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Ruhestand

Ruhestand (2)

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.01.2005 unter Auszug, Kriminalistisches, Roman, Ruhestand

“You didn’t know this dead man, McCarthy.
He was a devil incarnate.
I tell you that.”
Sir Arthur Conan Doyle: “The Boscombe Valley Mystery”

ZWEITES KAPITEL

ES WAR KEINE sehr beeindruckende Leiche, die am Ufer des Bitterfelder Meeres lag, und Dörber war froh darum. Beeindruckende Leichen mochten in Fernseh-Serien beliebt sein, in der Wirklichkeit schlugen sie auf den Magen, selbst nach fünfunddreißig Jahren Dienst. Und in letzter Zeit immer stärker – mit dreiundsechzig wurde die Mahnung an die eigene Sterblichkeit langsam unangenehm. Der Tote war höchstens eins sechzig groß, und lag mit dem Gesicht im Sand.
Er trug nichts als eine im Alter gelblich gewordene Unterhose, offenbar aus NVA-Beständen. Der eine Arm lag im Sand, der andere im Wasser – von den Wellen bewegt schien er unbeholfen zu winken. Dörber schaute weg. Das Aufgedunsene der Wasserleiche und die bläuliche Färbung der Haut trat durch die Magerkeit und Blässe des Körpers deutlich hervor, und er haßte das.

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[Norman Liebold, 12.01.2005
Auszug, Kriminalistisches, Roman, Ruhestand
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Ruhestand (1)

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.01.2005 unter Auszug, Kriminalistisches, Ruhestand

Auszug aus: Liebold, Norman: Ruhestand. Siegburg 2005.
—-

“It is an old maxim of mine
that when you have excluded the impossible,
whatever remains, however improbable,
must be the truth.”
Sir Arthur Conan Doyle: “The Boscombe Valley Mystery”

ERSTES KAPITEL

DU HAST DAS nicht ernst gemeint, oder?” war das erste, was Oberkommissar Ratmann sagte, als Dörber die Tür öffnete. Sein Chef mußte sich sofort in den Wagen geworfen haben – es waren keine fünf Minuten vergangen, seit Dörber in der Dienststelle angerufen hatte. “Ich meine das ernst, Paul. Komm erstmal rein – willst Du einen Kaffee?”
Ratmann schnaufte – manchmal erinnerte er Dörber an ein Walroß, und er konnte sich nicht entscheiden, ob wegen des mächtigen Schnauzbartes oder der Körperfülle.
“Du siehst ziemlich müde aus”, stellte Ratmann fest, als sie sich im Wohnzimmer in die Ledersessel fallen ließen. “Du hast nach der – wie nanntest Du es? Verhandlung? – nicht geschlafen, oder?” Dörber kannte diesen Blick. Ratmann argwöhnte etwas und achtete im Moment auf jedes Detail, jedes Wort, jede Nuance des Tonfalles.
“Ich hatte viel nachzudenken, Paul”, gab Dörber zu. “Sehr viel. Die Entscheidung war nicht leicht.”
Ratmann schluckte den Köder, lehnte sich vor und fingerte ungeduldig eine Schachtel Kabinett aus der Dienstjacke. “Vorruhestand!” stieß er kopfschüttelnd hervor, steckte sich die Zigarette hinter das Ohr und suchte nach Feuer. “Herbert, das kann nicht Dein Ernst sein – Du ohne Deinen Job, undenkbar. Du bist Schnüffler, warst immer einer und wirst immer einer bleiben!”

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[Norman Liebold, 12.01.2005
Auszug, Kriminalistisches, Ruhestand
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