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Der Kulturgeist

Der Kulturgeist – Venusberg

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.05.2007 unter Auszug, Der Kulturgeist, Kunstmärchen

Erschienen in: Liebold, Norman: Der Kulturgeist. Und andere Dämonen. Königswinter 2008.

[…] Es war eine Qual, mit wildem Herumgekurbel in einer Gasse zu wenden, die kaum breiter als sein Wagen lang war. Um so mehr, als daß hinter ihm mehrere andere Wagen eng gedrängt standen. Vielleicht waren sie ihm in der Annahme gefolgt, daß er wußte, wo es heraus ging aus diesem – Labyrinth. In der Tat, das war die treffendste Bezeichnung: Labyrinth. Daß die Gassen und Gässchen am Fuße des Venusberges durchaus – besonders, wenn man betrunken oder innerlich aufgewühlt hindurch stolperte – labyrinthafte Züge annehmen konnten, hatte er mehr als einmal erfahren. Immerhin, pflegte er in letzter Zeit scherzhaft zu bemerken, gehörte sich das für einen ordentlichen Venushügel, zumal, wenn er kein Hügel mehr war, sondern schon ein richtiger Berg. Beim zweiten Mal, als Uli sich verfuhr, hatte er noch daran gedacht und schief in den Rückspiegel gegrinst: Der Venusberg wollte ihn scheinbar nicht loslassen. Beim vierten Mal allerdings begann er zu fluchen, und jetzt fühlte er sich völlig ausgelaugt. Daß ihm der Rücken ganz erheblich schmerzte und sich massiver Kopfschmerz wummernd ankündigte, hob seine Stimmung nicht im Geringsten, und daß die Tankanzeige bereits im roten Bereich vibrierte, ließ langsam eine Furcht in ihm aufsteigen, die er sich nicht richtig erklären konnte. Sie grenzte an ein namenlos schleichendes Grauen. Diese nette Stadt mit den süßen Häusern und dem schönen, bewaldeten Berg schmeckte nach etwas, daß sich wie ein Netz immer enger und enger um ihn zog. Mit Rücken- und Kopfschmerzen konnte er noch eine Weile hier herum irren, bis sich irgendwann – und sei es aus Zufall – ein Ausweg fand und er irgendwie auf die B9 rutschte, oder auch auf die 565. Ohne Sprit aber war das ausweglos. Zurück konnte er schließlich nicht, er mußte hier weg.

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Der Kulturgeist – Der Kulturgeist (2007)

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.05.2007 unter Auszug, Der Kulturgeist, Kunstmärchen

Erschienen in: Liebold, Norman: Der Kulturgeist. Und andere Dämonen. Leipzig 2007.


[…] John wurde das Gefühl nicht recht los, daß selbst [der] Umstand freundschaftlicher Verbindlichkeit das brennende Interesse an neuen Klingeltönen für [die] Mobiltelefone, eingehende SMSes und gar lautstarken Telephonaten noch nicht einmal vorübergehend zu dämpfen imstande war. Ausgenommen vielleicht der eine Tisch voller pubertierender Mädchen direkt vor der Bühne. Aber das Interesse hier – sofern die quietschender Töne kichernder Mädchen als solches interpretierbar waren – schien sich weniger auf Musik und Text zu konzentrieren als vielmehr auf bestehende oder potentielle Verbindlichkeiten erotisch-romantischer Natur mit einem oder mehreren der vier Hampelmänner, die möchtegern-politische Songs in einer Qualität herunter schrammelten, daß John sich hatte in die Knöchel beißen müssen. Und nicht nur bei daneben gegriffen Riffs.„Die Gegenwehr ist am attackieren/ wir weiter, tapfer am manifestieren/ der Schmerz ist nicht von Tagen/ es lohnt der Kampf des sozialen Versagens/ jetzt wird alles geschmissen/ der Gegenüber hat verschissen/ die Faust erhoben/ Steine sind nun geflogen/ kämpft… kämpft… Mut… Kämpft/ alerta, alerta Antifaschista/ alerta, alerta Anticapitalistaâ€Wenigstens meinten sie es gut. Oder versuchten es zumindest.

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Der Kulturgeist – Carpe Noctem

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.05.2007 unter Auszug, Der Kulturgeist, Kunstmärchen

Erschienen in: Liebold, Norman: Der Kulturgeist. Und andere Dämonen. Leipzig 2007.


Die Kunst der melancholischen Einsamkeit besteht nicht darin, sich an irgendeinen einsamen Ort zu verkriechen, ins Leere zu starren und möglichst schmerzhaften Erinnerungen und Gedanken nachzuhängen. Wie in einem Gemälde Dunkles durch umgebende Helle erst recht zu Geltung kommt und fahle Blässe erst durch farbenprächtiges Umher, so tritt die eigene Einsamkeit am bemerkenswertesten unter der Geselligkeit anderer hervor und die eigene Tristesse neben ausgelassener Freude.
Minosch liebte es, zu fortgeschrittener Stunde durch die Gassen der still daliegenden Stadt zu trotten, wenn niemand mehr auf den Gassen war, und sich als Ausgestoßener zwischen den Häusern hindurch zu drücken. Er stellte sich vor, wie hinter diesem oder jenem Fenster ein Paar lag, zärtlich aneinander geschmiegt unter warmer Decke, seine Nase im Duft ihres Haares, seine Wange zwischen ihre zierlichen Schultern gebettet. Das Gefühl einer vertrauensvoll sich schmiegenden Wölbung in der Hand, das sanfte Atmen einer Brust, eines Bauches. Schmerzliche Erinnerungen engten ihm den Hals, bis jeder Atemzug schwer fiel und die Welt ringsum von nächtlich Einsam ins bodenlos Verzweifelt wegzukippen begann, alles sich auflöste, bangende Fragen nach der Zukunft im Nichts zerfaserten und jeder Halt sich an den Grundfesten auflöste wie faulendes Fleisch.

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