde,
denn das pralle Leben scheint mir gar schnöde;
mein Leben widmete ich dem großen Streben
nach des Wissens saft’gen Reben.
Alles muß meiner Macht sich untergeben:
Und das ist’s, weswegens sich lohnt zu leben!
Nur eines, eines nur, verweigert mir die Natur:
Der einz’ge Magier bin ich in der Flur,
der nicht beherrscht diesen simpel Schwur,
der so schwer doch gar nicht ist.
Mich dünkt, ’s ist der Welt pure Arglist,
mir zu verweigern diese billig Gabe,
zu schweben, zu fliegen wie der Rabe.
Meinertreu, Levitation ist so wichtig nicht,
beherrscht sie doch schon jeder Lehrlingswicht!
Und, welch garstig Ironie,
plagt mich, wies niedrig kreuchend Vieh,
die Höhenangst,
daß du schon bangst,
schaust du auch nur,
aus des Turmes Fenster in die Flur.
Lachen tun sie, fürchtet man sich
seiner in großer Höhe.
Gleich fühln sie sich größer, schöner, feiner,
diese miesen Menschenflöhe,
die sie doch gar nichts wissen,
die sie die Welt würd nicht vermissen,
verschwänden sie plötzlich ohne Mucks!
Frohlocken würd sie, befreit von dem Gedrucks!
Wie Aasgeier stürzten sie sich, wenn es sich bot,
auf meine Bang und Not.
Aber wartet nur, Euch werd ichs zeigen!
Tanzen sollt Ihr furchtsam Reigen,
wenn ich meine Macht Euch demonstrier
auf dem ebnen Platze hier,
vor des großen Nyddryms Turm,
hier sollt Ihr vor mir kriechen wie der Wurm
dort vor mir in dem Staube,
dem ich nun – mit nur einem Tritt –
das armseel’ge Leben raube!
Schon sah ich die bunten Massen,
aus allen Landen herbeigekommen,
wie sie vor meinen Turne prassen.
Doch bald soll Ihnen die Freud genommen!
Zittern sollen diese Tiere,
niederfallen auf alle Viere,
um mr, Nyddrym, Ehre zu erweisen!
Wie zu einem Jahrmarktsfest
schreien, jubilieren diese Toren,
die unnütz in die Welt geboren,
wertloser noch als jener blut’ge Rest,
den der geschändet Mutterleib nach ihnen ausgespien,
als sie im Straßendreck vor dem Hurenhause wild geschrien.
Bauchläden und Krämer bieten feil
alles bis zum blut’gen Mörderbeil.
Jubel, Trubel, Heiterkeit
und an der Ecke stehen die Huren, schon bereit,
einzusacken große Beute
bei dieser sünd’gen Meute
Wiewohl ist all dies Geschmeiß
doch hier auf mein Geheiß
In Erwartung großer Lustbarkeit,
die sorgen soll für ihre Heiterkeit.
Aber nichts dergleichen habe ich im Kopf,
bin ich der Barde, der mit seinem Kropf
die Leute leicht vergnügt,
indem er ihnen billig Geschichten lügt?
Ich werde innen zeigen,
daß ich der Größte bin in der Magier Reigen.
Einen großen Zauber werde ich bescnwören,
mit allen Nächten, die auf mich hören.
Nie wieder wird dies Gewürm es wagen,
zu lachen über meine Fehl und Klagen,
die Höhenangst und den widderspenstig Spruch,
die auf mir lasten wie ein schrecklich Fluch.
Nun schreite ich auf den Balkon,
entgegen braust mir schon der Hohn
dieser miesen, blöden Leute,
dieser geifernd giftversprühend Meute.
Doch wartet, in ein paar Minuten,
wird die Angst Euch im Busen bluten,
wenn meine Macht Euch entgegenscheint,
daß Ihr Euch geblendet meint!
Ich erkläre, daß ich ihnen zeigen werde,
daß man mich nicht zu Unrecht Nyddrym, den Großen, nennt.
Im Geiste schon seh ich, wie diese Herde
wie ein blöder Mob, blind vor Angst, von dannen rennt.
Da schreit einer mit der Worte bissig Klauen,
daß ich sollt nach unten schauen.
Dieser fiese, kleine Wicht,
sehr genau weiß er: Das kann ich nicht,
denn unter dem Balkone
ist ein Abgrund, gar schrecklich tief,
nicht einmal für eines Kaisers Krone
kann ich tun, was jener rief.
Allein von dem Gedanken
fängst Du, Welt, schon an zu wanken!
Doch genug der Worte!
Gekommen ist nun die Zeit,
meine Macht zu zeigen an diesem Orte,
denn der Zauber ist bereit,
brennt, züngelt in meiner Brust,
drängt, hervorzubrechen mit ur’ger Lust,
in dem Erdkreis zu wüten, wie es ihm gefällt.
Oh ja, die Stunde meiner Rache hat geschellt!
Seht, niederes Menschengetier:
Die Erde ist mir Untertan wie auch das Himmelszelt!
Euch zu beweisen bin ich hier,
daß in meinen Händen liegt die ganze Welt!
So hört denn, ihr Erdengeister,
was Euch gebietet euer Meister!
Mir sollt Ihr gehorchen, tun, was ich befehl,
dem folgen, was dringt aus meiner Kehl!
Ut was betat, ugnam hereul!
Meldet Euch mit graus’gem Geheul!
Auch Ihr, Dämonen des Wassers und der Luft,
steigt heraus aus euerer Gruft!
Die Hände strecke ich hinauf,
wider den blauen, strahlend Himmel,
schon ballen sich die Wolken schwarz Hauf zu Hauf,
und Sturm braust heran wie eine Herde weißer Schimmel;
Blitze zucken, malen mit zack’gem Lichte
auf das Schwarz des Nostradamus’ Gesicnte
in der Runenschrift der Alten,
die einzig als die wahren Magier galten
und von deren Nachkommen es nur noch einen gibt:
Mich, Nyddrym, von keinem geliebt.
Meine Augen leuchten gleich der Sonne Feuer,
das nun von Wolken schwarz erstickt.
Das Menschengewürm bereut schon teuer,
daß es sich an meiner Qual erquickt!
Aus meinem Munde Befehle dröhnen,
die über die sieben Meere tönen,
jeden Geist zu mir rufen,
den die Götter jemals schufen.
Oh, ich spüre die gigantisch Macht,
die strömt durch meinen mächtig Geist,
daß mir das Herze im Leibe lacht,
mein Gesicht grinst ganz feist
hinunter zu diesem unwür’gen Gelichte,
das ich mit nur einem Wink vernichte!
Nun sie vor mir kriechen,
während ihre Leiber, durch meine Kraft
beraubt dem heil’gen Lebenssaft,
nur so von hinnen siechen!
Das Fleisch fällt ihnen von den Knochen,
während ihre Augen in den Höhlen kochen,
Blut aus härend Wunden spritzt!
Ach, was bin ich doch gewitzt!
Nur einige, die laß ich leben,
daß sie dereinst Kunde geben,
von dem, was ich vollbracht
mit meiner unermeßlich Macht!
Höret, der Erde Dämonenheere,
was ich von euch begehre!
Eine Felsennadel soll ersprießen,
an dem Platze, den ich euch gewiesen,
und auf ihr soll stehen,
tausend Meilen weit zu sehen,
mein Turm,
in der hohen Lüfte Sturm!
Meilenhoch soll sie denn reichen,
jedem der Mut aus dem Herzen weichen,
der auch nur erschaut,
was ich mit Magie erbaut!
Ein Mahnmal, weiß wie Gebein,
soll dies Gebilde sein,
das gleich einem garstig Traum
stehen wird in der Welten Raum.
Nicht dicker als meiner Feste Fundament,
soll sein, was sich steinern in die Lüfte stemmt
und doch bis dorthin ragen,
wohin sich selbst die Adler nicht mehr wagen!
Und nun, gebt meinem Wunsch Gestalt!
Entreißt dem Erdenschoß mit Gewalt
die Säule aus edlem Gestein,
schimmernd wie reinstes Elfenbein!
Kümmert euch nicht um der Erde Wehklagen,
laßt es euch ja nicht am Gemüte nagen,
denn mir seid ihr untergeben.
Drum tut, was ich von euch begehr,
wollt ihr ohne Qual auch nur einen Tag lang leben,
ohne der Martern unaussprechlich Heer,
über das nur ich gebieten kann,
wie ich will und wann!
Die Wolken schwärzer, dichter wallen,
Regen Hagel, Schneegestöber fallen;
Blitze zerreißen Finsternis
mit blendend Riß um Riß;
Stürme heulen, Berge ächzen,
gleich Wölfen, die nach dem Blute lechzen.
Die Erde weint in ihrer Qual,
doch sie hat keine Wahl.
Wiewohl sie könnte stille sein,
stumm ertragen ihre Pein,
doch nein!
Anstöhnen muß sie die Getreuen mein,
sie anflehen um Gnade,
doch, ach wie ist’s denn schade,
meine Geister vor Ängsten bibbern,
schwitzen, keuchen, zähneklappernd zittern:
Meine Macht ist’s, die ihnen gebietet,
sie an ihre Pflichten nietet,
ich bin’s, der sie erbeben läßt,
sie mit mit Furcht füllt bis zum letzten Rest!
Und so wächt denn mit Gedröhn
mein Mahnmal in die luft’gen Höhn,
daß mir’s kribbelt in meinem Bauch,
während mein Turm sich mit ihm hebt,
hinaufsteigt durch der Erde Schmerzensrauch,
daß mir der Busen vor Lust nur bebt!
Wilde Kräfte in das Blut mir schießen,
Mächte mir durch die Gebeine fließen,
Hochgefühl mich schwindelnd macht,
alles in mir wilde lacht,
sich erhaben dünkt und wundervoll,
während ringsum die Welt ist toll,
mein Turm in die Höhe sprießt,
mitsammt seinem Sockel hoch in die Lüfte schießt
Meilen um Meilen
die Gesteine wider den Sternen eilen!
Und mit einem Krachen,
die Geisterheere lachen:
Es ist vollbracht!
Mit uns’rer ganzen Macht
haben wir dir, Meister, geschaffen,
was die Sprache verschlüge jedem Pfaffen,
so daß er riefe,
dies sei eines Gottes Briefe an die Menschenheit,
daß alles nun bereit für das große Gericht,
das da scheiden solle das Dunkel von dem Licht,
den Stein von der fruchtbar Knolle!
Sodann verschwinden sie,
als hätt sie’s gegeben nie.
Ich hör noch den Verklang ihres Gelächters,
grausamer nach als das des Hurenschlächters!
Oh weh, was schwant mir nun,
wenn ich in meinem hohen Turm schau auf die matschig Run,
dereinst ein von mir zertreten Wurm?
Keine Kraft nunmehr in mir ruht, denn von dem großen Zaubertun
vrurd alle Macht gesaugt aus meinem Blut,
daß ich ohne Magie bin nun.
Doch das Werk ist nun gemacht,
geschlagen ist die große Schlacht,
bewiesen dem Letzten meine Macht!
Niemand nunmehr nicht vor mir erzittert;
jedermans Mut nun schon wird erschüttert,
der auch nur meinen Geruch im Winde wittert!
Trotzdem bin ich nicht richtig froh,
Angst bricht aus meinem Busen roh,
des Wurmrests Rune grinst wider mich,
daß ich es schnell zerstampfe in meinem Zorne.
Ein Flecke bildet auf dem Boden sich,
gestaltet wie das – oh Graus! – Zweikopfgeborne
das Unheil woimmer prophezeit,
wo es sich aus einem Mutterleibe befreit.
Oh nein!
(Ich begreif das gars’ge Sein)
Mich überflutet gräßlich Pein!
Tücke! Arglist! Hintergängnis!
Ich sitz, verdammt, in einem Gefängnis:
Mein Turm, auf hoher Säule über dem Abgrunde wankend,
in Meilenhöhe von einer Seite zur andren schwankend.
Oh Götter! Mein Herze rast!
Ganz übel wurd ich geweißnast
von dem Dämonengesinde,
das mich, ganz gelinde,
hiermit dem Tode übergab,
krächzend lachend wie der Rab!
Einen Mond lang habe ich keine Macht,
nachdem der Zauber mich ausgelaugt.
Nun muß ich halten eine Wacht,
die sehr wohl zum Wahnsinn taugt.
Meine Höhenangst wird mich wohl töten,
und wenn sie’s nicht tut,
so sind’s des Hungers und des Durstes Wut,
die mich zum Nirwana nöten.
Keinen Adler kann ich rufen,
denn die Felsennadel, die die Dämonen schufen,
ist zu hoch für solch Geflügel!
Für solche Dummheit, wie die meine,
ist wohl tagelange Prügel
das wahrhaftig einzig Eine!
Doch nun ist’s zu spät, mein Leben ist dahin,
besiegt bin ich von einer Schar dummer Dschinn.
Ich werde verdorren und verhungern,
oder irre werden vom langen Lungern
in dieser garstig Höhe!
Miese Menschenflöhe!
Ihr seid schuld,
denn wart nicht ihr die Wichte,
die meine Geduld
brachten aus dem Gleichgewichte?!
Und ihr Dämonen! Auch Ihr tragt Schuld,
denn ihr gabt mir nicht die Huld,
die mir zusteht als der Meister
über eure armseel’gen Geister!
Und auch Du, Natur,
Du mit deiner blühend Flur,
auch Du hast mich dem Tode überantwortet,
denn Du warst es, die den jämmerlich Spruch gehortet,
der die Levitation ermöglicht!
Jeder Lehrlingswicht kann fliegen,
sich flugs in den Lüften wiegen;
nur der große Nyddrym nicht!
Um so mehr scheint’s wie ein Scherz,
eine garstig Dreingabe, die noch mehret meinen Schmerz,
daß ich noch genug Magie in mir hab,
zu wirken den Spruch des schwebend Rab,
der unter den Zaubern der billigste ist…
Welch ironisch Arglist!
…mit dem ich fliegen könnt, hätt man ihn mir gegönnt!
Gerettet hätte er mich,
ließe er benutzen sich!
Doch Nein!,
es muß so sein,
daß ich in meinem Turme sitz…
Welch ein blöder Witz!
… bis ich mein Leben ausgehaucht,
meine Seel gen Himmel raucht!
Ach was soll’s:
Ich gebe auf,
klettre auf die höchste Zinne rauf
und stürze mich dann hernieder!
Glaubt mir: Dereinst komme ich wieder!”
sprach’s und sprang.
Der Fall dauerte ziemlich lang,
doch schließlich, mit dumpfen Krachen,
zerschellte Nyddrym am Fuße seiner Felsennadel,
er, der Magier mit Furcht, Paranoia und Tadel.
Und von ferne her tönt dunkles Lachen
ob der zermalmten Zaubererleiche
aus dem gräßlichen Dämonenreiche.
Die Lider hoben sich zitternd von den Augen. Das Zimmer war dämmrig, rot die Farbe, die alles beherrschte. Nur ein Strich blendendes Sonnendurchschnitt den Raum. Und, Omen oder Zufall, stach dieser Speer weißen Lichts genau in die Augen.
Der Körper in dem zerwühlten Bett krampfte sich zusammen, ein heiseres Schmerzensstöhnen ertönte. Hände fuhren zum Gesicht hinauf, krallten sich schützend hinein.
Die Tür öffnete sich quietschend und Schritte pochten über den Boden. Es kreischte und die roten Vorhänge glitten auseinander. Die Schneide aus Licht wurde zu einem Hammer, der die zusammengekrümmte, murrende Gestalt unter der zerknautschten Decke traf. Sie hatte gerade die Hände von ihrem Gesicht genommen und halb über die Falten seines Daunenbettes hinweggeschielt, um sich an die Realität dieser Welt zu gewöhnen. Sie schrie auf und verkroch sich unter der Decke. Doch sie wurde bald von ihr gerissen. Schutzlos wie eine Schildkröte ohne Panzer ringelte sie sich auf dem Laken, versuchte, dan Kopf möglichst im Dunkel zu verbergen. Sie gab unartikulierte Laute von sich, die qualvoll über die Bettkannte quollen. Eine Stimme dröhnte, daß er endlich aufstehen sollte, doch die Gestalt versucht nur weiterhin, sich selbst auf eine minimale Größe aufzurollen. Die Beweglichkeit, die sie dabei an den Tag legte, war ein wahrer Akt von Akrobatik. Doch diese Akrobatik hatte auch einen Nachteil. So wie sich eine Wüstenviber über losen Sand hinwegschlängelt, so näherte sie sich immer mehr der Bettkannte. Es krachte dumpf, als sie herunterfiel und in unmöglicher Stellung auf dem Bettvorleger lag. Und die Flüche, die sie vor sich hinmurmelte wie ein Bach sein monotones Gurgeln, zeugten von dem Wiederwillen, den sie dem Gedanken, aufzustehen, entgegenbrachte.
Die Schritte trippelten aus dem Raum, irgendwo rauschte und klickte etwas, sie kehrten zurück und mit einem unangenehm klingenden Klatschen wickelte sich ein eiskalt durchtränkte Handtuch um den sich am Boden windenden Körper.
Die gemurmelten Flüche gewannen an Kraft. Mit einem ächzenden Kraftakt erwuchs die Gestalt und stand drohend seinem Peiniger gegenüber. Sie blinzelte gegen das schrecklich grelle Licht des Morgens und Tränen flossen über die geschwollenen Säcke unter den Augen, die voll Haß die grinsende Erscheinung vor sich fixierten.
“Bruder…”, kroch krächzend die Wut aus dem erwachten Schläfer und biß mit unausgesprochenen Verwünschungen um sich. Eine Hand krallte sich um das triefnasse Handtuch und warf, schleuderte es dem grinsenden Subjekt zu, das im Türrahmen lehnte. Wie eine volle Windel klatschte es gegen die Wand und rutschte herunter.
“Daneben!” sagte das Subjekt mit einer solchen Freude in der Stimme, daß der Schläfer mit den Zähnen knirschte. “Das Frühstück ist fertig.” Der Schläfer wirkte, als wollte er in diesem Moment dem Subjekt an die Gurgel springen und so lange würgen, bis er keinen Mucks mehr von sich gab.
“Ja…”, knurrte er und stierte mit einer solchen Wut in den Türrahmen, daß der Bruder eigentlich hätte in Flammen aufgehen müssen. Doch dieser kicherte nur und ging seiner Wege.
Im Zimmer allein zurückgeblieben sackte der Schläfer in sich zusammen, als wären plötzlich alle Knochen in seinem Körper zu Staub zerfallen. Seine Finger gruben sich in den Haaransatz und ein Beben lief durch seine Gestalt, wurde zu einem Schluchzen. Er hatte wieder geträumt. Er träumte manchmal Dinge. Dinge, die später eintrafen. Einmal hatte er von einem Hund geträumt. Am nächsten Tag wurde er gebissen, mußte mit zwanzig Stichen genäht werden. Ein andern Mal hatte er seinen Vater gesehen, wie er Auto fuhr und dann einen Baum küßte. Noch heute zogen sich die Narben der Operationen durch sein Gesicht. Als sein Wagen gegen den Baum gekracht war, hatte sich sein Körper durch die Windschutzscheibe katapultiert, um gegen den Stamm zu prallen.
Wenn er geträumt hatte, fühlte er sich am darauffolgenden Morgen, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. So, wie er sich jetzt fühlte, wo er auf dem Boden kauerte, umstrahlt von sengendem Licht. Schmerz pulste durch seinen Kopf, stach bis in die Fingerspitzen, die an- und abzuschwellen schienen in seinem Takt. In seinen Augen saßen kleine Stachelbälle, ebenfalls rythmisch pulsierend. Wenn sie sich aufblähten, stachen ihre Nadeln von innen durch die Augen. Er konnte spüren, wie die funkelnden Nadeln aus dem Weiß austraten, sich hindurchbohrten, die geschlossenen Lider von innen her durchstachen.
Diesmal hatte er von sich geträumt.
Mühsam stand er auf, blinzelte aus roten Augen umher und torkelte aus dem Zimmer, um dem grellen Licht zu entrinnen, das durch das Fenster brannte. Er tastete sich langsam vorwärts, seine Hände krallten sich hilfesuchend um jede Ecke, wanden sich um Klinken, Türrahmen, Simse, Schrankkanten, stützten sich an den rosarot geblühmten Wänden des Flurs. Eine Tür öffnete sich zur Linken, ein gähnender Rachen in der Haut des Ganges. Es klickte, als Finger wie automatisch ihren Weg zum Lichtschalter fanden. Helle brandete auf, stach mit glühenden Nadeln in die schmerzenden Augen, ließ die Stachelbälle groß werden, daß er glaubte, es müsse wirken, als säßen kleine Igel statt Augäpfeln in den Augenhöhlen. Wasser rauschte aus dem chromblitzenden Wasserhahn, gurgelte in den Abfluß, spühlte eine kleine Spinne in die finsteren Tiefen der Kanalisation. Sein Gesicht brannte, als eisiges Wasser gegen es spritzte, dann jedoch wurde sein Geist langsam klar. Er torkelte wieder aus dem Bad, fiel fast die Treppe hinunter, die in die Küche führte und setzte sich mißmutig an den Tisch, verschloß die Ohren für das Gequake, das von überall auf ihn eindröhnte. Seine Mutter quäkte irgendetwas von Schule, Verantwortungslosigkeit und anderen Dingen, denen er noch nicht einmal die Aufmerksamkeit schenkte, mit der er die Spinne beobachtet hatte, als sie vom Strudel in den Ausguß gerissen worden war.
Er stopfte etwas in sich hinein, das verdächtig nach Schaumgummi schmeckte, das man in Milch aufgelöst hatte. Schließlich stand er auf, kroch die Treppe wieder hinauf, zog sich um, packte desinteressiert seine Schulmappe und fiel mehr die Stufen hinab, als er sie beschritt.
Er fühlte sich dreckig. Vielleicht lag das daran, daß er sich nicht gewaschen hatte, oder daß er spürte, wie die Bartstoppeln gegen den Kragen seines Hemdes wetzten. Vor zwei Jahren hatte er das erste Mal geträumt. Mit sechzehn. Es war hellichter Tag gewesen und er hatte gehört, wie Regen auf die ausgedurstete Julierde geprasselt war. Doch der Himmel hatte in herrlichem Blau gestrahlt, als er emporgesehen hatte. Keine zwanzig Augenblicke später war eine Gewitterfront von Osten her über den Himmel gezogen und schon bald hatte es in Strömen geregnet. Wenn er geträumt hatte, fühlte er sich immer, als wäre er eine Woche lang durch Sumpf und Steppe gezogen.
Es bestand kein Zweifel. Es war ein Traum gewesen. Er erreichte die S-Bahnhaltestelle und lehnte sich gegen einen Lichtmast. Er schloß die Augen. Mit Gekreisch bremste die Bahn. Als er die Augen öffnete, sah er genau auf die schreienden Räder, von denen Funken stoben. Er brüllte in Panik auf und rannte von der Haltestelle weg. Die Schultasche lag noch neben dem Laternenpfahl. Seine Füße trommelten wie besessen über den Teer der Straße. Reifen von bremsenden Autos quietschten, irgendwo krachte eines auf ein anderes. Hupen dröhnten, Flüche erschollen. Er rannte.
Nach einiger Zeit konnte er nicht mehr weiter. Seine Arme hingen schlaff herab, seine Gestalt war gebeugt, wie er sich durch eine kleine Gasse schleppte, um dort zusammenzusacken. Er keuchte und prustete, und in seinem Innern kochte der Traum in ungeschmälerter Klarheit. In seinen Zügen, seinen Augen spiegelte sich Angst. Todesangst.
Eine Katze fauchte auf und schoß wie ein verücktgewordener Schatten durch die Gasse. Er fuhr zusammen, als hätte ihm jemand ein glühendes Eisen über den Nacken gezogen, schaute dann dem Tier nach und lehnte sich erleichtert gegen eine Metalltür, die in die in die Häuserfront eingelassen war. Aus dem Innern brummte es. Dadurch bewegt stieß er sich von der Tür ab, um sie genauer zu betrachten.
“Lebensgefahr!” stand in großen roten Lettern dort geschrieben. “Hochspannung!” Darunter war ein rotes Dreieck mit einem Blitz darin.
“Nein!”, stieß er aus, als sein Blick darauf fiel. Sein Gesicnt war zu einer Fratze verzerrt, wie er auf das Pictogramm starrte, die Hände, zu Klauen verbogen, abwehrend gegen die Türe streckte. Noch von seinem langen Lauf erschöpft, wankte er in die Gasse hinein.
Sie mündete in eine größere Straße. Als formloser Brei wälzten sich Passanten zu beiden Seiten der Straße über die Gehwege. Gesichter wie aufgeweichte Pappfetzen trieben auf ihm. Er stand inmitten des Gedränges, umspühlt, umströmt. Menschen, die er nicht kannte, rempelten ihn an, murmelten irgendetwas in sich hinein, hasteten weiter. Gesichter tauchten auf, trudelten eine Weile auf der Oberfläche, versanken, kamen noch einmal kurz nach oben, ehe sie an ihm vorübertrieben.
Sein Traum ergoß sich mit unheimlicher Stärke in seinen Geist. Er war eine Welle, die ein Kanu zerschmettert, daß sich zu weit hinaus auf die See gewagt hatte. Erstarrt stand er in dem Brei der Menschen und durchlebte es nocheinmal.
Er sah diesen Ort. Nein, nicht genau hier, doch es war diese Straße, die er sah. Das Bild verschwand. Nun sah er sich selbst. Er war klein wie eine Ameise und eine große Gestalt stand über ihm. Die schwarze Kutte, die sie trug, schlackerte um die dünnen Glieder. In der einen Hand, die nur noch Knochen war, hielt sie eine alte Sense. Ihr Holz war ausgeblichen, als hätte sie Jahrzehnte an einem Strand gelegen. Ihre Klinge war dünn und hohl. Sie mußte schon sehr oft gewetzt worden sein. Sie blitzte und funkelte. Unter der schwarzen Kapuze grinste ein leerer Schädel vor sich hin. Aus den Augenhöhlen in dem Schädel schoß ein Blitz. Er kringelte sich durch die Luft, durchbohrte schwarze Gewitterfronten, die plötzlich die Gestalt umwallten und traf ihn. Der Schädel unter der Kapuze verwandelte sich in das Gesicht einer alten, runzligen Frau. Einer sehr zornigen alten, runzligen Frau.
Dann war da etwas sehr großes, buntes. Dann nur noch endlose Schwärze und ein grinsender Totenschädel mit einer Sense, die aus einer seiner Augenhöhlen ragte. Und Blitze, immer wieder Blitze.
Wie Nebelschwaden lösten sich die Traumbilder in seinem Bewußtsein auf. Geschockt stand er in der Menge, die ihn unverändert umbrandete. Ein dumpfes Grollen ertönte. Sein Blick schoß gen Himmel. Schwarze Wolken krochen über ihn wie ein böses Omen. Panik packte ihn mit eisiger Hand. Ziellos begann er, sich durch die Menge zu arbeiten. Vor seinem Inneren Auge sah er Blitze von den Wolken herabstechen, sah wie die strahlenden Lanzen ihn trafen und durchbohrten. Tod harrte auf ihn und er wußte es.
Wenn er aber vor dem Gewitter geschützt wäre, wie könnte er dann durch einen Blitz getötet werden? Andererseits war das, was er gesehen hatte, eine Vision der Zukunft. Und der Zukunft konnte man nicht ausweichen. Wich man ihr aus, so würde es genau dieses Ausweichen sein, das genau die gesehene Zukunft eintreffen ließe.
Trotzdem irrte er in zielloser Hast durch die Straße, wühlte sich durch die Massen der Leiber. Irgendwann endlich fand er einen Hauseingang, der rechts von dem Gehsteig abzweigte. Müdigkeit kam über ihn und so drückte er die Tür auf, kauerte sich in die kalte Leere der Diele und schlief ein.
Ein dumpfes Pochen weckte ihn. Draußen rauschte Regen und Donnern dröhnte. Er öffnete die Augen. Der Gang, in dem er hockte, war jetzt in das gelbe Licht von Glühlampen getaucht, nicht in den blauen Dämmer, der durch die Türscheibe hereingeschimmert hatte, als er hereinkam. Die Milchglasscheibe war jetzt dunkel. Er mußte sehr lange geschlafen haben. Sein Blick wanderte, fiel auf ein Paar ausgetretene Pantoffel, die vor ihm standen. Zwei Füße staken darin, an denen zwei nach außen gewölbte Beine hingen. Schlottrige Hasen baumelten lose an ihnen herab. Noch weiter oben saß ein entrüstetes Greisengesicht auf einem dünnen, faltigen Hals. Zornige, wässrige Augen flackerten in bleichen Zügen. Ein fadenscheiniger Bart hing dem Greis bis auf die Brust herab. Er stützte sich auf einen Stock. Mit diesem stieß er immer wieder auf den hölzernen Dielenboden.
“Hier wird nicht geschlafen, Junger Mann!” krächzte der Alte. “Raus hier!” Mit dem Stock wedelte er in Richtung Tür. Er wankte, als er sich nicht auf seinen Stock stützte. “Loslos!” Das Flackern, Zittern in den Augen des Alten wurde stärker, sein ganzer Kopf wackelte auf dem Besenstil von Hals hin und her, seine Mundwinkel bebten, die Wangenmuskel arbeiteten.
Aus Angst, der Greis könnte einen Herzanfall bekommen, rappelte sich der Träumer auf und schlurfte nach draußen. Klirrend schlug die Tür hinter ihm zu. Er stand im Dunkeln. Regen peitschte ihm ins Gesicht. Ein Blitz zuckte über den Himmel, tauchte alles in gleißende Helle. Er fuhr zusammen. Die Erinnerung seines Traumes kehrte zurück. Doch er konnte nicht ewig hier stehenbleiben. Und schließlich war es nur ein Traum gewesen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er sich von der Türe wegstemmte und auf die Straße hinaustaumelte.
Seine Augen hingen an dem Himmel, der von Blitzen wie von einer monströsen Kralle zerfetzt wurde, die die Realität von hinten her aufschlitzte. Dort, wo die messerscharfen Klauen den dünnen Stoff zwischen den Welten zerriß, schien die andere Welt in ihrer blendenden Helle hindurch. Einer dieser Risse würde ihn treffen und ihn in die andere Welt reißen.
Er hatte zuviele Märchen gelesen. Sonst wäre er nie auf diese idiotische Idee gekommen, daß er das zweite Gesicht hätte. Der Hund, sein Vater… all das waren nur dumme Zufälle gewesen. Er hatte irgendetwas geträumt und dann hatte er es so ausgelegt, daß er hatte denken können, daß er alles schon vorher yewußt hätte. Ja, genau. Schließlich wußte er nicht, daß sein Vater den Unfall haben würde. Erst im Nachhinein war ihm die Parallelität aufgefallen.
Er hörte ein Scheppern. Er drehte sich um, konnte allerdings nichts erkennen. Einen Augenblick später kollidierten zwei Wagen miteinander. Wieder eilte er blind durch die Menge. Sein Blick war nach oben gerichtet, beobachtete schreckgea+eiteten Auges die Blitze.
Er stolperte. Der Länge nach fiel er hin. Auf jemanden drauf. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, half er der Person hoch, die er umgeworfen hatte.
Seine Hände legten sich um ihre Taille. Er fühlte Fett. Wie dicke Ringe legte es sich um die Hüfte der Person.
“Vergewaltiger! Triebtäter!” schrie plötzliche eine schrillem krächzende Stimme. Ihr Ursprung schien das zu sein, was er in seinen Armen hielt. Wie die Kannonade der Stalinorgel brach Gezeter daraus hervor. Instinktiv ließ er los. Der Körper klatschte zuerst auf den nassen Gehweg zurück, dann wand er sich empor. Er wirkte dabei wie ein Käfer, den jemand aus reinem Vergnügen auf den Rücken gelegt hatte. Endlich hatte er es geschafft, sich aufzurappeln.
Die Frau stand zitternd vor ihm. Sie mochte gute Sechzig sein, vielleicht auch älter. Ihre Gestalt war aufgedunsen, nur ihr Gesicht war nicht sehr fett. Wie eine zu klein geratene Murmel auf dem Leib eines Schneemanns wirkte es. Es war runzlig, alt und von Wut verzerrt. Sabber trof aus einem Mundwinkel, sprühte ihm entgegen, als sie wieder zu zetern begann. Sie kramte in ihrer pinkenen Handtasche herum, in der einen Elephanten zu verstecken keine Probleme bereiten würde, während sie in einem Fort “Lüstling!”, “Vergewaltiger!”, “Sittenstrolch” und “Verbrecher!” kreischte. Er hingegen stand einfach da und wußte nicht recht, was tun.
Die Alte fand, was sie gesucht hatte. Mit einem triumphierenden Grinsen auf ihrem hässlichen Gesicht holte sie ein kleines schwarzes Kästchen aus ihrer Handtasche, deren Geschmacklosigkeit durch nichts zu überbieten war.
“Nimm dies, Schurke!” kreischte sie, daß ihr fetter Busen nur so wabbelte. Sie richtete das Kästchen auf ihn.
“Nein!” schrie er, als er erkannte, daß es ihr Gesicht gewesen war, in das sich der Schädel unter der schwarzen Kapuze verwandelt hatte. Doch zu spät. Aus dem Kästchen, einem Elektroschocker, schoß ein winziger Blitz und traf ihn. Schmerz explodierte in ihm, lähmte alle seine Nerven. Er taumelte zurück, fiel durch die sich öffnende Menschenmasse, stolperte auf die Straße hinaus.
Licht stach in seine Auge, die ihm kein klares Bild geben wollten. Dann raste etwas auf ihn zu. Ein Lastwagen. Ein bunt bemalter. Er hörte das Dröhnen der Hupe, das Quitschen der Bremsen. Dann gab es einen dumpfen Aufprall. Er spürte gar nichts. Eben hatte er noch die unscharfe, bunte Masse gesehen, die sein ganzes Blickfeld einnahm, dann nur noch Schwärze.
Für einen Moment stand der Brei der Menschen auf dem Gehweg still, staute sich, gaffte auf den verstümmelten Leichnam, dessen Blut auf den Asphalt sickerte. Dann bewegte sie sich weiter wie ehedem.
Es gibt eine Menge Leute, die meinen, ich hätte eine kranke Phantasie. Sarah ist eine von ihnen, Sandra eine andere. Ihnen ist diese Geschichte gewidmet. Warum? Woher zum Teufel soll ich das wissen?
Sie hob den Arm kurz zum Abschied, ließ ihn wieder fallen. Das Motorrad gab spuckende Geräusche von sich, blauer Qualm kroch aus dem rostigen Auspuff Es fuhr an und wurde vom Nebel und der Dunkelheit verschluckt. Immer leiser wurde das Brummen, bis es ganz verebbte. Mit insektenhaftem Summen flackerte die Neonlampe vor sich hin, beleuchtete die nasse Straße mit unwirklichem Licht.
Das Mädchen stand einsam vor der abbröckelnden Wand, schaute in den Nebel, worin das Motorrad verschwunden war. Sie hatte ihm gesagt, daß er sie hier absetzen solle. Von hier waren es nur einige hundert Meter bis zu ihrem Zuhaus. Es war kalt, naßkalt. Feiner Niesel schien von überall her zu kommen, kroch unter die Kleidung. Von dem nahen Fluß trieb ein leicht fauliger Geruch herüber. Irgendwo in der Ferne läutete eine Glocke. Vier helle Schläge zuerst, die vom Nebel halb verschluckt an- und abschwollen, dann zwölf lange, dunkle. Sie dröhnten mit beängstigender Klarheit herüber, durchdrangen den Nebel, schienen in ihm ihr eigenes Echo zu finden. Sie schob die Hände in die Taschen ihrer Jeans, zog die Schultern ein wenig nach oben und schlenderte von der Wand weg in die Gasse hinein.
Gelangweilt stieß sie einen kleinen Stein mit dem Fuß an, der vor ihr auf dem Asphalt lag. Er hüpfte, sprang und rollte schließlich in eine Pfütze hinein, Wellen zerbrachen das Spiegelbild auf dem Wasser, eine alte Neonreklame für eine Gaststätte. Kein Auto parkte hier in der verfallenen Gasse, kein Mensch zeigte sich ihrem Blick. Ein frostiger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie nahm die Hände aus den Hosentaschen, zog ihre dünne Jacke enger um sich. Bald würde sie Daheim sein, geborgen. Sie würde unter die warme Decke ihres Bettes kriechen, sich hineinkuscheln und sofort einschlafen, denn sie war müde.
In der Gasse gab es keine Straßenlampen. Das einzige Licht kam von den Neonlampen, die ständig über den Laderampen der Lagerhallen brannten. Allesamt waren sie alt und hätten schon längst ausgewechselt werden müssen, sie flackerten und brummten, als wären sie lebendige, pulsierende Wesen, angekettet, gefangen, um die Rampen zu beleuchten, doch nicht gezähmt. Sie lächelte, schüttelte ihren Kopf. Solche Gedanken gingen ihr manchmal durch den Geist.
Etwas fauchte und schoß vor ihren Füßen über den Asphalt. Sie fuhr zusammen, ihr Blick zuckte hierhin, raste dorthin. Es mauzte und mit aufgerichtetem struppigen Schwanz kam ein schwarzer Kater daherstolziert. Er trug etwas in seinem Maul. Das Mädchen seuftzte erleichtert, ließ sich in die Knie hinab, streckte ihre Arme dem Tier entgegen.
“Komm her, du Strolch!” flüsterte sie. “Herumtreiber! Was machst du hier?” Der Kater schnurrte, kam näher, rieb sich an dem Stoff ihrer Jacke und ließ sich hochnehmen. Sein rechtes Ohr war nur noch ein Fetzen, doch sein Fell glänzte seidig und er schien wohlgenährt. Sie mochte Katzen. Und Katzen mochten sie. Er schnurrte, als sie ihn zärtlich zwischen den Ohren kraulte. Seine grünglimmenden Augen schlossen sich und seine ganze Gestalt drückte unendliches Wohlbefinden aus. Er streckte sich, alle Viere streckte er von sich, so weit es ging, fuhr die Krallen probehalber aus und wieder ein, gähnte aus geradezu menschliche Weise, rollte die Zunge auf und wieder ab, ließ seinen Schwanz peitschen und rollte sich schließlich in den Armen des Mädchens zusammen, daß ihre Wange an sein warmes, weiches Fell schmiegte. Sie lächelte entrückt in sich hinein, murmelte, daß sie noch ein Schälchen Milch für solch alte Herumtreiber wie ihn hätte, und kraulte den Kater wieder zwischen den Ohren, was dieser mit einem gemächlichen Schnurren beantwortete. Sie ging weiter. Unter ihren Füßen zerknirschten die winzigen Knochen der Maus, die der Kater hatte liegen lassen. Ihr graues, blutberschmiertes, zerbissenes Fell riß auf, Gedärme und Blut quollen heraus. Das Mädchen merkte von alledem nichts. Das Schmatzen und Schnalzen unter ihrer Sohle unterschied sich kaum von dem Geräusch, das entstand, wenn man in zähen Schlamm tritt.
Irgendwo klirrte es. Funken stoben über die Straße, verglommen wie sterbende Glühwürmchen. Dort, wo eben noch das unstete Flackern einer Leuchtstoffröhre gewesen war, herrschte jetzt völlige Finsternis. Der Geruch von Ozon und verbranntem Gummi hing in der feuchten Luft. Der Nebel schien sich zu verdichten. Schritte wie von Kinderfüßen trippelten verstohlen, verstummten wieder. Ein weiteres Mal erklang ein Klirren, eine weitere Neonlampe erlosch. Jetzt brannte im näheren Umkreis nur noch eine einzige. Ihr Licht wurde vom dichten Nebel fast völlig verschlungen. Nur ein mattes Leuchten erhellte die Düsternis, spiegelte sich in den zahlreichen Pfützen, die wie blinde Augen wirkten.
Kleine Füße trippelten. Sie kamen näher. Das Mädchen zitterte. Nicht nur von der nassen Kälte. Ihre Gestalt hatte sich verkrampft, sie klammerte sich an den Kater, der in ihren Armen lag, preßten ihn an ihr Herz, als erhoffe sie sich Beistand von ihm. Doch dem Kater schien das gar nicht zu behagen. Seine Augen öffneten sich, glommen grün in der Dunkelheit. Er gab ein quengelndes Geräusch von sich, bewegte und wand sich unter ihrer Umklammerung. Seine Tatzen fuhren über die Unterarme des Mädchens, hinterließen rote Striemen, aus denen langsam Blut sickerte. Endlich ließen die Hände los, der Kater fiel, kam auf die Pfoten und stob mit heiserem Gefauche davon.
Das Mädchen fühlte sich nun um so einsamer. Die Furcht kletterte aus dem Bauch die Speiseröhre hinauf, setzte sich in ihrem Halse fest. Ein Wimmern drang aus ihrer Kehle. Ihre Hände krallten sich umeinander, daß die Fingerspitzen weiß waren. Den Kopf hatte sie zwischen die Schultern gezogen. Die Schritte kamen weiterhin näher. Aus dem Nebel löste sich eine kleine Gestalt. Sie war kaum zu erkennen, denn das Licht der letzten Lampe war hinter ihr. Fast wirkte sie wie ein grässlicher Kobold, ein schrecklicher Zwerg, ein blutrünztiger Gnom.
Irgendwo flammte aus irgendeinem Grunde eine weitere Lampe auf, warf ihren Schein auf den Kobold.
Das Mädchen seufzte. Die Gestalt entpuppte sich als ein etwa sechsjähriges Kind. Nichts Unheimliches war mehr an ihm, obwohl ihr weiterhin kalte Schauer über den Rücken rannen. Aber das lag wohl an der Kälte und am eisigen Niesel. Der Junge trug einen etwas verschlissenen Anorak. Auf seiner winzigen Nase saß eine gigantische Brille, die seine Augen vergrößert erscheinen ließen. Dies, zusammen mit dem maulwurfsartigen Gesicht, erweckte einen Eindruck von Hilflosigkeit. Das Mädchen lächelte, nahm die Hand des Kleinen, der wirkte, als wüßte er nicht so recht, was er eigentlich hier sollte.
“Was machst du denn hier? Wo sind deine Eltern?” fragte sie freundlich. Der Junge schaute sie an. Seine Augen waren stumpf und stierten. Wenn er woanders hinblickte, bewegte er den ganzen Kopf, anstatt nur die Augäpfel. “Wo wohnst du denn? Was machst du hier so allein?” Der Mund des Kindes verformte sich zu soetwas wie einem Lächeln. Zwischen seinen Lippen kam eine Zahnspange zum Vorschein, glitzerte im Licht der neuentflammten Lampe.
“Kannst du mich verstehen? Was ist mit dir?” Die Stimme des Mädchens klang besorgt. Sie schüttelte den kleinen Jungen. Seine Arme schlackerten umher, als wäre er eine Gliederpuppe.
“Ich habe Hunger”, sagte das Kind mit einer tonlosen Stimme. Zugleich begann es zu grinsen. Es war kein kindliches Grinsen. Es war das Grinsen eines Psychopaten. Eines Psychopaten, der zugleich seine eigene Genialität wie auch die Dummheit und Naivität seiner Opfer begrinst. Die pummeligen Arme des kleinen Jungen schossen nach oben, seine Hände krallten sich in ihre dunklen Haare. Sie schrie erschrocken auf, ihre blauen Augen weiteten sich.
Der Kleine grinste hämisch. Mit einer Kraft, die nicht in einem solch jungen, unausgewachsenen Körper stecken konnte, riß er ihren Kopf zurück. Seine Lippen glitten auseinander, zogen sich von den Zähnen wie bei einem zubeißenden Hai. Die Zahnspange glitzerte und flimmerte im Neonlicht wie ein kostbares Diadem.
Sie begann sich zu bewegen. Zuerst schien es, als wäre es nur ein Spiel der Schatten, dann, als kröchen Maden darüber. Metallne Maden. Schließlich schossen unzählige von Metallschlangen und -Drähten aus ihr heraus und in das Gesicht des Mädchens. Sie stachen in die zarte Haut ihrer Wangen, in das Weiß ihrer Augen, krochen unter die Haut, daß es schien, als bewegten sich Würmer unter dem Fell eines verwesenden Aases. Schlürfen und Schmatzen erklang. Der Leib des Mädchens bebte und zitterte, bäumte sich auf. Ihr Mund war im stummen Klageschrei erstarrt. Ein dickes Bündel von metallnen Kabeln ragte aus der Spange dort hinein.
Dann war es vorbei. Mit einem einzigen schleimigschmatzenden Geräusch verschwanden alle Auswüchse wieder in ihrem Ursprung, der Spange. Der Junge ließ der Kopf des Mädchens los und sie fiel auf die Straße wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Blut bedeckte seine Lippen und er leckte darüber, bis es verschwunden war. Er grinste. Dann erscholl ein lautes, unbeherrschtes Rülpsen. Es drang aus dem Mund des Kindes in dem zerschlissenen Anorak.
Schritte donnerten beängstigend schnell durch die Gasse. Der Junge schlug sich die Hand vor den Mund, als sein Bäuerchen beendet war. Er sah irgendwie schuldbeurußt aus, wie er da in der Gasse stand und auf die Leiche des Mädchens herabsah.
Die Schritte kamen näher. Eine Gestalt schoß furiengleich aus dem Nebel. Sie war eine Frau, lange Haae wehten in einer plötzlichen Böe. Ihre Augen flackerten zornig, als sie auf das Kind zuschritt, ausholte und ihm eine schallende Ohrfeige gab. Ihrem Echo machte es hörbar Spaß, zwischen den Gassenwänden hin und her zu springen und so die absonderlichsten Variationen von sich zu erzeugen. Die Frau baute sich vor dem Jungen auf, stemmte ihre Hände in die Hüften.
“Söhnchen! Söhnchen!” keifte sie. “Wie oft habe ich dir schon gesagt, daß du nicht nach dem Essen rülpsen sollst?!” Und noch eine Ohrfeige dröhnte durch die Gasse. Sie nahm den Kleinen an der Hand und schleifte ihn hinfort. Der Nebel verschluckte sie, ihre Schritte wurden leiser und leiser und verschwanden schließlich ganz.
“Vati, ich möchte heute Kartoffelbrei essen.”
“Heute gibts keinen Kartoffelbrei!” sagte die Stimme des Vaters bestimmt.
“Warum nicht?”
“Senfsoße und Kartoffelbrei schmecken nicht zusammen!”
“Sie schmecken aber doch! Ich hab das schon mal gegessen.”
“Sie schmecken nicht!”
“Mami!”
“Was ist denn, mein Schatzi?” tönt die Stimme der Mutter. Sie kommt herbei, ihre Hand legt sich liebkosend auf des Sohnes Kopf.
“Schmecken Senfsoße und Kartoffelbrei und Eier nicht zusammen?”
“Natürlich schmecken sie!” (Mutter ab)
“Pappi?”
“Was ist?” Zornig ist die Stimme des Alten, der am Kochtopfe steht.
“Gibts heute Kartoffelbrei?”
“Nein!”
“Warum nicht?” Trotzig, fast zornig ist die Stimme des Kindes.
“Es gibt Kartoffeln und damit basta!”
“Aber warum denn nicht?”
“Dann kaufst du das nächste Mal Kartoffeln!” Die Stimme des Alten ist schon fast weinerlich. Er scheint sich zu ängstigen, daß er die Autorität verliert.
“Aber für den Brei braucht man doch weniger Kartoffeln, als wenn man sie nur kocht.”
“Und der ganze Abwasch? Die ganzen Töpfe? Wer macht das?” Der Alte heult fast.
“Wir haben doch einen Geschirrspüler. Und wenn du willst, wasche ich ab, Pappi!” ertönt freudig die Stimme des Jungen.
“Ich mache keinen Kartoffelbrei, basta!” Der Alte scheint tatsächlich zu heulen. Tränen rollen ihm aus den Augenwinkeln, wie er da an der Spüle steht und Salatblätter reinigt.
“Aber… “
“Sei ruhig!” Die Stimme des Alten kippt über, Tränen sprühen inm von den Augen.
“Aber Karto…”
“Sei ruhig, oder…” Der Alte keift. Seine Stimme schlägt über, schrillt in den höchsten Tönen, Schaum quillt aus dem Munde.
“Aber…” Der Alte greift das Hackmesser und schlägt zu. Der tote Leib des Sohnes sackt zu Boden, Blut strömt aus der klaffenden Wunde in seinem Kopf, eine rote Lache bildet sich auf den Fliesen, während die Zeit langsam vergeht. Der Alte watet in seines Sohnes Blut, geschäftig eilt er von Topf zu Topf, prüft, ob die Kartoffeln gar sind. Schließlich trägt er drei Gedecke auf – dabei über die Leiche steigend – und ruft die Mutter zum Essen. Er setzt sich an den Tisch und als ihre Stimme aus der Diele tönt, was es denn nun gäbe, gibt er freudig Antwort: “Senfeier und Kartoffeln!”
[Copyright by Norman Liebold, 1995]
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[Norman Liebold,
12.05.1995 |
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Christian Puschmann sagt am
23. August 2008
Hallo Norman, der Name Norman Liebold ist ja nicht so alltäglich. Handelt es sich bei Dir um den Norman Liebold, der auch mal in Bad Düben wohnte und jetzt um die 31 Jahre alt sein müsste?!?! |
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Norman Liebold sagt am
31. August 2008
Hallöchen Christian, in der Tat, das ist ja wirklich eine Überraschung! Das ist ja schön, von Dir zu hören! (Mail ist unterwegs) Beste Grüße, der Norman |
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