Dichterbrand – 2. Kapitel | Norman Liebold - Buch, Bühne, Buchkunst | Sektion: Schmökerecke

Auszüge aus: Liebold, Norman: Dichterbrand. Ein Siebengebirgs-Krimi. Leipzig 2008.
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Zweites Kapitel

„Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?”

Die Frau – Ende Fünfzig, Anfang Sechzig – wirkte noch aufgelöster als am Telefon. Irgendwie gelang es Quirin, sie aus dem nassen Mantel zu schälen und ins Wohnzimmer zu komplimentieren. Sie mit dampfender Teetasse in den Sessel zu bugsieren, hatte etwas davon, ein aufgescheuchtes Huhn in den Stall zurück zu bekommen. Nicht ohne einen gewissen Stolz registrierte er, wie die Atmosphäre seines Wohnzimmers ihre Wirkung tat: Das angenehm weiche Licht der Öllampen, das Knistern des Feuers im Ofen, die gediegene Einrichtung. Die Frau entspannte sich langsam und streckte nach einer kleinen Weile die Füße gegen den Ofen hin aus, ohne sich dessen recht bewusst zu sein.

„Ich bin Herr Hundtemann”, erklärte er und streckte die Rechte zur etwas verspäteten Begrüßung aus.

„Hertha Beckmann”, antwortete sie. Ihre Hand zitterte merklich. Quirin hatte selten einen so verunsicherten Menschen erlebt, fast wollte es ihm übertrieben erscheinen. Er versuchte, sich an die Art und Weise zu erinnern, in der Sherlock mit seinen Klienten umzugehen pflegte, setzte sich in seinen Sessel, legte die Fingerspitzen aneinander und fragte mit betont ruhiger Stimme: „Nun, Frau Beckmann, was führt sie zu mir?”

„Mein Sohn…”, begann sie, verhaspelte sich aber sofort, zupfte umständlich ein Taschentuch aus den Tiefen einer riesigen schwarzledernen Handtasche und schnäuzte sich schon fast unanständig laut. „Verzeihen Sie, es ist alles noch so frisch…” Quirin nickte gemessen. Er kam sich gänzlich fehl am Platze vor. Trotzdem: Die Frau wollte erzählen, das war sehr deutlich zu merken, man musste ihr nur die Möglichkeit geben. Zumindest diesen Gefallen konnte er ihr erweisen: „Bitte, erzählen Sie mir die wesentlichen Tatsachen von Anfang an, und anschließend möchte ich Sie zu den Einzelheiten befragen, die mir als die wichtigsten erscheinen”, erklärte er in der Gestik und den Worten, die ihm in den letzten Jahren so vertraut geworden waren.

„Vorige Woche gab es einen schrecklichen Vorfall, bei dem mein Richard ums Leben kam”, begann sie, und Quirin fühlte seine Brust eng werden. Auf was hatte er sich da eingelassen? Er hielt jedoch die Finger aneinandergelegt und versuchte, mit ruhiger, gelassener Miene in das Flackern hinter der Scheibe des Ofens zu schauen. Ein Klient ist nicht mehr als eine abstrakte Einheit, ein Faktor in einem Problem. Gefühlsregungen sind dem klaren Denken feind. Versuchte er sich Holmes Regel vor Augen zu halten und seine Empfindungen außen vor zu lassen. Frau Beckmann fuhr fort: „Er ist verbrannt, müssen Sie wissen, und es ist…” – sie unterbrach sich, um zu schnäuzen – „so gut wie nichts übrig geblieben. Mein Sohn ist – war – Schriftsteller, müssen Sie wissen.”

Einen winzigen Moment lang verspürte Quirin die Frage, ob ihrer Meinung nach Schriftsteller besonders gut brannten. Er verstand selbst nicht, woher der Sarkasmus plötzlich kam – angesichts einer Mutter, die gerade ihren Sohn verloren hatte, war das doch sehr unpassend. Es gelang ihm, die seltsamen Assoziationen wegzudrücken und mit gesenkter Stimme zu fragen, wie es geschehen sei.

„Ich weiß selbst nichts genaueres”, erklärte sie und nahm einen Schluck Tee. „Die Feuerwehr konnte nichts mehr tun, und die Sachverständigen reden von einem Unfall.” Sie stellte die Tasse ab, beugte sich ein wenig vor und sagte mit gesenkter Stimme: „Aber ich glaube nicht, dass es ein Unfall war – mein Richard, der war immer vorsichtig. Und so ordentlich. Das war kein Unfall, nie im Leben!” Sie starrte ihn an und wartete offensichtlich auf die Bestätigung, dass ihr Sohn nicht nur der wunderbarste Mensch auf dem Planeten war, sondern niemals einen Fehler gemacht haben konnte.

„Sie haben mir noch nicht einmal etwas Genaueres über diesen Brand gesagt. Weder, wo er stattgefunden hat, noch was abgebrannt ist, noch, wieso Ihr Sohn hat darinnen verbrennen können – war es zuhause, auf Arbeit, irgendwo sonst?” wurde Quirin ungeduldig und riss sich im selben Moment zusammen. Wenn er etwas brauchte in diesem Job, notierte er sich auf einen inneren Merkzettel, dann Geduld – wer sonst würde ihn aufsuchen als entweder verzweifelte Menschen, denen die Polizei nicht mehr helfen konnte und ratlos alle Rationalität verloren hatten. Oder aber ausgemachte Spinner mit paranoiden Wahnvorstellungen. Wer sonst würde sich an einen Privatdetektiv wenden, der für seinen Beruf nicht mehr brauchte als einen Gewerbeschein für zwanzig Euro? Weder Ausbildung, noch eine polizeiliche Erlaubnis, ja, der im Grunde nicht mehr und nicht weniger machen durfte als jeder normale Bürger auch? Noch dazu einer, der nicht die geringsten Empfehlungen erfolgreicher Fälle aufzuweisen hatte und obendrein ausgerechnet Quirin Hundtemann hieß. Der heilige Quirin mochte vorzüglich gegen Fisteln und Geschwüre und gegen die Blattern helfen, aber abgesehen davon nur gegen Kopf- und Hirnschmerzen, und das auch nur dann, wenn man aus seiner versilberten Hirnschale trank. Und es lag ihm – Arge hin oder her – gänzlich fern, diese Frau aus seiner Hirnschale schlürfen zu lassen. Er konnte sich nicht helfen, aber es gelang ihm nicht, echtes Mitleid für die sie zu empfinden und er fühlte sich wie ein gefühlloses Ekel. Möglicherweise blockte er aber auch einfach ab. Er riss sich zusammen und bemühte sich um Professionalität. Vielleicht war die sprichwörtliche zynische Gefühlskälte von Holmes ja einfach ein Zeichen von Professionalität – ‚Sie sind ein richtiger Automat, eine Rechenmaschine! Zuweilen haben Sie etwas entschieden Unmenschliches an sich.’ Hatte Watson Sherlock einmal vorgeworfen.

„Sie müssen mir schon etwas mehr erzählen, Frau Beckmann”, fuhr er mit ruhiger Stimme fort, „damit ich mir ein Bild machen kann.”

„Natürlich, natürlich”, nuschelte die Frau und zupfte an der Lehne des Sessels herum. „Entschuldigen Sie bitte.” Sie setzte sich ein wenig aufrechter hin und bemühte sich sichtlich, ihre Gedanken zu ordnen. „Mein Sohn lebte auf einem dieser Plätze für Campingwagen, wissen Sie?”

„Eine Wagenburg? Für Aussteiger und Punks?”

Die Frau schaute ihn fast schon entsetzt an. „Nein, natürlich nicht! Das ist ein ordentlicher Platz, da zahlt man auch Pacht und nistet sich nicht einfach ungefragt ein! Es sind alles brave Bürger da, die ihre Wochenenden und ihre Ferien in Ruhe verbringen wollen.” Das Bild in Quirins Kopf kippte von einem Bauwagen-Lager mit Feuerstelle in der Mitte und kreuz und quer gespannten Wäscheleinen zu einem akkurat von Jägerzäunen in Parzellen eingeteiltes Refugium für Plastik-Gartenzwerge. Er nickte. „Das ist ja eigentlich nicht ganz erlaubt, wissen Sie, wenn man da so richtig wohnt, aber er war ja bei mir gemeldet, nicht? Und es ist halt viel billiger, bei den Mieten heute…” Sie hatte sich verhaspelt und schaute ihn etwas ratlos an. Er lächelte ihr aufmunternd zu, und sein Gesicht fühlte sich an wie eine Maske aus steifem Gummi. „Jedenfalls”, nahm sie den Faden wieder auf, „er hatte da seinen Wohnwagen stehen. Mit einem Vorzelt davor, verstehen Sie, aber das war natürlich nicht einfach so ein Vorzelt, das war richtig ausgebaut, mit Heizung und allem. Da war es sogar im Winter richtig warm…” Quirin bemerkte, dass seine Finger auf der Sessellehne angefangen hatten, ungeduldig zu trommeln. „Das funktionierte alles mit Gas, Heizung, Kochen, das alles. Mit Flaschen. Richard hatte drei Stück im Wagen. Die Feuerwehr sagt, dass wahrscheinlich eine Leitung undicht war. Und dann hat es eine Explosion gegeben, und alles hat gebrannt, und Richard…” Frau Beckmann brach in Schluchzen aus.

Quirin saß hilflos in seinem Sessel und sah auf ihre Schultern, die haltlos zuckten. Das ganze Bild war sehr weit entfernt von ihm und kam ihm merkwürdig vor: die zwei Petroleumlampen mit ihren grünen Schirmen, die riesigen grünsamten Ohrensessel, der Ofen mit dem gelbroten Flackern hinter dem Glas – er, Quirin Hundtemann, frischgebackener Literaturwissenschaftler und sozialschmarotzender Möchtegerndetektiv. Und die fremde Frau mit graumeliert dauergewelltem Haar, die in seinem Wohnzimmer saß und mit lauten, schmerzhaften Geräuschen weinte. Er ließ sie weinen und legte ihr eine Packung Taschentücher auf den Tisch. Und wartete. Nach einer Weile bat sie schniefend um Entschuldigung und fuhr mit erstickter Stimme fort: „Als alles heruntergebrannt war, hat man in den Resten seine Leiche gefunden und mich benachrichtigt. Unfall oder Selbstmord, das haben sie mir gesagt. Selbstmord! Mein Richard!”

Neben der Trauer kam jetzt ein Ausdruck der Entrüstung auf ihr Gesicht. „Und wissen Sie noch was? Schauen Sie sich diese Frechheit an!” Frau Beckmann kramte in der Unglaublichkeit ihrer Handtasche und zog eine Ausgabe der Schnüss hervor, dem Bonner Stadtmagazin. Sie blätterte und schob Quirin das aufgeschlagene Journal über den Tisch. Mit energischem Zeigefinger tippte sie auf einen einspaltigen Artikel im Feuilleton, überschrieben mit „Verbrannte Autoren stinken nicht”. Quirin las:

„Kennen Sie Richard Beckmann?

Nein?

Ich bis gestern auch nicht. Ob man ihn kennen sollte, überlasse ich dem Auge des Betrachters. Jedenfalls ist jetzt erwiesen, dass er kein unsterblicher Autor sein kann: Anstatt seine Werke zu verbrennen, wie es große Schriftsteller zuweilen über ihren literarischen Nachlass verfügen, hat er es offensichtlich vorgezogen, sich diesem Schicksal Höchstselbst zu unterziehen: Der sowohl junge wie auch weitgehend unbekannte Autor verbrannte in der zweiten Septemberwoche in seinem Wohnwagen im Siebengebirge.

Es wird von einem Unfall ausgegangen. Wenn Sie allerdings mich fragen, so kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Beckmann sich selbst in die Luft gejagt hat. Vielleicht konnte er seine luxuriösen Wohnverhältnisse nicht mehr mit seinen in Kleinstauflagen verbreiteten literarischen Ergüssen finanzieren. Bei den Bedingungen, die die Literaturindustrie jungen Autoren stellt, wäre das ebenso verständlich wie die verzweifelte Idee, mit einem solch dramatischen Schritt zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken -bekanntlich wird man ja erst nach seinem Tod berühmt. Wenn Sie sich für das Oeuvre des gebrannten Richard interessieren, können sie sich auf unserer Webseite informieren. Vielleicht sind die Sachen ja jetzt so richtig – heiß.”

Quirin ließ das Magazin sinken. „Das ist in der Tat ein ziemlich geschmackloser Nachruf”, musste er zugeben.

„Ziemlich geschmacklos?” Frau Beckmann nahm das Journal. „Das ist nicht nur beleidigend… diese Frau unterstellt meinem Richard obendrein in aller Öffentlichkeit, dass er sich umgebracht hat! Nicht nur, Herr Hundtemann, dass man nicht schlecht über Tote reden sollte” – sie kämpfte gegen erneute Tränen an, die ihr in die Augen schossen, und ihre Stimme ging in einem Schluchzen unter. Als sie sich wieder gefangen hatte, blickte sie Quirin aus rotgeweinten Augen an. „Ich möchte”, sagte sie, „dass Sie den Tot meines Sohnes untersuchen. Beweisen Sie, dass er sich nicht selbst umgebracht hat, zeigen Sie, dass es kein Unfall war.” Ihre Stimme steigerte sich und war voll von Hass. „Bringen Sie mir den Verantwortlichen!”

Quirin schenkte sich Tee ein, goss Milch hinzu und hielt sich dann an der Tasse fest. Er starrte in die wirbelnden Wolken, als könnten sie ihm irgendeine Antwort geben. Er spürte den Blick der Frau, blickte aber weiter in seinen Tee. Langsam sagte er: „Hören Sie, Frau Beckmann. Ich fürchte, Sie machen sich ein ganz falsches Bild von mir. Ich bin…”, er unterbrach sich und schaute sie an, „ich bin nicht unbedingt das, was sie sich unter einem Privatdetektiv vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich wirklich geeignet bin… ich bin mehr ein… Geisteswissenschaftler, wissen Sie?”

Das Gesicht der Frau entgleiste, fast wirkte es übertrieben. „Bitte”, winselte sie geradezu, „niemand will mir sonst helfen. Die Polizei hält es für einen Unfall, ihre Kollegen zucken nur mit den Schultern – sie sind der letzte, bitte.”

„Ich”, begann Quirin, unterbrach sich und begann von neuem: „Ich kann es zumindest versuchen, aber ich muss sie bitten, erwarten sie nicht zu viel!” Sie nickte und wirkte, als würde sie mit allem einverstanden sein, wenn er nur irgend etwas machte. Er ließ sich die Anschrift des Campingplatzes geben und fühlte sich wie ein waschechter Betrüger, als er auf den Preis zu sprechen kam und einen Hunderter pro Tag plus Spesen herausschlug. Am nächsten Tag, gleich Morgens, versprach er, würde er die Ermittlungen aufnehmen.

Copyright by Norman Liebold, 2008.


    Kontext - “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht ess… « Essen Infos sagt am 2. September 2008

    [...] Im Gegensatz dazu meinen heute diejenigen, die von ‘Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen” reden, garantiert nicht die, die es sich leisten können nicht zu [...]


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